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Deutsche Soldaten im Unabhängigkeitskrieg vor 250 Jahren: Die Hessen kommen – und sorgen in den USA für Schrecken

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 4, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Deutsche im Unabhängigkeitskrieg„Die Hessen kommen“ – und sorgten in den USA für Schrecken

04.07.2026, 11:03 Uhr Von Markus Lippold
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Hessische Soldaten bei einer nächtlichen Patrouille während des Unabhängigkeitskriegs in den USA (Aquatinta-Radierung von 1799). (Foto: picture-alliance / akg-images)

Die Truppen reichen nicht. Um die rebellierenden Kolonien in Nordamerika niederzuwerfen, braucht der britische König George III. mehr Soldaten. Er findet sie in Hessen – ihnen eilt ein Ruf voraus. Doch auch bei den Rebellen kämpfen ab 1775 Deutsche im Unabhängigkeitskrieg. Nach einem ist bis heute eine Parade benannt.

„Ihr lausigen Rebellen ihr, Gebt vor uns Hessen Acht! Juchheisa nach Amerika, Dir Deutschland gute Nacht!“ Diese Liedzeilen singen Soldaten aus Hessen-Kassel bei ihrem Abschied aus Europa. Sie machen sich auf in die neue Welt, wo sie im Unabhängigkeitskrieg an der Seite Großbritanniens gegen die rebellierenden Amerikaner kämpfen sollen.

Freiwillig überqueren die Soldaten den Atlantik nicht, viele von ihnen wurden zwangsrekrutiert. Denn Landgraf Friedrich II. muss den Briten Soldaten liefern. Am 15. Januar 1776 hat er einen Vertrag unterzeichnet mit König Georg III., mit dem er verwandtschaftlich verbunden ist. Jährlich 600.000 Pfund erhält der deutsche Graf für zunächst 12.000 Soldaten, am Ende sind es fast 17.000. Der Aufmarsch kann sich sehen lassen: 15 Linienregimenter, vier Grenadier-Bataillone, drei Feldjäger-, zwei Jäger- und eine Artillerie-Kompanie.

Ungewöhnlich ist die Soldaten-Vermietung zu dieser Zeit nicht. Hessen-Kassel kann mit ihr die klamme Staatskasse füllen. Auch die deutschen Fürstentümer Braunschweig-Lüneburg, das in Personalunion vom britischen König regiert wird, Hessen-Hanau, Ansbach-Bayreuth, Waldeck-Pyrmont und Anhalt-Zerbst entsenden gut ausgebildete Kontingente zu den Briten. In Amerika werden aber alle unter einem Begriff zusammengefasst: „Hessen“ (Hessians). Insgesamt kommen fast 30.000 deutsche Soldaten zusammen. Sie stehen zwar unter britischem Oberkommando, behalten aber ihre Uniformen und werden von deutschen Offizieren angeführt.

„Die Hessen gaben kein Pardon“

Bei den amerikanischen Rebellen wird der Ausspruch „Die Hessen kommen!“ zum geflügelten Wort, in dem die Furcht vor deren Grausamkeit mitschwingt. Ihnen werden eine barbarische Kampfweise, Plünderungen und Massenvergewaltigungen vorgeworfen. Doch vieles davon ist Propaganda. „Die Erzählungen über die brutalen Hessen gingen schon los, bevor die Hessen überhaupt da waren“, sagt der Historiker Michael Hochgeschwender im Gespräch mit ntv.de. „In den Kolonien glaubte man auch, die Hessen seien irgendwelche Wilden aus deutschen Wäldern, die rauben, brennen, morden und vergewaltigen“, fügt der Experte von der Ludwig-Maximilians-Universität München an.

Aber es gibt eine Ausnahme: „Die einzige Einheit, die heraussticht, sind die sogenannten Jäger“, sagt Hochgeschwender. Diese hätten sich mit irregulären britischen Truppen verbunden, den Dragonern. „Das waren Anti-Guerilla-Einheiten, sie waren für diesen Kampf trainiert und ziemlich brutal“, so der Historiker. Brutal wird der Krieg von beiden Seiten geführt, es gibt auch Kriegsgräuel. Mit Plünderungen bessern Soldaten mitunter ihren Sold und die Verpflegung auf. Aber auch an Hinrichtungen von Kriegsgefangenen und verwundeten Gegnern sind Deutsche beteiligt.

