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Hypermaskulinität in US-Armee: Pete Hegseth sieht es als „heilige Pflicht“, Soldaten mit Testosteron vollzupumpen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 16, 2026Keine Kommentare8 Minuten Lesezeit
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Hypermaskulinität in US-ArmeePete Hegseth sieht es als „heilige Pflicht“, Soldaten mit Testosteron vollzupumpen

16.07.2026, 18:07 Uhr Von Friederike Zörner

Mit seiner Ankündigung, Soldaten ab 30 auf ihren Testosteronspiegel testen und ihnen gegebenenfalls das Hormon spritzen lassen zu wollen, verursacht Pete Hegseth Schlagzeilen. Doch der Schritt des Pentagonchefs kommt wenig überraschend, folgt er doch einer fundamentalen Ideologie und einem prominenten Vorbild.

Sie schwitzen gemeinsam, machen Klimmzüge, joggen, stemmen Gewichte. Pete Hegseth stellt sich gerne als fitter US-Verteidigungsminister im Kreise seiner Soldaten dar. Und er ist nicht allein. Neben ihm strengt sich des Öfteren ein älterer Mann an, in Jeans gekleidet und mit freiem Oberkörper. Es ist Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. Seine Fitness hat er nach eigenen Angaben einer bestimmten Lebensweise zu verdanken – und einem Hormon: Testosteron. Denn das lässt er sich seit einigen Jahren verabreichen.

Der erklärte Spritzengegner Kennedy – wenn es um Impfstoffe geht – hilft also bei der eigenen Gesundheit nach und ist damit jetzt ein Vorbild für die gesamte US-Armee. Am Mittwoch verkündete Hegseth, bei allen Soldaten ab 30 Jahren werde bei ihrem jährlichen Medizincheck in Zukunft auch der Testosteronspiegel getestet. Diejenigen, die einen niedrigen Wert haben, sollen die Möglichkeit bekommen, künstlich nachzuhelfen. Medienberichten zufolge ist noch nicht bekannt, ob es Konsequenzen für Soldaten gibt, wenn sie einer Behandlung nicht zustimmen. Auch ist unklar, ob der Hormonspiegel von Frauen im Dienst getestet und entsprechende Maßnahmen veranlasst werden sollen. In US-Medien gibt es dazu unterschiedliche Angaben. Zieht man den immer wieder geäußerten Fokus Hegseths auf männliche „Krieger“ in Betracht, ist dies eher unwahrscheinlich. Schließlich sollten aus seiner Sicht Frauen im Kampfeinsatz keine Rolle spielen.

Genau darum geht es dem Pentagonchef, der sich seit geraumer Zeit „Kriegsminister“ nennt. Die männlichen Soldaten sollen fit sein, einsatztauglich, stark. Es sei seine „heilige Pflicht“, sagt er in einem Video, das er am Mittwoch auf der Plattform X teilte, den „einzelnen Kämpfer“ als wichtigsten taktischen Vorteil der USA zu bewahren. Mit dem „richtigen Testosteronlevel“ soll gewährleistet sein, dass der Soldat auf seinem „absolut besten“ Niveau im Einsatz ist. Sein Ministerium solle das „High-T Department of War“ werden.

Dabei gehe es nicht um eine „künstliche Leistungssteigerung“, betonte Hegseth. „Wir schulden unseren Kriegern die absolut beste medizinische Versorgung der Welt, und dieses Programm löst diese Verpflichtung ein.“ Weiter sagte er an die Soldaten gerichtet: „Sich um eure langfristige Gesundheit zu kümmern, bedeutet sicherzustellen, dass ihr stark, widerstandsfähig und leistungsfähig bleibt – nicht nur für euren nächsten Einsatz, sondern für den Rest eures Lebens, damit ihr auch lange nach dem Ablegen der Uniform erfolgreich sein könnt.“

