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Politik

Hinweise auf massive Missstände in oberbayerischer Rehaklinik

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 25, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Exklusiv

Stand: 25.08.2026 • 05:00 Uhr

BR-Recherchen zeigen schwere Missstände in einer geriatrischen Rehaklinik in Oberbayern. Ein weiteres Haus der Betreiber wurde im Frühjahr aus ähnlichen Gründen geschlossen. Hauptgesellschafter ist ein Finanzinvestor.

Von Claudia Gürkov, Kira Lorenz und Ludwig Spitaler, BR

Stephan L. steht vor der geriatrischen Rehaklinik in Bruckmühl. Er ist sicher, der Aufenthalt hier hat seiner betagten Mutter eher geschadet als geholfen. Die Seniorin hatte Blasenkrebs und gerade einen künstlichen Ausgang, ein sogenanntes Stoma, bekommen, als sie im Oktober 2024 hier ankam. Die Reha musste sie nach wenigen Tagen abbrechen, erzählt Stephan L.: „Der künstliche Blasenausgang muss spätestens alle drei Tage gereinigt und desinfiziert werden. Das ist nicht passiert.“ Seine Mutter kam mit einer schweren Infektion in ein Krankenhaus.

Auf Beschwerden der Familie hin kommt 2025 ein Entschuldigungsschreiben der Geriatrischen Rehabilitation Oberbayern Bruckmühl GmbH, das dem BR vorliegt.

Immer wieder Hinweise auf Missstände

Senioren und Angehörige von Patienten, die zwischen 2024 und Mitte Juli 2026 in der Rehaklinik Bruckmühl waren, erheben im Interview mit report München schwere Vorwürfe: Demnach erhielten manche der Patienten in der Rehaklinik Bruckmühl nicht die verordneten Medikamente, in mehreren Fällen verschwanden mitgebrachte Medikamentenvorräte. Wunden oder künstliche Ausgänge sollen teils nicht oder unzureichend versorgt worden sein.

Außerdem, berichten Gesprächspartner, habe es nur wenige Anwendungen gegeben. Es sei zu wenig Personal vor Ort gewesen, auf Klingeln habe das Personal teils erst sehr spät reagiert. Das Essen wird übereinstimmend als zu wenig und von schlechter Qualität beschrieben. Teils nahmen Patienten stark ab.

Das zuständige Landratsamt Rosenheim schreibt dem BR, es hätten seit 2023 regelmäßige Begehungen stattgefunden. Auf einzelne Patientenbeschwerden habe die Klinikleitung zeitnah reagiert. Nach einer unangekündigten Routinekontrolle im Frühjahr seien keine Maßnahmen erforderlich gewesen.

Betreiber lassen Vorwürfe zurückweisen

Die Betreiber haben eine Agentur für Krisenkommunikation mit der Antwort an den BR beauftragt: Sie weist Vorwürfe – insbesondere zum Umgang mit Medikamenten und zu überlangen Reaktionszeiten auf Patientenrufe – zurück. Strukturell bedingte Patientenschädigungen oder einen patientengefährdenden Betrieb habe es demnach nicht gegeben.

Der PR-Berater betont, wie viel investiert und an Prozessen und Strukturen geändert worden sei. In Bruckmühl hätten die Bemühungen der Betreiber zu „einer nachhaltig funktionierenden geriatrischen Rehaklinik geführt“.

Todesfälle in anderer Klinik des Betreibers

Ganz ähnliche Missstände hatte das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen in der anderen geriatrischen Rehaklinik der Betreiber in Lenggries vorgefunden. Seit 2023 ermittelt die Staatsanwaltschaft München II, sie prüft inzwischen eine mittlere zweistellige Zahl an Todesfällen. Außerdem ermittelt sie wegen des Verdachts auf vorsätzliche Körperverletzung.

Das Haus wurde im Frühjahr 2026 nach erneuten schweren Mängeln bei Patientenversorgung, Personal und Hygiene geschlossen. Das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen hatte die Rehaklinik in Lenggries zuvor regelmäßig und teils unangekündigt kontrolliert. Von Betreiberseite heißt es: „Patienten wurden nicht gefährdet, geschweige denn konkret geschädigt.“ Er betont, dass man die Klinik Lenggries aus wirtschaftlichen Gründen, nicht aufgrund medizinischer Qualitätsmängel geschlossen hätte.

