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Politik

Kunst vs. KI: Ist ein Bild ohne Kamera noch ein Foto?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 21, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 21.08.2026 • 14:11 Uhr

KI-generierte Bilder sind eine Herausforderung, die Einordnung fällt schwer: Ist das nun Kunst oder Manipulation? Ein Blick auf die Geschichte der Fotografie zeigt: Kontroversen gab es schon immer.

Es fängt körnig und kontrastreich an. 1826 bildet der Franzose Joseph Nicéphore Niépce die Aussicht aus seinem Arbeitszimmer ab und erschafft damit die erste erhaltene Fotografie der Welt. Das Foto wirkt unspektakulär und doch ließ sich das erste Mal ein Ausschnitt der Wirklichkeit reproduzieren, so Ursula Frohne, die Ko-Sprecherin der Kolleg-Forschungsgruppe „Zugang zu kulturellen Gütern im digitalen Wandel“ von der Universität Münster.

Das erste deutsche Foto entsteht zehn Jahre später und stammt von Franz von Kobell. Es zeigt die Münchner Frauenkirche im Jahr 1837. Heute ist es im Besitz des Deutschen Museums in München. Erst 2024 fand die hier tätige Wissenschaftlerin Cornelia Kemp heraus, wie alt die Aufnahme ist.

Frauenkirche in München, aufgenommen im März 1837 von Franz von Kobell.

Konkurrenzdruck zwischen Fotografie und Malerei

Die Bilder seien auf technologischer Basis entstanden und deshalb hätten Maler aus dem 19. Jahrhundert diesen Werken die Kunstfertigkeit abgesprochen, erklärt Ursula Frohne, die auch Professorin für Kunstgeschichte ist.

Zwischen Malern und Fotografen entwickelt sich eine Konkurrenzsituation. Wo Maler tagelang mit Modellen im Atelier verbringen, können Fotografen ihre Werke schneller erstellen und ökonomischer arbeiten. Die Frage, ob das Malen veraltet sei, steht im Raum. Aber diese Sorge ist nicht begründet: „Wenn ein neues Medium auftritt, ist es keineswegs so, dass das ältere Medium damit obsolet wird. Neuerungen laufen parallel“, so Ursula Frohne.

Bildmontagen und bewusste Fälschungen

Die Neuerungen in der Fotografie gehen schnell voran. Fotografen experimentieren mit Belichtungsverfahren, auch Bildmontagen kommen auf. Die Möglichkeiten für bewusste Fälschungen wachsen.

Etwas, das authentisch aussieht ist es bald nicht mehr. Und das schon vor KI, wie ein 1997 veröffentlichter Artikel der Schweizer Boulevardzeitung „Blick“ zeigt. Bebildert ist der Text mit einer Aufnahme des Tempels der Hatschepsut im ägyptischen Luxor. Ein Rinnsal, das sich über die Tempeltreppen hinab auf den Vorplatz schlängelt, ist rot eingefärbt und erweckt den Eindruck, als hätte sich Wasser mit Blut vermengt. Auf dem Originalfoto hingegen ist eindeutig eine normale Wasserspur zu erkennen. „Durch die Aufbereitung, gemeinsam mit dem Text, wird versucht zu manipulieren“, so Frohne.

Zu stylisch um wahr zu sein

KI bringt eine neue Wendung: 2023 geht ein Bild von Papst Franziskus in Daunenjacke viral. „Neu ist, dass hier ein Bild alle Zeichen der fotografischen Glaubwürdigkeit besitzt“, sagt Frohne. Aber es sei eben KI-generiert und nicht fotografiert. Um keiner falschen Fotografie aufzusitzen, rät die Expertin, sich mit der Provenienz, also dem Ursprung von Bildern auseinanderzusetzen.

Ebenfalls 2023 sorgt Boris Eldagsen mit seinem Werk „Pseudomnesia: The Electrician“ für Aufruhr. Beim Sony World Photography Award soll Eldagsen für sein Bild ausgezeichnet werden. Doch er lehnt den Preis ab. Der Grund: Er hat das Bild mit KI erstellt und will eine Debatte über KI und Fotografie auslösen. Das schafft er.

Boris Eldagsen, „PSEUDOMNESIA | The Electrician“, Promptografie, 2022

Gefälschte Erinnerungen

Mit dem Verändern eines Bildes oder gar dem fotorealistischen Erstellen gehen Gefahren einher. „Das Problem ist – und das macht Eldagsen deutlich – dass hier Erinnerungen gefaked werden und Geschichte damit manipulierbar wird“, so Frohne.

Doch die KI bringt auch Möglichkeiten. Boris Eldagsen selbst ist von Beginn an fasziniert von dem Einsatz der Künstlichen Intelligenz. Er fotografiert selbst, nutzt verschiedene Orte, schleppt Requisiten, stimmt Termine ab, stellt sich Fragen über die Außentemperatur, die Akkuladung, das Wetter. Und dann kommt die KI. „Ich kann so arbeiten, als hätte ich ein Riesenbudget“, sagt Eldagsen.

Neue Definition notwendig

Für Eldagsen ist das Fotografieren etwas anderes als das Arbeiten mit KI. „Das Ergebnis mag sich am Ende ähneln, muss es aber nicht. Aber die Arbeitsweise ist anders. Und um das nicht durcheinanderzuwerfen, ist es wichtig, einen neuen Begriff zu haben: Promptografie.“

Den größten Unterschied sieht er in der Entstehung der Werke: Bei der Fotografie spiele die Wahrnehmung des Künstlers eine große Rolle und der Zufall. Die Promptografie nennt er einen Spiegel des Menschen und des Trainingsmaterials des Algorithmus. Es gehe mehr um die Idee und das Konzept. „Diejenigen, die sagen, es sieht doch jetzt genauso aus, lass es uns doch Fotografie nennen, die sind ziemlich denkfaul“, so Eldagsen. Fotorealistische Ölgemälde würde man auch nicht Öl-Fotografie nennen.

200 Jahre Wirklichkeit sehen

Schon seit Jahrzehnten werden Fotografien für die Kunst geschönt oder zu Propagandazwecken manipuliert. KI macht das so leicht wie nie. Für die Kunst bringt das Freiheiten, für Künstler und Künstlerinnen, aber auch ökonomische Gefahren. Außerdem erfordert das Nutzen von KI große Mengen an Energie- und Wasserressourcen.

Experten und Expertinnen sind sich darüber hinaus einig: Bei Nachrichten muss erkennbar sein, ob es sich um eine Fotografie handelt oder um ein gepromptetes Bild. Die Werke müssen als KI-Werk oder eben als Fotografie benannt werden.

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Dr. Heinrich Krämer
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