Bundesaußenminister Wadephul informiert sich in Finnland über den Grenzschutz – Finnland hat eine lange Grenze zu Russland. Putins Militär rüstet dort offenbar auf. Welche Strategie könnte sich dahinter verbergen?
Sie verläuft überwiegend durch unbewohnte Taiga und dünn besiedelte ländliche Gebiete, teilweise auch entlang von Flüssen und Seen: die russisch-finnische Grenze. Mehr als 1.300 Kilometer misst sie. Ihr nördlichster Punkt liegt am Dreiländereck Finnland-Russland-Norwegen; der südlichste am Finnischen Meerbusen. Dort schließt sich auch die Seegrenze zwischen finnischen und estnischen Hoheitsgewässern an.
Der Verkehr zwischen Russland und Finnland wurde immer weiter heruntergefahren, nachdem der Kreml im Frühjahr 2022 den Krieg gegen die Ukraine begonnen hatte. Heute überqueren allenfalls noch Güterzüge die Grenze. Zugenommen haben dagegen die militärischen Aktivitäten.
Grenze als problematische Region
Auf russischer Seite sind in den Meeren die baltische Flotte und die Nordflotte stationiert. Gerade die Nordflotte spiele für Russland bei der atomaren Abschreckung eine zentrale Rolle, meint Michael Jonas, Forschungsleiter beim German Institute for Defense and Strategic Studies an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, einer Denkfabrik der Bundeswehr.
Auch Bodentruppen seien in der Region relevant. „Bei allem Enthusiasmus über den finnischen und auch den schwedischen NATO-Beitritt vor einigen Jahren, erweist sich natürlich diese 1.300 Kilometer umfassende Landgrenze, die jetzt ein NATO-Staat gegenüber Russland militärisch zu verwalten hat, als höchst problematisch“, sagt Jonas.
Bundesaußenminister Johann Wadephul ist derzeit in Finnland. Er sieht das Land als Vorbild bei den Bemühungen, sich widerstandsfähiger gegen Bedrohungen aus Russland zu machen.
Neuer Militärbezirk entlang der Grenze
Aus der russischen Perspektive wurde das unter anderem deutlich, als Präsident Wladimir Putin im Jahr 2022 ankündigte, dass er einen weiteren, fünften, Militärbezirk einrichten wolle. Im Frühjahr 2024 unterzeichnete er das entsprechende Dekret. Zu diesem sogenannten Leningrader Bezirk gehört auch das Grenzgebiet zu Finnland.
Von einem eigenständigen Militärbezirk dürfte sich die russische Regierung verschiedene Vorteile erhoffen, etwa vereinfachte Meldeketten und effizientere Abläufe.
Mit der Gründung seien 250 Maßnahmen verbunden, sagte im April 2024 der damalige Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Das Militär plante, die Truppe aufzustocken und ein Armeekorps zu bilden, das laut russischer Nachrichtenagentur TASS bis zu 100.000 Soldaten stark sein kann.
Schoigu betonte damals, dass das Militär ein besonderes Augenmerk auf die Soldatenausbildung für Drohneneinsätze legen wolle. Darüber hinaus hüllte sich das russische Verteidigungsministerium über die Region in Schweigen.
Nur wenige russische Truppen in der Grenzregion
Russland habe derzeit insgesamt zu wenige Soldaten, um großflächig in der Region Präsenz zu zeigen, meint Experte Jonas. Momentan seien dort nur etwa 20.000 Soldaten stationiert – „eine Art Tiefpunkt in der Nach-Kalter-Krieg-Phase“. Die russischen Truppen seien vor allem in der Ukraine gebunden.
Doch der deutsche Militärexperte geht davon aus, dass Russland seine militärische Infrastruktur an der Grenze zu Finnland ausbaut. Das finnische Militär stützt diese These: Armeekommandeur Pasi Valimaki sagte vor kurzem dem schwedischen TV-Sender SVT, er rechne damit, dass Russland entlang der Grenze 80.000 Soldaten stationieren wolle. Andere Schätzungen liegen noch 35.000 Soldaten höher.
Satellitenbilder zeigen Aktivitäten entlang der Grenze
Außerdem berichteten Anfang des vergangenen Monats skandinavische Medien von Aktivitäten entlang der Grenze, für die Satellitenbilder ausgewertet wurden. Russland soll zum Beispiel mit dem Bau eines neuen Stützpunktes begonnen haben, rund 190 Kilometer von der finnischen Grenze entfernt. In der Nähe der russischen Stadt Petrosawodosk sei rund ein Quadratkilometer Wald gerodet worden. Dort würden 50 Einrichtungen gebaut.
Die Berichte skandinavischer Medien hat das russische Onlinemedium topwar.ru aufgegriffen, das als regierungsfreundlich gilt. Die Angaben und Informationen wurden von russischer Seite gegenüber topwar nicht dementiert, was ein Zeichen dafür sein dürfte, dass sie belastbar sind.
Trotz dieser Entwicklungen seien aber zeitnahe Einsätze von Bodentruppen in der Gegend unwahrscheinlich, heißt es aus der US-Denkfabrik Institute for the Study of War.
Experte schildert drei mögliche Szenarien
Für Verteidigungsexperte Michael Jonas gibt es drei Szenarien, die Russland verfolgen könnte. Sie reichen von einem Angriff bis zu reinen Verteidigungsmaßnahmen. Er hält es aber auch für möglich, dass Russland die militärische Infrastruktur entlang der finnischen Grenze vor allem zur Ablenkung einsetzen möchte.
„Durch den NATO-Beitritt von Schweden und Finnland ist die NATO erstmals in der Lage, die baltischen Staaten ernsthaft zu schützen“, so Jonas. Denn durch Finnland sei Unterstützung bei einem russischen Angriff auf Estland, Lettland oder Litauen möglich. „Dies würde wiederum von russischer Seite durch die Bindung finnischer Ressourcen an der finnischen Landgrenze entsprechend relativiert werden“, so der Wissenschaftler im Interview mit dem ARD-Studio Moskau.
Bis es so weit kommen könnte, dürfte es aber noch dauern. Der russische Angriff auf die Ukraine binde die meisten russischen Truppen dort auch in näherer Zukunft, so Jonas. Er geht davon aus, dass die Russen nach einem Kriegsende ein bis drei Jahre bräuchten, um ausreichend Truppen an die Grenze zu Finnland zu verlegen. „Schlimmstenfalls“, so skizziert er, „sind dann dort aber aus der Ukraine kampferprobte Truppen stationiert.“

