Weltspiegel
Es ist Sommer, und die Menschen in Russland zieht es an die Strände der Schwarzmeerküste. Doch dort gibt es zunehmend Luftalarm – und so zeigt sich der Krieg gegen die Ukraine den Russen auch im Urlaub.
Der Wind bläst heftig über den Badestrand von Noworossijsk, einer Hafenstadt im Norden der russischen Schwarzmeerküste. Einige schlendern auf der Uferpromenade, andere sonnen sich in einer windgeschützten Ecke am Kiesstrand.
Doch dann gibt es Luftalarm, mitten am Tag. Meeresrauschen mit heulender Sirene – so hört sich dieser Sommer hier an.
Strandwächter Artur packt sein Megafon und ruft die Badegäste freundlich dazu auf, den Strand zu verlassen. „Ich opfere mich gewissermaßen auf, um den Strand zu evakuieren“, erzählt er stolz. Dieses Jahr sei sein Job härter denn je.
Vor allem, weil manche ihren Sonnenplatz am Meer partout nicht aufgeben wollen und einfach sitzen bleiben. Wie die Rentnerin Ljudmilla mit ihrer Freundin: Die beiden teilen sich ein Handtuch und plaudern trotz Alarm weiter. Ljudmilla ist genervt: „Warum dieses ganze Getue, wenn doch nichts zu sehen ist? Die terrorisieren die Leute damit einfach nur.“
Die russische Schwarzmeerküste und ein Teil der ukrainischen Schwarzmeerküste. Die von Russland besetzten Gebiete der Ukraine sind schraffiert dargestellt.
„Ich denke, das war erst der Anfang“
Doch die Gefahr ist durchaus real: In der Nacht auf den 12. August griff die Ukraine den Hafen von Noworossijsk massiv an. Dort liegt ein russischer Marinestützpunkt. Er ist zugleich Russlands wichtigster Umschlagplatz für den Außenhandel, für Öl, Getreide und Containerfracht.
Bei dem Großangriff wurde aber nicht nur das Hafengelände getroffen. Auch Wohnhäuser in der Nähe wurden beschädigt, es gab Tote und Verletzte.
Natascha wohnt nicht weit vom Hafen entfernt, mit ihrer alten Mutter sitzt sie gerade entspannt im Vorgarten. Die Angriffsnacht aber könne sie nicht vergessen, sagt sie: „Es war sehr beängstigend.“ Die ganze Stadt habe nicht geschlafen. Nataschas Familie lebt schon seit Jahrzehnten hier. Ihre Mutter erzählt, wie deutsche Bomben im Zweiten Weltkrieg in der Gegend eingeschlagen sind. Wie sie rauschten und pfiffen. Und jetzt wieder: „Wir dachten, der Krieg sei vorbei.“
Aber in der Nacht zum 12. August habe es so starke Explosionen gegeben. Sie und ihr Urenkel hätte vor lauter Angst nicht schlafen können. Der Krieg ist nun auch vor ihrer eigenen Haustür angekommen, am Sommerurlaub-Hotspot Russlands. Und Natascha befürchtet: „Ich denke, das war erst der Anfang.“
Wichtigster Umschlagplatz für Außenhandel
Die Angriffe der Ukraine treffen aber vor allem die russische Wirtschaft. Der Hafen von Noworossijsk ist Russlands wichtigster Umschlagplatz für den Außenhandel. Doch seit Tagen steht hier nun alles still. Im Schwarzen Meer eskaliert der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine durch gegenseitige Angriffe auf Häfen, Energieanlagen und zivile Handelsschiffe.
Logistiker Grigori Polanski zeigt aus der Ferne auf die Schäden an den Getreideterminals: „Das Asow-Schwarzmeer-Becken deckt etwa 80 Prozent der russischen Getreideexporte ab.“ Daher habe der Hafen von Noworossijsk in Russland eine Schlüsselposition für den Getreidetransport auf die internationalen Märkte.
Durch gegenseitige Angriffe auf Häfen, Ölanlagen und Frachtschiffe sind derzeit rund 97 Prozent der ukrainischen und russischen Exportkapazitäten von Getreide in der gesamten Schwarzmeer-Region blockiert.
Drohnenabsturz auf dem Badestrand
Etwa 170 Kilometer weiter südlich entlang der Schwarzmeerküste liegt das berühmteste Feriencamp des Landes. Jeden Morgen ertönt hier die russische Hymne, hissen Kinder und Jugendliche die Fahne. Aus russischer Sicht haben sie das große Los gezogen: drei Wochen im Camp „Orlonjok“, übersetzt bedeutet es „kleiner Adler“.
Direktor Alexander Dsheus schwärmt von seinem Programm: Die Kinder lernten hier, an sich selbst und an ihr Land zu glauben, daran, dass sie die Welt verändern könnten – „nicht durch Gewalt und Kriege, sondern durch friedliche und schöne Taten“. Die meisten Jugendlichen haben an Talent-Wettbewerben teilgenommen, um dabei sein zu können. Andere haben einflussreiche Eltern. Das Camp in diesen Zeiten abzusagen, kommt für die Leitung nicht in Frage.
Gerade besucht eine Gruppe von Jugendlichen einen Schwimmkurs, aber der Unterricht muss abrupt enden: Luftalarm auch im Ferienlager.
Wie ernst die Bedrohung sein kann, haben Badegäste Anfang August erleben müssen: Mitten auf einem vollen Badestrand im russischen Schwarzmeer-Ferienort Archipo-Osipowka ist eine Drohne eingeschlagen, nur 25 Kilometer Luftlinie vom Sommercamp entfernt.
Laut offiziellen Angaben sollen sieben Menschen ums Leben gekommen sein, darunter vier Kinder. Auf Videoaufnahmen aus sozialen Netzwerken sind vor dem Absturz Schussgeräusche zu hören, was darauf hindeuten könnte, dass die russische Luftabwehr die Drohne beschoss, bevor sie am Strand einschlug. Russland behauptet, der ukrainische Angriff habe direkt auf die Menschen am Strand gezielt.
Weniger Gäste im Luxusort Sotschi
Im äußersten Süden der Schwarzmeerregion liegt der Ort für russischen Luxusurlaub schlechthin: Sotschi, Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014. Nicht viele Russinnen und Russen können es sich leisten, hier Ferien zu machen. Dieses Jahr sind deutlich weniger Touristen angereist als sonst.
Aber nicht wegen der hohen Preise, sagt die Barkeeperin Kira: „Das liegt daran, dass es hier Drohnen und Explosionen gibt. Die Sirene ertönt, und die Leute werden vertrieben, man lässt sie nicht an den Strand.“
Auch die Anreise mit dem Auto ist beschwerlich: Immer wieder gibt es an den Tankstellen kein Benzin. Die Behörden haben die Menschen an der Küsten angewiesen, nur im Notfall tanken zu gehen, wenn es denn Sprit geben sollte. In der Hitze stauen sich die Autos, Feriengäste sind zunehmend genervt.
Der Krieg ist nun auch im russischen Urlaubsparadies angekommen. Und selbst der Weg heraus ist ungewiss, denn auch der Luftraum für den zivilen Flugverkehr wird immer wieder gesperrt.
Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag um 18:30 Uhr im Weltspiegel im Ersten.

