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Startseite»Politik»Kulturkampf um die Kultur: Gift für die Demokratie?
Politik

Kulturkampf um die Kultur: Gift für die Demokratie?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 8, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 08.06.2026 • 14:32 Uhr

Worin besteht Erinnerungskultur? Sollte Kunst neutral sein? Immer häufiger toben politische Kämpfe um solche Fragen. Werden sie zur Bedrohung für die Kulturinstitutionen selbst?

Marion Ackermann weiß, wie schnell eine Debatte in einen regelrechten Kulturkampf ausarten kann. Die Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz kennt das aus ihren Jahren als Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Zusammen mit anderen Kultur-, Demokratie- und Bildungsinstitutionen hat die Stiftung am 7. Juni zu diesem Thema einen Demokratietag auf der Berliner Museumsinsel veranstaltet.

Marion Ackermann, Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

In Dresden habe sie gelernt, wie moderne Kulturkämpfe funktionieren, sagt Ackermann. Immer wieder entzündeten sich Konflikte an ähnlichen Themen: Gender, Migration, Klima oder Erinnerungskultur. „Gefährlich und gleichzeitig banal“ seien diese Auseinandersetzungen. Banal, weil die Muster sich ständig wiederholten. Gefährlich, weil sie weit über die eigentlichen Sachfragen hinausreichten und das Vertrauen in kulturelle Institutionen untergraben könnten.

AfD Sachsen-Anhalt will „patriotische Wende“

Beobachten lässt sich das derzeit auch in Sachsen-Anhalt. Dort wird im September ein neuer Landtag gewählt. Die AfD liegt in Umfragen deutlich vorn. Kulturpolitik spielt im Programm der Partei eine zentrale Rolle. Eine „neue patriotische Kulturpolitik“ kündigt die AfD an, die den Deutschen ihr „Selbstbewusstsein zurückgeben“ und eine „patriotische Wende“ ermöglichen solle.

Vor dem Magdeburger Opernhaus protestierten im November 2025 rechte Gruppierungen gegen das Stück „Wunde Stadt“ über den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt.

Staatliche Förderung solle künftig stärker auf Kunst und Kultur ausgerichtet werden, die zur „deutschen Identitätsfindung“ beitrage. Zugleich fordert die Partei Reformen bei der Kulturförderung, der politischen Bildung und bestehenden Kultureinrichtungen.

Kulturinstitutionen wie das Bauhaus Dessau sehen darin grundlegende Fragen von Kunstfreiheit und institutioneller Unabhängigkeit berührt. Die von Walter Gropius als Hochschule für Gestaltung gegründete Einrichtung gilt weltweit als Symbol der Moderne. Seit Jahren steht das Bauhaus im Fokus der Kulturpolitik der AfD.

Bauhaus in Dessau: „Irrweg der Moderne“?

Vertreter der AfD warfen der Institution im Landtag vor, zur „Traditionsvernichtung“ beigetragen zu haben. In parlamentarischen Initiativen wandte sich die Partei gegen eine aus ihrer Sicht „einseitige Glorifizierung“ des Bauhauses und bezeichnete es als Ausdruck eines „Irrwegs der Moderne“.

Barbara Steiner, die Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, weist solche Vorwürfe zurück. Die kritische Auseinandersetzung mit den Verwerfungen der Moderne gehöre seit Langem zur Arbeit der Stiftung. In der aktuellen Debatte tauchten Argumentationsmuster auf, die bereits Gegner des Bauhauses vor rund 100 Jahren verwendet hätten.

Sollte die Kulturpolitik künftig stärker an nationalen Leitbildern ausgerichtet werden, drohe eine Verengung des Kulturbegriffs. Das könne auch Einfluss darauf haben, welche Themen Museen und Theater setzen, welche Projekte unterstützt werden und wer Kulturinstitutionen künftig leitet.