Ganzheitliche Fitness der Streitkräfte

In den vergangenen Monaten schuf die US-Regierung schon Vorkehrungen für den nun verkündeten Beschluss: So veranlassten die Arzneimittelzulassungsbehörde FDA und das Gesundheitsministerium, dass frühere Warnhinweise auf den Verpackungen von Testosteron-Präparaten verschwinden und Hürden für den Einsatz durch medizinische Fachangestellte verringert werden, sodass mehr Männer Zugang dazu erhalten. Wie die „Military Times“ zudem im Juni berichtete, setzte das Pentagon zuletzt klammheimlich eine Strategie in Gang, um den Ansatz der verschiedenen Teilstreitkräfte zur Steigerung der menschlichen Leistungsfähigkeit und zum Erreichen einer „Total Force Fitness“, einer ganzheitlichen Fitness der Streitkräfte zu vereinheitlichen. Dafür sollten „Technologien zur Leistungssteigerung“ eingesetzt werden.

Das, was die Regierung von US-Präsident Donald Trump am liebsten Transpersonen komplett verweigern würde und was im Leistungssport hinlänglich als Doping gilt, soll nun den männlichen Soldaten der US-Armee zu ungeahnten Kräften verhelfen. Viele Influencer und Befürworter von Kennedys „Make America Healthy Again“-Bewegung und preisen laut der Nachrichtenagentur AP Testosteron als Mittel an, um jünger auszusehen, Muskeln aufzubauen und geistig fit zu bleiben. Dabei seien diese Verwendungszwecke von den meisten medizinischen Experten aber nicht anerkannt.

Mohit Khera, der Angaben der BBC zufolge im vergangenen Jahr ein Expertengremium der FDA zu dem Einsatz von Testosteron im Militär leitete, erklärte dem Sender am Mittwoch, dass alle Männer über 30 untersucht werden sollten, da dies der wichtigste Indikator für den aktuellen und zukünftigen allgemeinen Gesundheitszustand einer Person sei. „Der Schlüssel hierbei ist, dass viele junge Männer einen niedrigen Testosteronspiegel haben, was sie in Bezug auf Muskelmasse und Energie benachteiligt, und das könnte ein Problem sein, wenn man sich im Kampf befindet“, wird Khera, Professor für Urologie am Baylor College of Medicine, zitiert.

Ab dem 40. Lebensjahr sinkt der Testosteronspiegel bei Männern in der Regel um ein Prozent pro Jahr, sagt Medizinjournalist Christoph Specht zu ntv. Sollten schon jüngere Männer ein zu niedriges Level haben, gäbe es klassische Mangelsymptome. Dazu zählten Libidoverlust, mehr Depressionen, höheres Risiko für Osteoporose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, vermehrtes Bauchfett und Diabetes. Das bedeute jedoch nicht automatisch, dass Testosteron eingenommen werden muss. Auch Veränderungen im Alltag – ein gesunder Lebensstil mit Gewichtsverlust, mehr Bewegung und Sport – können dagegen wirken.

„Wenn junge Männer Testosteron einnehmen, kann es sie unfruchtbar machen“

„Man muss vorsichtig sein und darf jemandem nicht einfach Testosteron geben, es sei denn, er hat tatsächlich irgendwelche Symptome“, sagt Mediziner Khera laut BBC. Und genau da liegt die Krux: Experten zufolge kann die Einnahme von Testosteron ohne klinische Indikation auch Nebenwirkungen haben. Frühere Untersuchungen zeigten laut NBC News etwa, dass die Therapie mit Schlaganfällen, Herzinfarkten und gar dem Tod in Verbindung gebracht werden kann. Eine Studie aus dem Jahr 2023 sei allerdings dann zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Testosteron-Ersatztherapie das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen nicht erhöht. Allerdings stellt „The Atlantic“ heraus, dass die US-Prüfbehörde FDA im vergangenen Jahr einen Warnhinweis ergänzte, wonach die Hormontherapie einen erhöhten Blutdruck zur Folge haben kann.

Inwiefern allein der Testosteronwert im Blut – der zudem noch je nach Tageszeit schwanken kann – im Militär zurate gezogen wird oder auch andere Indikatoren wie tatsächliche Symptome eine Rolle spielen sollen, ist offen. Mediziner Khera mahnt so oder so, dass die Ersatztherapie nicht für jeden geeignet sei. „Wenn junge Männer Testosteron einnehmen, kann es sie unfruchtbar machen.“ Auch ein Risiko für das Herz-Kreislauf-System wollte er nicht ausschließen. Erstaunlicherweise brachte Gesundheitsminister Kennedy den Einsatz von Testosteron als Lösung für eine angebliche nationale „Fruchtbarkeitskrise“ ins Spiel, so die BBC.

