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„Gucken Sie in die Luft“: Sie altern? Hier sind die Zutaten der Leichtigkeit

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 4, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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„Gucken Sie in die Luft“Sie altern? Hier sind die Zutaten der Leichtigkeit

04.07.2026, 10:06 Uhr Von Sabine Oelmann
Helge-Schneider-kann-dem-Altwerden-auch-gute-Seiten-abgewinnen
Manchmal ist es auch ganz lustig, alt zu werden. Helge Schneider jedenfalls kann dem Altwerden auch gute Seiten abgewinnen, sagt er immer wieder. (Foto: dpa)

Trauer, Krankheit, vielleicht Einsamkeit: Kann es Momente der Leichtigkeit geben, obwohl wir uns ab einem gewissen Alter mit absoluter Gewissheit dem Ende entgegen bewegen? Ja! Und wie soll das gehen? Pädagoge Kasper rät: Gucken Sie in die Luft – und in Ihre Kindheit.

Sprichworte, die die Situation beschreiben, gibt es wahrlich genug: „Wir alle haben unser Päckchen zu tragen“ ist so eines, oder: „Altwerden ist nichts für Feiglinge“. Stimmt alles. Will man mit 60, wenn einige anfangen, sich über ein Leben ohne Erwerbstätigkeit Gedanken zu machen, aber eigentlich nicht hören. Wir sind doch noch jung, die Lebenserwartung wird mittlerweile so hochgejazzt, dass manche sich geradezu unsterblich fühlen und mit 70 noch Kinder in die Welt setzen in der Erwartung, auf der Hochzeit der Enkel zu tanzen. Ganz so hinausleiern werden wir unsere Lebenserwartung wahrscheinlich nicht können, deswegen ergibt es großen Sinn, sich früh genug damit auseinanderzusetzen, wie es denn nun weitergehen soll, will man den Rest seiner Tage nicht beim Entenfüttern im Park verbringen.

Es wird nicht leichter, sagen wir mal so: Etwa, wenn gute Freunde oder auch der Partner verstorben sind. Oder man selbst wortwörtlich schmerzlich feststellt, dass einem der eigene Körper Grenzen setzt. Bleibt da noch Raum für Leichtigkeit, Heiterkeit, Unbekümmertheit? „Ja“, sagt Pädagoge und Buchautor Bertram Kasper („Die größte Reise deines Lebens: Mit Gelassenheit älter werden“). Aus welchen Zutaten Leichtigkeit besteht – und wie man sie in seinen Alltag einladen kann, verrät er in seinem neuen Buch.

Denn Leichtigkeit ins Leben einziehen zu lassen, fällt manchen Menschen leichter, manchen schwerer. „Das hat viel mit dem Blick auf sich selbst zu tun“, so Bertram Kasper. „Und auch damit, wie man auf Entwicklungen schaut, die das Alter mit sich bringt und die natürlich schwierig sein können.“ Kasper schafft es, dieses sperrige Thema so zu formulieren – in den einzelnen Kapiteln geht er in einen Dialog und man fühlt sich sofort mitgenommen – dass man sich wünscht, mit ihm sofort in selbigen zu treten. Als Gastgeber des Podcasts „gelassen älter werden“ ist er vielen Menschen sowieso bereits vertraut.

Kasper nimmt die Leserin und den Leser mit auf eine persönliche, kluge und oft überraschend heitere Reise. Er spricht über Themen, die viele bewegen, doch selten offen angesprochen werden – vom Wandel der eigenen Identität über neue Formen der Lebensgestaltung bis hin zur bewussten Auseinandersetzung mit dem Tod.

Wer bin ich, wenn ich nicht mehr gebraucht werde?

Kasper geht ans Eingemachte und berichtet von der selbst bestimmten Entscheidung seines Vaters am Lebensende, seiner folgenden existenziellen Krise und einem Thema, dem wir uns wohl alle stellen müssen: Angst. Der Autor hat die seltene Gabe, fundamentale Momente des Umbruchs in einer Sprache zu formulieren, die gleichzeitig präzise und tröstlich ist. Inspiriert von Gesprächen aus dem Podcast und angereichert mit persönlichen Einsichten und gesellschaftlichen Beobachtungen, ist dieses Buch eine Einladung, sich selbst neu zu begegnen – mit mehr Ruhe, mehr Tiefe und dem Mut, auch die Endlichkeit des Lebens anzunehmen.

Leichter gesagt als getan, oder? Und doch ist es möglich, dass wir uns erkennen und verstanden fühlen. Denn es geht um die Ermächtigung, das eigene Leben weiterhin in die Hand zu nehmen. 

Akzeptieren, loslassen, nett sein (zu sich)

Sein Ansatz ist, das Altern als „ständige Akzeptanzübung“ zu betrachten. Erkennen wir unsere Realität an und schmieden wir einen Plan, wie wir das Beste aus ihr machen können, passiert nämlich etwas Entscheidendes: Wir bleiben nicht im inneren Widerstand, sondern lassen los. „Eine Voraussetzung für Leichtigkeit“, so Kasper, der sich selbst als Altersstratege bezeichnet.