Kulturförderung in Sachsen-Anhalt Staatsziel

Sachsen-Anhalt hat daher erst vor Kurzem ein neues Kulturfördergesetz verabschiedet. Es verankert die Förderung von Kunst und Kultur ausdrücklich als Staatsziel. Die demokratischen Fraktionen im Landtag werteten dies als Schutz kultureller Freiheit. Die AfD enthielt sich bei der Abstimmung.

Die Auseinandersetzung verweist auf unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Aufgabe Kulturpolitik erfüllen soll. Während viele Kulturinstitutionen Offenheit, Pluralität und internationale Vernetzung als zentrale Merkmale kultureller Arbeit verstehen, betont die AfD stärker nationale Identität und Brauchtum. Im Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt kündigt die Partei eine „patriotische Wende“ in der Kulturpolitik an.

Öffentliche Kulturförderung solle vorwiegend Kunst unterstützen, die einen „Beitrag zu deutscher Identitätsfindung“ leiste. Für „antideutsche Kunst und Kultur“ solle es keine staatlichen Mittel mehr geben. Dies würde den kulturpolitischen Grundsatz infrage stellen, wonach öffentliche Förderung nicht von der politischen oder weltanschaulichen Ausrichtung von Kunst abhängig gemacht werden soll. Zudem fordert die AfD, die öffentliche Förderung der Provenienzforschung einzustellen. Dabei geht es um die Erforschung der Herkunft von Kunstwerken, etwa bei NS-Raubkunst oder kolonialen Erwerbskontexten.

Der Konflikt entzündet sich deshalb nicht nur an einzelnen Ausstellungen oder Projekten, sondern an grundlegend verschiedenen Kulturbegriffen. Die Frage lautet letztlich: Soll Kultur vor allem gesellschaftliche Vielfalt sichtbar machen oder die aus der Sicht der AfD nationale Identität stärken?

Staatliche Eingriffe können Zensur sein

Für Marion Ackermann ist das eine entscheidende Frage, nicht nur mit Blick auf mögliche politische Einflussnahme. Auch die Finanzierung könne Abhängigkeiten schaffen, sagt die Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Kultur brauche Freiräume für Experimente und Unfertiges.

Deshalb müsse man nicht weniger, sondern mehr Debatten führen. Kunst solle sichtbar sein, damit über sie gestritten werden könne. Staatliche Eingriffe zum Beispiel vor einer Ausstellungseröffnung sieht sie kritisch. „Wenn man vorher eingreift, ist es Zensur“, sagt Ackermann. Kontroverse Werke oder Positionen sollten zunächst öffentlich gezeigt und ihre Wirkung anschließend diskutiert werden.

Auch die zunehmende Praxis von Ausladungen im Kulturbetrieb findet Ackermann daher problematisch. Zwar könne es Situationen geben, in denen Grenzen überschritten würden. Grundsätzlich aber müsse die Auseinandersetzung Vorrang haben. „Ausladen ist grundsätzlich immer das letzte Mittel.“

Bilderstreit in Dresden

Wie langwierig solche Auseinandersetzungen sein können, zeigt für Ackermann der sogenannte Bilderstreit im Dresdner Albertinum. Ausgelöst wurde der Streit durch die Frage, welchen Stellenwert ostdeutsche Kunst und das Kunsterbe der DDR in den Sammlungen und Ausstellungen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben sollten. Die Debatte über ost- und westdeutsche Perspektiven verlief zeitweise erbittert und beschäftigte Kulturpolitik, Feuilletons und Kunstbetrieb über zweieinhalb Jahre hinweg.

Für die Museumschefin eine demokratische Erfahrung: Gesellschaftliche Konflikte ließen sich nicht administrativ lösen. Sie müssten über längere Zeit ausgehalten und immer wieder neu verhandelt werden.

Die Auseinandersetzung über die Rolle von Kulturinstitutionen gehört womöglich selbst zu jenem demokratischen Prozess, den Kulturinstitutionen ermöglichen wollen.

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Dr. Heinrich Krämer
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