Interview
Journalist Can Dündar musste aus der Türkei fliehen, er lebt seit 2016 in Berlin. Im rbb-Interview spricht er darüber, wie er die Lage heute in der Türkei sieht. Und warum er glaubt, dass sich Erdoğan trotz aller Versuche nicht dauerhaft halten kann.
rbb: Herr Dündar, wie groß ist Ihre Sehnsucht nach der Türkei?
Can Dündar: So stark wie am ersten Tag. Es ist mein Land, mein Zuhause. Natürlich vermisse ich meine Freunde, meine Familie, meine Nachbarn, insbesondere meine Mutter. Sie ist über 80 Jahre alt und ich will sie umarmen. Wir haben uns so lange nicht gesehen, auch wenn wir jeden Tag sprechen. Ich bin ihr einziges Kind, ohne Vater und sie ist allein. Das ist mein größte Sorge aktuell.
rbb: Fühlen Sie sich in Deutschland sicher?
Dündar: Auch hier gibt es Probleme. Wenn du dich mit einem Autokraten wie Recep Tayyip Erdoğan anlegst, gibt es überall Risiken für dich. Aber natürlich ist es hier besser für mich. Ich weiß, wo ich hin kann und wo ich besser nicht hingehe sollte. Aber der türkische Geheimdienst ist auch hier in Deutschland sehr aktiv und es gibt viele Erdoğan-Unterstützer, die von seiner Propaganda beeinflusst sind. Ich muss auch hier vorsichtig sein.
Zur Person
Can Dündar war der Chefredakteur der regierungskritischen türkischen Zeitung „Cumhuriyet“. Er wurde 2015 in der Türkei der Spionage angeklagt und festgenommen, weil die Zeitung berichtet hatte, dass der türkische Geheimdienst Munition an den IS und andere extremistische Gruppen in Syrien lieferte. Dündar floh nach Deutschland und lebt und arbeitet dort seit 2016. Er leitet ein Webradio, schreibt Artikel für deutsche und internationale Zeitungen, dreht Dokumentarfilme und veröffentlicht Bücher.
„Anhänger in Deutschland fanatischer als in der Türkei“
rbb: Wenn Sie mit einem Erdoğan-Unterstützer zusammentreffen, versuchen Sie ihn zu überzeugen oder scheuen Sie eher den Konflikt?
Dündar: Es ist sehr schwer mit Erdoğan-Unterstützern zu diskutieren. Die Vorurteile und die türkische Propaganda sind zu mächtig. Ich wünschte, ich könnte mit ihnen diskutieren, aber mein Eindruck ist, dass Erdoğan-Anhänger in Deutschland fanatischer sind als in der Türkei. Dennoch ich bin immer bereit mit ihnen zu diskutieren. Wir haben den gleichen Hintergrund. Wir sollten uns nicht als Feinde betrachten.
Ein Bild vom 15.07.2016, dem Tag des Putschversuchs in der Türkei. Soldaten blockierten damals die Bosporus-Brücke in Istanbul.
„Erdoğan versucht die Opposition zu spalten“
rbb: Den gescheiterten Putschversuch vor 10 Jahren in der Türkei bezeichnete der Präsident Erdoğan als Gottesgeschenk. Wie hat sich das Land seither verändert?
Dündar: Der Putsch war wirklich ein Geschenk für Erdoğan, wenn auch nicht von Gott. Für Erdoğan war der Putsch eine Möglichkeit, seine Macht zu konsolidieren. Davor war die Macht verteilt, jetzt ist sie konzentriert auf seine Person. Er kontrolliert nun fast den gesamten Staatsapparat.
Seit 25 Jahren ist Erdoğan nun an der Macht, eine ganze Generation ist mit ihm aufgewachsen. Aber fast alle haben ihn satt. Fast alle Meinungsumfragen belegen, dass er bei einer fairen Wahl verlieren würde. Aber er kontrolliert eben auch die Wahlurnen, also ist es für die Türkei aktuell die größte Frage, wie faire Wahlen abgehalten werden können. Erdoğan versucht die Opposition zu spalten, nach dem Prinzip ‚Teile und herrsche‘. So will er auch in im nächsten Jahrzehnt an der Macht bleiben.