Finanzinvestor als Hauptgesellschafter

Hauptgesellschafter der Betreiberholding beider Rehakliniken ist seit 2020 der Finanzinvestor Auctus. Auf Anfrage heißt es von Auctus, man nehme die Vorwürfe sehr ernst, sei aber nicht in den medizinischen oder pflegerischen Betrieb der Kliniken eingebunden.

Der Finanzinvestor betont: „Wir haben zu keinem Zeitpunkt Gewinn- oder Renditeziele für die Kliniken vorgegeben.“ Gewinne habe man nicht gemacht.

Investoren an deutschen Rehakliniken interessiert

2023 waren laut Statistischem Bundesamt rund 66 Prozent der Reha-Betten in Deutschland in privater Hand. Der US-Immobiliendienstleister Cushman & Wakefield empfiehlt Anlegern im Januar 2024 zu investieren: „Die Reha-Immobilie erfreut sich dank stabiler Belegungsquoten, sicherer Cashflows durch langfristige Mietverträge, geringer Kostenrisiken und attraktiver Renditen großer Beliebtheit im institutionellen Anlegerportfolio.“

Andreas Beivers von der Hochschule Fresenius München versteht das Interesse der Investoren: Aufgrund der Alterung der Gesellschaft bestehe ein wachsender Bedarf an geriatrischen Rehakliniken. Es spreche bei guter Versorgung nichts gegen Rendite im Gesundheitswesen, so Beivers, aber es müsse klare Regeln geben. Er schlägt vor, längerfristige Investitionen zu verlangen. Bei schlechter Versorgung müsse es zudem Sanktionen geben: „Es muss vermieden werden – unabhängig vom Träger – dass Einsparungen zu Lasten der Patienten gehen.“

Intransparentes System

Das Reha-System in Deutschland ist intransparent. Die Versorgungsverträge handelt jeder Betreiber mit den einzelnen Krankenkassen aus. Hinzu kommen Schlupflöcher bei der Vergütung, erklärt eine hochrangige Quelle aus der Gesetzlichen Krankenversicherung: „Rehaklinikbetreiber legen uns Kalkulationen vor. Das ist die Vorhersage, was der Betreiber in den nächsten zwölf Monaten an Ausgaben erwartet. Wir können nicht einmal im Nachgang konkrete Belege für diese Kalkulationen fordern.“

Pro Patient erhält eine geriatrische Rehaklinik am Tag eine Pauschale zwischen 280 und 350 Euro, berichtet die GKV-Quelle. Die Kassen können nicht sehen, welche Therapien ein einzelner Patient bekommt. Die Rehaklinikbetreiber reichen die Gesamtzahl der dokumentierten Anwendungen ein, keine Belege. Auch die Auslastung einer Rehaklinik können die Krankenkassen nicht prüfen, sie wissen nur von ihren eigenen Versicherten. So wird wie im Fall der Rehaklinik in Lenggries eine Überbelegung möglich.

Lücken bei der Aufsicht von Rehakliniken

Auf BR-Anfrage schreibt die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände in Bayern (ARGE), die Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten seien gesetzlich eingeschränkt: „So sind beispielsweise unangekündigte Kontrollen gesetzlich nicht vorgesehen.“ Tatsächlich muss sich der Medizinische Dienst, den die Kassen mit Kontrollen beauftragen, 48 Stunden vorher ankündigen. Und auch dann darf er im Wesentlichen nur Papiere und Strukturen prüfen.

Landratsämter hingegen dürfen unangekündigt kontrollieren. Die größte Hürde sehen Kasseninsider darin, dass Krankenkassen und Landratsämter aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht zusammenarbeiten dürfen. Der Münchner Gesundheitsökonom Andreas Beivers hält eine Zusammenarbeit von Ämtern und Medizinischem Dienst für notwendig. Der Experte regt an, dass die Bundesländer analog zu den bestehenden Krankenhausplänen einen Rehaklinikplan entwickeln. Damit wäre auch der Reha-Markt stärker unter staatlicher Aufsicht.

Mehr zu diesem Thema sehen Sie heute bei report München um 21.45 Uhr im Ersten.

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