Die demokratische Kongressabgeordnete Chrissy Houlahan aus Pennsylvania schrieb auf X zu der Ankündigung Hegseths: „Ich bin mir sicher, dass die Testosteron-Industrie begeistert ist. Die Steuerzahler sollten sich fragen, wer von dieser neuesten Obsession im Kulturkampf profitiert.“ Die Veteranin der Air Force nannte das Vorgehen einen Beweis dafür, dass der Pentagonchef Anweisungen direkt aus „den hintersten Ecken der Manosphere“ entgegennimmt. Letzteres meint das Phänomen, das vor allem in sozialen Netzwerken verbreitet ist, und den Fokus auf Hypermaskulinität, Anti-Feminismus und Anti-Wokeness legt. Testosteron wird von den in dieser Hinsicht aktiven Persönlichkeiten als ultimatives Symbol für Männlichkeit und Leistungsfähigkeit glorifiziert.

Militär veranlasste Drogentests nach Todesfall

Neben diesen Abgründen kommt bei Hegseth noch ein weiterer Umstand hinzu: Der 46-Jährige ist Anhänger eines fundamentalistischen christlichen Glaubens. Diesen trägt er nicht nur auf seiner Haut in Form von diversen Tattoos zur Schau, sondern er bezieht sich in öffentlichen Ansprachen, Posts und sogar Dienstanweisungen auf seinen Gott.

Auf seinem persönlichen Account teilte er im vergangenen Jahr einen Beitrag über den radikalen Pastor Doug Wilson mit dem Zitat: „All of Christ for All of Life“ („Alles von Christus für das ganze Leben“). Dieses bezieht sich auf die Anwendung der christlichen Lehre in allen gesellschaftlichen Bereichen. Der Evangelikale Wilson glaubt daran, dass Frauen kein Wahlrecht besitzen und sich vielmehr auf das Gebären von Kindern konzentrieren sollten. Auch für die Anhänger seiner Glaubensauslegung ist ein hoher Testosteronspiegel das Sinnbild für den starken Mann, der seine Familie beschützt und in den Krieg – ob nun im übertragenen Sinne oder nicht – gegen Andersgläubige zieht.

Erst vor wenigen Jahren waren leistungssteigernde Substanzen im US-Militär Gegenstand eines handfesten Skandals. Bei den Navy Seals, die für ihre harten Aufnahmeprogramme bekannt sind, starb ein 24-jähriger Rekrut im Februar 2022 im Zuge der sogenannten „Höllenwoche“. Darin müssen die Kandidaten laut „Business Insider“ unter anderem mehr als 200 Meilen (rund 322 Kilometer) laufen, schwere Baumstämme über den Strand schleppen sowie Schwimmübungen und Sit-ups in kaltem Wasser absolvieren – und zwar sechs Tage lang, mit nur vier bis fünf Stunden Schlaf pro Nacht.

Als Todesursache wurde bei Kyle Mullen zwar eine bakterielle Lungenentzündung ausgemacht, in seinem Auto waren allerdings allerhand leistungssteigernde Substanzen gefunden worden, darunter auch Testosteron. Es stellte sich heraus, dass viele Rekruten zu Drogen griffen, um überhaupt eine Chance zu haben, die fordernden physischen Tests zu überstehen. Zu jener Zeit war das verboten. Die Folge: Ende 2023 führte die Marine regelmäßige Zufallstests ein. Matrosen wurden auf Steroide und andere leistungssteigernde Mittel im Blut untersucht. Es sollte auf „jede hormonelle Substanz“ getestet werden, „die chemisch oder pharmakologisch mit Testosteron verwandt ist und das Muskelwachstum fördert“. Nun vollzieht Hegseth die Kehrtwende. In Zukunft gehört die Verwendung genau solcher Substanzen zur alltäglichen Praxis im US-Militär.

Quelle: ntv.de

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