„Die Hessen und unsere mutigen Highlander gaben kein Pardon“, zitiert der amerikanische Historiker Joseph J. Ellis in seinem Buch „1776“ einen britischen Offizier nach der Schlacht von Long Island. „Es war ein schöner Anblick, mit welchem Eifer sie die Rebellen mit dem Bajonett erledigten“. In anderen Quellen wird demnach beschrieben, „wie Hessen amerikanische Gefangene mit ihren Bajonetten an Bäume spießten“. Solche Gräueltaten seien eher die Ausnahme als die Regel gewesen, schreibt Ellis, doch die amerikanischen Zeitungen hätten breit darüber berichtet.

Der Einsatz ausländischer Truppen stachelt die Wut der Amerikaner noch an, manch einer wendet sich deshalb den Rebellen zu. Das spiegelt sich auch in der Unabhängigkeitserklärung, mit der sich die USA am 4. Juli 1776 von Großbritannien lossagen. Dem britischen König George III. wird darin vorgeworfen, „große Heerscharen ausländischer Söldner“ heranzuschaffen, „um das Werk des Todes, der Verwüstung und der Tyrannei zu vollenden“. Gemeint sind vor allem die Deutschen, die nicht als britische Hilfstruppen gesehen, sondern abschätzig als Söldner bezeichnet werden.

Preußen erkennt die USA früh an

Ganz so systematisch wie auf britischer Seite werden Deutsche auf der Seite der Rebellen nicht eingesetzt. Aber es gibt sie natürlich. Deutsche Siedler in Amerika kämpfen auf beiden Seiten, etwa in den Milizen der Kolonien. Der Kontinentalkongress stellt im Mai 1776 zudem ein Deutsches Regiment auf, in dem deutschstämmige Kolonisten aus Pennsylvania und Maryland kämpfen. Eine Besonderheit ist das Regiment Royal Deux-Ponts, das auch Zweibrücken genannt wird. Es gehört zu den französischen Verbündeten der Rebellen, in ihm dienen aber überwiegend deutschsprachige Soldaten.

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Auf dem Kupferstich sind hessische Soldaten zu sehen, die nach der Schlacht von Trenton durch Philadelphia geführt werden. Der Bevölkerung sollte so die Angst vor den deutschen Soldaten genommen werden. (Foto: picture-alliance / akg-images)

Hilfe aus deutschen Ländern erhalten die Rebellen wenig. Preußenkönig Friedrich der Große unterstützt sie zwar anfangs indirekt, indem er Handelsbeziehungen aufbaut und den Verkauf von Waffen zulässt. Zudem verbietet er Anwerbeversuche der Briten in Preußen. Später rückt er aber von dieser Politik ab. Dafür gehört Preußen zu den ersten Ländern, die die Staatlichkeit der USA anerkennen: 1785, kurz nach Ende des Krieges, wird ein Freundschafts- und Handelsvertrag geschlossen – der weltweit erste Vertrag mit humanitären Regeln für Kriegsgefangene.

Bekannt sind auf Rebellenseite aber einzelne deutsche Soldaten und Offiziere, die sich auf eigene Faust der Kontinentalarmee anschließen oder ihre militärischen Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Dazu zählen zum Beispiel Johann von Kalb und Friedrich Wilhelm von Woedtke. Berühmt ist vor allem der preußische Offizier Friedrich Wilhelm von Steuben, der 1777 nach Amerika reist. Sein großes Verdienst ist die Modernisierung der Ausbildung der zusammengewürfelten Armee. Nach preußischem Vorbild formt er sie zu einer schlagkräftigen Truppe und schreibt als Generalinspekteur das erste Drillhandbuch, inklusive Exerzierregeln und Hygieneregeln. Das macht ihn zu einer Legende, nach dem die jährliche Steubenparade in New York benannt ist.

