Interview
Wie kann es gelingen, möglichst gesund alt zu werden? Ist Longevity nur ein Hype oder gibt es wissenschaftliche Fakten? Ein Kongress im September will informieren. Initiator Kluge rät im Interview zur Vorsicht.
tagesschau.de: Eine gesunde Lebensführung, wie sieht die aus Ihrer Sicht als Facharzt für Innere Medizin aus?
Stefan Kluge: Unsere Lebenserwartung wird zum einen durch unsere Gene definiert, die spielen zu 20 bis 30 Prozent eine Rolle – aber zu einem Großteil haben wir es in der Hand, wie alt wir werden. Und da sind die wichtigsten Maßnahmen eigentlich bekannt und erstaunlich unspektakulär: nicht rauchen, regelmäßig bewegen, Übergewicht vermeiden, ausgewogen essen, ausreichend schlafen und Risikofaktoren wie Blutdruck und Blutzucker adäquat kontrollieren.
Stefan Kluge
Prof. Dr. med. Stefan Kluge ist Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie, sowie Spezielle Internistische Intensivmedizin. Er ist der Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und wissenschaftlicher Leiter des Longevity Forums Deutschland.
Forschung sucht nach Langlebigkeit
tagesschau.de: Die Forschung zum Thema Langlebigkeit gibt es schon sehr lange. Welche Themen spielen da eine Rolle?
Kluge: Diese klassischen Dinge, die ich eben genannt habe, werden natürlich weiter erforscht. Man versucht herauszuarbeiten, wie viel Sport besonders hilfreich ist beim Thema Langlebigkeit und welche Art von Sport? Welche Belastungen sind sinnvoll – ist die Herzfrequenz dafür wichtig, oder mache ich das an anderen Dingen fest?
Oder beim Schlaf – über welche Schlafqualität reden wir und welche Dauer von Schlaf ist hilfreich?
Und dann gibt es natürlich neue Forschungen. Zum Beispiel wurde gezeigt, dass bei Tierexperimenten mit Medikamenten oder gewissen Ernährungsumstellungen das Leben wirklich verlängert wurde – im Tiermodell. Es gibt Versuche, insbesondere in den USA, das auf den Menschen zu übertragen. Auch wenn das noch Zukunftsmusik ist.
Gleichzeitig sehen wir natürlich, dass die KI und die Vermessung des Körpers durch verschiedene Sensoren und Wearables, etwa Smartwatches oder Fitnesstracker, auch immer weiter gehen. Und da gibt es sicherlich in Zukunft schon einige Möglichkeiten, um uns bei der Langlebigkeit zu unterstützen.
Relevanter gesundheitlicher Nutzen
tagesschau.de: Rund um dieses Thema hat sich auch ein Riesenmarkt entwickelt. Nahrungsergänzungsmittel spielen eine sehr große Rolle. Wie sicher sind denn Erkenntnisse zu diesen Supplements?
Kluge: Wir haben viele Hypes und Trends, die jetzt die letzten Jahre aufgekommen sind. Oft spielen hier auch kommerzielle Interessen eine wichtige Rolle – und da muss man sehr aufpassen. Immer wenn Dinge nicht erstattet werden durch die Krankenkassen und viel Geld kosten, dann sollte man besonders hellhörig sein. Für viele dieser Angebote ist ein relevanter gesundheitlicher Nutzen bislang nicht durch belastbare Studien belegt.
Und dass man mit teuren Tests, Supplementen oder technischen Verfahren einen ungesunden Lebensstil kompensieren könnte, dafür gibt es natürlich erst recht keine Evidenz. Also man muss sehr vorsichtig sein, wer propagiert was. Ist das Ergebnis wirklich auch unabhängig? Denn es werden mit dem ganzen Hype um das Thema Langlebigkeit und Longevity Milliarden verdient.