„In Europa beliebter als im eigenen Land“
rbb: Aus deutscher und europäischer Perspektive ist Erdoğan immer noch ein wichtiger Partner, mit dem man verhandelt über Flüchtlinge, Russland oder Iran. Und die Türkei ist auch ein wichtiges NATO-Mitglied. Sie sagen, Europa würde seine Werte opfern. Wie sollte sich Europa denn verhalten?
Dündar: Soweit ich das sehe, ist Erdoğan in Europa beliebter als in seinem eigenen Land. Viele der europäischen Staats- und Regierungschefs, aber auch der US-amerikanische Präsident brauchen Erdoğan als Autokraten in der Region. Sie brauchen die Türkei als NATO-Mitglied.
Niemand spricht mehr von Demokratie, Menschenrechten oder Pressefreiheit, sondern nur noch von Sicherheit, der Sicherheit der Region, Waffenverkäufen, Flüchtlingsabkommen usw. Es ist also eine neue Welt, und es ist die Welt der Autokratie. Leider leiden Millionen von Menschen unter dieser Sichtweise. Wenn wir also die Demokratie in der Region verteidigen wollen, sollten wir diesen Ansatz grundlegend ändern.
„Er wird einen Weg finden, erneut zu kandidieren“
rbb: Die nächsten Präsidentschaftswahlen werden voraussichtlich im Jahr 2028 stattfinden. Erdoğan darf nach zwei Amtszeiten nicht mehr kandidieren. Was glauben Sie, wird passieren?
Dündar: Er wird einen Weg finden, erneut zu kandidieren. Und laut Verfassung kann er bei vorgezogenen Wahlen mit der Unterstützung einer bestimmten Anzahl von Abgeordneten erneut kandidieren. Das wird er höchstwahrscheinlich versuchen.
Und wie viele andere Autokraten versucht er, eine Dynastie zu gründen und seinen Sohn auf den Thron vorzubereiten. Wir werden also in den kommenden Jahren höchstwahrscheinlich mit einem weiteren Erdoğan konfrontiert sein. Aber ich sehe keine Chance für diese Familie.
„Jede Autokratie hat ein Ende“
rbb: Sie haben einen Text für das Gorki-Theater geschrieben. In diesem Text bringen Sie Hoffnung zum Ausdruck. Nach unserem Gespräch fällt es mir schwer, das zu verstehen. Was gibt Ihnen Hoffnung für Ihr Land?
Dündar: Nun, ich lebe jetzt in Berlin. In meiner Nachbarschaft steht die Ruine einer alten Mauer. Ich komme also fast jeden Tag daran vorbei. Sie ist in einer einzigen Nacht eingestürzt. Jede Autokratie hat also ein Ende. Genau diese Vorstellung vermittelt mir diese Mauerruine jeden Tag. Hoffnung ist also immer da und wir sollten sie nicht verlieren. Letztendlich wird sich die Demokratie durchsetzen.
„Wir brauchen Menschen, die für die Wahrheit einstehen“
rbb: Sie mussten die Türkei vor zehn Jahren verlassen, nachdem Sie Waffendeals zwischen der Türkei und Syrien aufgedeckt haben. Nach allem, was Sie seither durchgemacht haben – Sie waren auch in Haft und es gab einen Mordversuch auf Sie – was denken Sie darüber? Würden Sie wieder so handeln wie damals?
Dündar: Ich würde es tun. Ich meine, wenn man das nicht täte, sollte man gar nicht erst in diesem Journalismusgeschäft tätig sein, denn natürlich birgt es Risiken und Gefahren. Und wenn man nicht bereit ist, sich ihnen zu stellen, sollte man gar nicht erst in den Journalismus einsteigen.
Und das gilt besonders heutzutage, wo Lügen überall lauern. Wir brauchen Mut, und wir brauchen Menschen, die für die Wahrheit einstehen. Und ich versuche einfach, einer von ihnen zu sein.
Das Gespräch führte Katja Weber, radio3 vom rbb. Für die schriftliche Fassung wurde das Interview von Sofie Czilwik bearbeitet.