Männer wie Steuben mögen einen Unterschied machen. Insgesamt fällt der deutsche Beitrag auf der Seite der Rebellen aber nicht so stark ins Gewicht – wichtiger sind hier die Franzosen. Für die Briten aber sind die deutschen Truppen unentbehrlich. Im Gegensatz zur Royal Navy hat das Heer keinen guten Ruf. Die Hessen dagegen seien „sehr disziplinierte und kriegserfahrene Truppen“ gewesen, erklärt Historiker Hochgeschwender. „In einer geordneten Feldschlacht waren sie fast nicht zu besiegen.“

Kriegshelden und Gruselfiguren

Zum Einsatz kommen sie überall, vom heutigen Kanada bis zu den südlichen Kolonien an der Ostküste. Sie kämpfen in Linienschlachten, erst mit Musketen und Artillerie, dann im Nahkampf mit Bajonetten, Messern und Äxten. Mit Büchsen ausgestattete Jäger und Scharfschützen greifen auch in den Partisanenkrieg gegen Rebellenmilizen ein und liefern sich Kämpfe mit den amerikanischen Riflemen, Eliteeinheiten der Kontinentalarmee.

Die Hessen machen mitunter den Unterschied, etwa in der Schlacht von Long Island 1776. Sie erleben aber auch krachende Niederlagen. Nachdem die Kontinentalarmee unter George Washington Weihnachten 1776 den vereisten Fluss Delaware überquert hat, gelingt ihr in der Schlacht von Trenton ein Überraschungsangriff, bei dem fast 1000 hessische Soldaten gefangen genommen werden. Sie werden anschließend auf einem Triumphzug durch Philadelphia vorgeführt, um der Angst vor den Deutschen entgegenzuwirken. Eine Katastrophe erleben die deutschen Truppen auch in der Schlacht von Bennington 1777, als Rebellenmilizen rund 1000 Soldaten töten oder gefangen nehmen.

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Friedrich Wilhelm von Steubens Auswanderung nach Amerika wird heute von manchen Historikern darauf zurückgeführt, dass ihm in Deutschland eine Anklage wegen homosexueller Handlungen drohte. Ob das stimmt, ist unklar. (Gemälde von Ralph Earl) (Foto: H. Armstrong Roberts)

Mitunter haben die deutschen Truppen, vor allem die Linienregimenter, aber Probleme, sich an die ungewohnten Methoden der Kriegführung in der Weite des nordamerikanischen Kontinents zu gewöhnen. „Da die Hessen prinzipiell unter eigenem Kommando kämpften, zeigten sie in Situationen, in denen es auf Spontaneität, Eigeninitiative und Geschwindigkeit angekommen wäre, wenig Einfallsreichtum“, schreibt Hochgeschwender in seiner Gesamtdarstellung „Die Amerikanische Revolution“. Klimatische Bedingungen und Ernährung sowie Krankheiten aufgrund mangelnder Hygiene machen nicht nur den Deutschen zu schaffen. „Das Gros der Soldaten starb weder in der Schlacht noch an Verletzungen, sondern ganz banal an Krankheiten“, schreibt Hochgeschwender. „Durchfallerkrankungen waren gewissermaßen der Normalfall.“

Von den fast 30.000 deutschen Soldaten auf britischer Seite kehren nach Kriegsende etwa 17.300 zurück nach Europa. 1200 sind im Kampf gefallen, mehr als 6500 verloren ihr Leben durch Krankheiten oder Unfälle. Etwa 5000 deutsche Soldaten bleiben dagegen als Siedler in den USA oder Kanada – hier versprechen sie sich nicht nur eigenes Land, sondern auch mehr Freiheit als bei ihren Landesherren, die sie einst unter Zwang in einen fremden Krieg schickten.

Übrigens: Eingang nehmen die Hessen nach dem Krieg auch in die amerikanische Kultur: In der „Legende von Sleepy Hollow“ von Washington Irving, die bereits mehrfach verfilmt wurde, ist der kopflose Reiter der Geist eines hessischen Söldners. Dieser reitet nachts zu einem ehemaligen Schlachtfeld, um nach seinem abgeschlagenen Kopf zu suchen. Die einst gefürchteten Hessen sind zu Gruselfiguren geworden.

Quelle: ntv.de

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