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Startseite»Nachrichten»Kriegswunden, die bleiben: Lina Ghotmeh übersetzt Erinnerung in Architektur
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Kriegswunden, die bleiben: Lina Ghotmeh übersetzt Erinnerung in Architektur

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 3, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Kriegswunden, die bleibenLina Ghotmeh übersetzt Erinnerung in Architektur

03.05.2026, 18:50 Uhr Von Andrea Affaticati, Mailand
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Im Innenhof des Palazzo Litta in Mailand: Lina Ghotmehs Labyrinth lädt zum Verweilen, Spielen und Ausruhen ein. (Foto: picture alliance / ipa-agency)

Entwerfen bedeutet, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, Wunden und Narben nicht zu verdrängen. Eine aus Beirut stammende Architektin erzählt, wie das geht.

Früher waren es Schriftsteller und bildende Künstler, die sich mit dem Thema Krieg auseinandersetzten. Heutzutage sind es notgedrungen auch Architekten und Architektinnen, die sich mit der geopolitischen Lage, mit einer von Krieg, Zerstörung, Flucht und Migration gezeichneten Zeit konfrontieren.

Ein Beispiel, wie man sich diesem Thema stellen kann, war im Rahmen der Mailänder Möbelmesse zu sehen, im barocken Palazzo Litta. Der Palazzo und seine Installationen zählen während der Internationalen Designwoche zu den „Must see“-Adressen. Die Agentur für Kulturevents Mosca Partners Variations nutzt die Räumlichkeiten seit Jahren als Projektionsfläche und Austausch zwischen Alt und Neu, Geschichte und Zukunft. Jedes Jahr gibt es ein Leitmotiv, das diesjährige war „Metamorfosi“.

Beim Eintritt in den Ehrenhof des Palazzo Litta wurden die Besucher und Besucherinnen von einer großen pinkfarbenen Installation empfangen. Der Entwurf stammt von der libanesisch-französischen Architektin Lina Ghotmeh und setzt sich aus einer Plattform mit zahlreichen in Form und Dimension unterschiedlich abgegrenzten Flächen zusammen.

Und jeder konnte sich seinen Platz aussuchen. In einer kleinen elliptischen Nische saßen zwei Frauen und plauderten. In einer anderen, schlangenförmigen Räumlichkeit hatten sich Jugendliche während eines Schulausflugs breit gemacht. Kinder spielten Verstecken, ein älterer Mann ruhte sich ein wenig aus.

Krieg bestimmt Beruf

Ghotmehs „Metamorphosis in Motion“ war eine Art Labyrinth, in dem man sich nicht verlieren, sondern vielmehr selbst finden konnte. Interessant war die einladende Ausstrahlung und die Anziehungskraft dieser Installation. Und instinktiv kam der Gedanke, dass so eine Fläche den Migranten und Flüchtlingen in den Aufnahmelagern einen großen Dienst erweisen würde: Hier könnten sie sich mit anderen verabreden, sich – wenn auch nur für eine kurze Zeit – von dem Umfeld abschotten.

Architektin Ghotmeh ist 46 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Beirut, hat dort an der Amerikanischen Universität studiert und später bei den renommierten Architekten Jean Nouvel und Norman Foster gearbeitet. Mittlerweile führt sie ihr eigenes Architekturstudio mit Sitz in Paris. Zu ihren wichtigsten Bauten zählen das vielfach ausgezeichnete Estnische Nationalmuseum und das Wohnhaus Stone Garden in Beirut. Zusammen mit ihrem Team hat sie den Wettbewerb für die Renovierung des Westflügels im Londoner British Museum gewonnen. Und wenngleich sie ihren Arbeitsplatz in Paris hat, pendelt sie zwischen der französischen Hauptstadt und Beirut, wo ihre Familie wohnt.

ntv.de traf die Architektin im Palazzo Litta. Und obwohl man von der Installation beeindruckt war, galt die erste Frage dem Krieg und wie Ghotmeh sich mit dieser Art von Zerstörung konfrontiert. Der jüngste Krieg zwischen Israel und der vom Iran unterstützten Hisbollah-Miliz im Libanon hat schon über 50.000 Häuser zerstört und Hunderttausende von Libanesen und Libanesinnen obdachlos gemacht.