Manchmal raubt uns auch der Blick in die Vergangenheit die Chance auf Leichtigkeit, etwa, wenn das Gehirn endlose „Was wäre gewesen, wenn?“-Schleifen dreht. Hier kann das Konzept der „Ich-Integrität“ des deutsch-amerikanischen Entwicklungspsychologen Erik Erikson (1902-1994) hilfreich sein. Die „Ich-Integrität“ beschreibt dabei einen Zustand, in dem man wohlwollend auf sein Leben zurückschaut und zugleich anerkennt, dass Dinge nicht immer gut gelaufen sind. Kasper nennt ein Beispiel: „Man kann anerkennen, dass man nicht immer ein guter Vater war, weil man zu viel gearbeitet hat. Aber man macht sich klar: Ich habe mein Bestes gegeben.“ Wenn man selbst schon denkt, dass man vielleicht kein guter Vater war, dann hilft auf jeden Fall, mit den (erwachsenen) Kindern darüber zu sprechen. Zu sagen, dass man nicht perfekt war. Nicht perfekt ist. Dass man zum ersten Mal Vater war und überfordert. Oder vor Sorge kaum schlafen konnte, weil man sich ständig überlegt hat, wie man alles hinkriegt.

Akzeptieren, loslassen, nett zu sich selbst sein: All das hilft dabei, Leichtigkeit ins Leben einzuladen. Doch nicht jeder kann Muster, die sich über Jahrzehnte gefestigt haben, so einfach überwinden. Wenn der Leidensdruck zu groß wird, ist psychotherapeutische Unterstützung sicher sinnvoll. Auch, wenn man früher nie beim Psychiater oder Coach war.

Vier Impulse für mehr Leichtigkeit im Alter

Fragen Sie sich doch mal wieder, wann Sie sich leicht fühlen? Vielleicht in Augenblicken, in denen wir präsent sind? Unser Kopf nicht in der Vergangenheit oder Zukunft hängt? Hier sind jedenfalls vier Ideen, die uns mehr in den Moment holen.

Rituale bewusst erleben: Der Kaffee am Morgen auf dem Balkon, der kleine Spaziergang am Nachmittag, denn wiederkehrende Rituale bringen uns dazu, auf uns und unsere Umgebung zu achten – und Veränderungen wahrzunehmen. Dadurch entsteht Präsenz im Moment.

Nichtstun: In vielen von uns steckt der Glaubenssatz „Ich darf nicht faul sein!“ Doch, dürfen Sie, ab und zu: „Nur wenn wir aufhören, ständig etwas erreichen zu wollen, kann Leichtigkeit überhaupt erst entstehen. Es geht nicht um ein Ziel oder Output“, so Kasper. Eine extreme Variante davon hat er sich für seinen eigenen Ruhestand vorgenommen: „Ich wollte lernen, einfach mal eine Weile in die Luft zu gucken.“ Es geht also um ein zweckloses Dasein – für das es übrigens in den Niederlanden einen eigenen Begriff gibt: „niksen“.

Nach dem Flow-Gefühl suchen: Ob tanzen, stricken, schrauben, malen: Vergessen wir bei einer Tätigkeit alles um uns herum und erst recht die Zeit, sind wir in einem Flow-Zustand. Auch der ist eng mit Leichtigkeit verbunden. „Ich konzentriere mich dann nämlich voll auf eine einzige Sache“, so Kasper. Was für eine Sache das genau sein kann? Das lässt sich am besten mit einem Blick in die eigene Kindheit herausfinden: Worin ist man damals stundenlang versunken? Diese Aktivität könnte man sich nun – auch nach einer jahrzehntelangen Pause – wieder vornehmen.

Mit der Körperhaltung arbeiten: „Wenn sich Menschen so richtig leicht fühlen – egal in welchem Alter – fangen sie wieder an, zu hüpfen“, beobachtet Bertram Kasper. Grazil wie ein Reh über eine Wiese zu springen, ist mit Arthrose und Co. womöglich nicht mehr drin: Aber schwingende, tänzelnde Bewegungen oder ein Lächeln werden drin sein.

Bertram Kasper gibt daher den Impuls, mit dem eigenen Körper zu arbeiten – und ihn bewusst zu bewegen und aufzurichten. „Tanzen und Co. können Erinnerungen aktivieren an Momente voller Leichtigkeit in unserem Leben.“ Jede Bewegung ist gut. Und lernen kann man auch noch bis ins hohe Alter, zum Beispiel eine Sprache wie Französisch oder Spanisch, die Ihnen durch das Lehrpersonal damals vermiest wurde. Und da wir mit dummen Sprüchen angefangen haben, enden wir auch so: „Es ist nie zu spät.“ Darüber nachzudenken lohnt sich auf jeden Fall.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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