Inferno in der Nordsee 1916Am Skagerrak zerbrach Deutschlands Traum vom Sieg zur See
Ende Mai 1916 liefern sich 250 Kriegsschiffe vor der dänischen Küste die größte Seeschlacht des Ersten Weltkriegs. Deutschlands Marine erleidet geringere Verluste. Doch an der strategischen Lage ändert sich nichts, die britische Blockade bleibt bestehen.
Gemütlich sitzt Artillerieoffizier Georg von Hase bei einer Tasse Kaffee in der Messe des Schlachtkreuzers „Derfflinger“. Doch die Ruhe währt nur kurz. „Klar Schiff zum Gefecht!“, hallt es plötzlich von allen Seiten. Sofort springt Hase auf und eilt zu seiner Station. Durch das Zielfernrohr erkennt er wenig später die Silhouetten des Gegners.
„Wie eine Herde Riesentiere der Urwelt schoben sie sich durcheinander, mit langsamen Bewegungen, schemenhaft, unwiderstehlich“, erinnert sich von Hase später. Kurz vor 16 Uhr am 31. Mai 1916 eröffnet die „Derfflinger“ das Feuer. Es ist der Auftakt der größten Seeschlacht des Ersten Weltkriegs. Nur wenige Stunden später liefern sich 99 deutsche und 151 britische Kriegsschiffe vor der dänischen Küste einen gigantischen Schlagabtausch.
„Die Schlacht am Skagerrak endete mit einem strategischen Sieg der Briten“, sagt Christian Jentzsch, Militärhistoriker der Bundeswehr, im Gespräch mit ntv.de. „Das gewaltige Aufeinandertreffen zeigte den Deutschen, dass die zahlenmäßig überlegene Grand Fleet nicht zu überwinden war.“
Der Kampf um die Vorherrschaft zur See beginnt schon lange vor der Schlacht. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 schnürt Großbritannien das Deutsche Reich mit einer Seeblockade vom Welthandel ab. Während die kaiserlichen Armeen im Grabenkrieg an der Westfront bluten, sitzt die Hochseeflotte untätig in ihren Häfen fest und setzt sprichwörtlich Rost an. Eine offene Seeschlacht scheuen London und Berlin. Das ändert sich Anfang 1916 mit der Ernennung von Admiral Reinhard Scheer zum Flottenchef. Mit riskanten Vorstößen in die Nordsee will er Teile der britischen Marine anlocken und einzeln vernichten.
In den frühen Morgenstunden des 31. Mai verlässt die Hochseeflotte in voller Stärke Wilhelmshaven Richtung Norden. Was Scheer nicht weiß: Die britische Funkaufklärung hat die deutschen Signale entschlüsselt. Die gesamte Grand Fleet unter Admiral John Jellicoe ist bereits von ihren Basen in Schottland in See gestochen. Beide Admirale glauben, den Feind in eine Falle zu locken.
Am Nachmittag treffen die Aufklärungseinheiten Scheers und Jellicoes bei schlechter Sicht am Skagerrak aufeinander, ohne zu wissen, wo und wie stark der Feind überhaupt ist. Die deutschen Schlachtkreuzer sind zahlenmäßig unterlegen, doch ihre Salven liegen präzise, denn sie verfügen über bessere Entfernungsmesser und stehen günstiger zum Feind.
Wo Granaten einschlagen, durchschlagen sie selbst dicke Panzerungen. Wassersäulen schießen in die Höhe, Splitter reißen alles in Stücke. Der Qualm der Schornsteine, der Pulverdampf und der Rauch brennender Schiffe nehmen den Besatzungen die Sicht. Die Kommunikation zwischen den Einheiten ist unzureichend. Bald ist in dem Durcheinander kaum noch zu erkennen, wer Freund und wer Feind ist.
Im Hagel der Geschosse explodieren die Munitionskammern der Schlachtkreuzer „HMS Indefatigable“ und „HMS Queen Mary“. Von beiden Schiffen bleibt nichts als gigantische Rauchsäulen. „Die Besatzungen der beiden Kreuzer nutzten unsichere Verfahren im Umgang mit der Munition“, sagt Jentzsch. „Um schneller schießen zu können, lagerten sie anscheinend zu viel Munition im Bereich der Türme und ließen Sicherheitsschotten offen. Außerdem war ihre Konstruktion nicht so widerstandsfähig wie die der deutschen Schiffe. Die Treffer lösten so verhängnisvolle Kettenreaktionen aus.“
Am frühen Abend erreichen die Großkampfschiffe das Schlachtfeld. Geschickt positioniert Jellicoe seine Schiffe in einer langen Schlachtlinie. So können die Briten ihre volle Breitseite einsetzen, während die Deutschen nur mit ihren vorderen Geschützen antworten. Für einen Moment scheint die Hochseeflotte verloren. Doch Scheer reagiert mit einem komplexen Manöver. Zweimal lässt er seine Flotte gleichzeitig wenden, um sich dem konzentrierten Feuer zu entziehen. Zugleich schickt er seine Torpedoboote zum Angriff, um den Gegner zum Abdrehen zu zwingen. Jellicoe weicht aus und gibt den Deutschen entscheidende Minuten.
„Die deutsche Flotte hat ihren Kerkermeister angegriffen“
Mit Einbruch der Dunkelheit löst sich das Gefecht auf. Doch in der Nacht kreuzen sich beide Flotten noch einmal. Es kommt zu chaotischen Gefechten, dann gelingt den Deutschen der Durchbruch nach Süden. Am Morgen des 1. Juni laufen Scheers Schiffe wieder in Wilhelmshaven ein.
Die Schlacht fordert einen hohen Preis, die Verluste sind enorm. Die Royal Navy verliert 14 Schiffe mit 6094 Mann. Auf deutscher Seite sinken elf Schiffe, 2551 Seeleute sterben – unter ihnen der Schriftsteller Gorch Fock. Im Reich wird die Schlacht als Triumph gefeiert. „Die englische Flotte wurde geschlagen!“, jubelt Kaiser Wilhelm II. Doch die britische Blockade bleibt bestehen. „Die deutsche Flotte hat ihren Kerkermeister angegriffen, aber sie ist immer noch im Kerker“, resümiert eine US-Zeitung treffend.
„In Großbritannien herrschte zunächst Enttäuschung, da es nicht gelungen war, der deutschen Hochseeflotte einen entscheidenden Schlag zu versetzen“, sagt Jentzsch. „Doch langfristig zeigte sich, dass sich die strategische Lage nicht veränderte – und das sprach für die Briten.“
Die Skagerrakschlacht hat weitreichende Folgen. In Berlin setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Entscheidung auf See nicht mit Schlachtschiffen zu erzwingen ist. Stattdessen rückt der uneingeschränkte U-Boot-Krieg in den Mittelpunkt, der 1917 zum Kriegseintritt der USA führt. Als die Hochseeflotte im November 1918 zu einem Himmelfahrtskommando auslaufen soll, verweigern die Matrosen den Befehl. Ihre Meuterei ist der Start der Novemberrevolution, die das Ende des Kaiserreichs einläutet.
Die Geschichte von Hase und der „Derfflinger“ endet nicht am Skagerrak. Der gebürtige Leipziger bleibt der Marine treu und wird nach dem Krieg zum Chronisten, dessen Eindrücke das Bild der Schlacht lange prägen. Die „Derfflinger“ kehrt stark beschädigt aus den Kämpfen zurück und muss monatelang repariert werden. Nach der Kapitulation Deutschlands wird das Schiff von den Briten in Scapa Flow interniert und im Juni 1919 von der eigenen Besatzung versenkt.