Die aktuellen Geschehnisse seien für sie sehr bedrückend, sagt Ghotmeh. Die Frage, was man machen könne, beschäftige sie seit eh und je. „Gerade weil ich in einer Stadt wie Beirut aufgewachsen bin, hatte ich schon in sehr jungem Alter beschlossen, Architektin zu werden“, erzählt Ghotmeh. „Ich nahm mir vor, Gebäude und Plätze zu bauen, die Menschen zusammenbringen, die zum Austausch anregen.“

Wunden, Erinnerungen und Zeit

Wie baut man aber in Notsituationen, wenn Hunderttausende Menschen von einem Moment auf den anderen obdachlos werden, wenn alles ganz schnell gehen muss und Rücksicht auf Stadtplanung keine Option ist? Könnte ihre aus zerlegbaren Modulen bestehende Installation nicht ein Modell oder zumindest ein Ansatz für Noteinrichtungen sein?

„Diese Camps sind ein sehr heikles Thema“, antwortet Ghotmeh. „Zum einen, weil es unzählige Vorschriften gibt, die qualitatives Bauen vor allem bei temporären Einrichtungen einschränken. Und zum anderen dürfte es sie gar nicht geben, meine ich. Die Erde gehört doch niemandem.“ Und jeder sollte frei sein, dorthin zu ziehen, wo er sich eine Zukunft vorstellen kann.

Was die Installation im Palazzo Litta betrifft, überlege sie zusammen mit Mosca Partners, sie einer Schule zu vermachen, „eventuell aber auch einem Gefängnis hier in Italien.“ Auf jeden Fall soll es dafür eine zweite Verwertung geben.

Lina Ghotmeh Installation Metamorphosis in Motion©Nathalie Krag
Lina Ghotmeh vor ihrer Installation „Metamorphosis in Motion“. (Foto: Nathalie Krag)

Ghotmehs kreativer und konkreter Ansatz fußt auf ihrem Manifest „Archäologie der Zukunft“. „Bevor man Hand an etwas Neues legt“ erklärt sie, „ist es wichtig, das Bestehende zu durchforsten, sich auf dieses einzulassen, es kennenzulernen.“

Okay, da sind aber auch die Wunden, die Kriege, Attentate hinterlassen haben. Wie geht man damit um? Sollen sie bleiben oder gelöscht werden? „Man muss sich damit befassen“, will heißen, ihre Geschichte kennen und „dem Heilungsprozess“ die Zeit lassen, die die Gesellschaft braucht. „Die Erinnerung ist dabei ein wichtiges Element. Die Vergangenheit wird nicht ausgeblendet und ermöglicht so, daraus zu lernen“, meint sie.

Stone Garden überstand Explosion in Beiruts Hafen

Wie sich die Archäologie der Zukunft zu einem konkreten Projekt verwandelt, zeigt der Wohnbau Stone Garden gleich beim Hafen von Beirut. Der Hafen gehört zu den Lieblingsplätzen der Architektin, hier hat sie schon immer gerne ihre Zeit verbracht.

Im Hafenviertel waren die Narben des von 1975 bis 1990 wütenden und verwüstenden Bürgerkriegs noch überall zu sehen. „Ich wollte einen Wohnbau, der einerseits an das kollektive Trauma der Kriege erinnert und gleichzeitig für Resilienz und Leben steht“, erklärt Ghotmeh.

Das Gebäude zählt 13 Stockwerke, in den ersten zwei ist eine Galerie untergebracht. Die Farbe der Fassade, ein staubiges Grau, erinnert an die Trümmer der Nachkriegszeit, ein Gefühl, dem sich die Pflanzen, die aus den Öffnungen des Gebäudes sprießen, entgegensetzen. Verwendet wurden lokale Baumaterialien, darunter Sand und Steine.

Stone Garden wurde erst seit Kurzem bewohnt, als sich am 4. August 2020 die verheerende Explosion im Hafen ereignete. „Ich befand mich zu dem Zeitpunkt in Beirut und es war schrecklich, die halbe Stadt ging in die Luft“, erzählt Ghotmeh. Über 200 Menschen verloren ihr Leben, mehr als 6500 wurden verletzt, mehr als 300.000 hatten kein Dach mehr über dem Kopf. Grund für die Explosion war die Detonation von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat, mit dem Düngemittel, aber auch Sprengstoff produziert wird. Alles rundherum war Verwüstung, Stone Garden aber blieb stehen.

„Unser Schaffen ist kein Akt des Überlebens, sondern des Widerstands“, sagte jüngst das auch aus dem Libanon stammende Künstlerpaar Joana Hadjithomas und Khalil Joreige. Eine Feststellung, die auch auf Lina Ghotmeh passt.

Quelle: ntv.de

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