Hype oder blegbarer Nutzen
tagesschau.de: Wie steige ich als normaler Mensch, der sich für Gesundheit interessiert, da durch? Es gibt Kuren, Eiskammern, Blutplasma-Spritzen und und und…
Kluge: Das ist sicherlich ein Problem. Der Hausarzt, den es mittlerweile nicht mehr überall gibt, sollte hier natürlich ärztlicher Ansprechpartner sein und schauen, welche Behandlung evidenzbasiert ist. Evidenzbasiert bedeutet, dass Studien wirklich belegen können, dass solche Therapien helfen.
Wenn man sehr genau schaut, was medizinische Fachgesellschaften, Ärztekammern oder beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfehlen, dann kann man sich schon ein gutes Bild machen. Man muss vorsichtig sein bei allen, die ein kommerzielles Interesse haben – und das ist oft relativ klar ersichtlich. Um dabei ein wenig zu helfen, starten wir jetzt ein neues Kongressformat – Longevity Forum Deutschland. Wir wollen versuchen genau herauszuarbeiten, was ist wissenschaftlich gesichert, was ist Hype, Zukunftsmusik und was ist nicht belegbar – um hier auch wirklich bei der Aufklärung zu helfen.
„Möglichst vital, möglichst gesund altern“
tagesschau.de: Das Heilsversprechen, was am Ende steht, ist ja ein möglichst langes Leben. Kann das sinnvoll sein?
Kluge: Das ist natürlich eher eine ethische Frage. Also ich denke schon, dass man lange leben möchte. Noch wichtiger ist die „Healthspan“ – also die Zeit, die man lange lebt, aber ohne schwere körperliche Gebrechen.
Ein großer Teil der Menschen in Deutschland verstirbt im Krankenhaus, und viele Menschen sind in ihren letzten Lebensjahren pflegebedürftig. Und dafür werden natürlich auch erhebliche finanzielle Mittel im Gesundheits- und Pflegesystem benötigt. Aus meiner Sicht wäre es sowohl für die Patienten als auch mit Blick auf die Kosten hilfreich, wenn wir die sogenannte Healthspan verlängern. Sodass wir möglichst vital, möglichst gesund altern. Da sind wir in Europa nicht besonders gut. Das sollte aber das Ziel sein.
Deutschland liegt in der Lebenserwarung zurück
tagesschau.de: Der Kongress, der Anfang September in Hamburg stattfindet, richtet sich an Forschende, Medizinerinnen und Mediziner und an das interessierte Publikum. Warum?
Kluge: Wir haben zwei Stränge. Einmal für Wissenschaftler, Ärztinnen und Ärzte, die schon sehr tief im Thema drin sind. Und dann laden wir alle anderen Interessierten, Gesundheitsbewussten ein. Wir sehen bei beiden Fraktionen, selbst bei Ärzten, dass es viele offene Fragen gibt: Muss ich Muskeltraining machen? Wird das für alle empfohlen, um im Alter wirklich mehr Stürze zu vermeiden? Was ist mit dem Schlaf? Was ist mit Supplementen? Welchen Stellenwert haben Vitamin B oder Omega-3-Fettsäuren?
Es gibt also bei Profis, bei Expertinnen und bei normalen Menschen viele Fragen. Und wir wollen den Hype etwas trennen von dem, was klar wissenschaftlich empfohlen wird. Wir geben in Deutschland sehr viel Geld aus für das Gesundheitssystem. Trotzdem liegt Deutschland bei der Lebenserwartung im Vergleich zu vielen anderen westeuropäischen Ländern zurück. Unser gemeinsames Ziel ist es, dass wir uns als Gesellschaft stärker positionieren und auch besser werden. Das ist unser Anspruch.
Kongress in Hamburg
tagesschau.de: Sie sind der wissenschaftliche Leiter dieses Kongresses – was wollen Sie mit diesem Kongress erreichen?
Kluge: Wir wollen wirklich informieren. Wir sehen, dass das Interesse an diesem Thema, gesund zu altern, enorm ist. Gleichzeitig wächst dieser Longevity Markt mit diesem Begriff, der sich ja im Moment überall ausbreitet. Und wir wollen ganz klar mit hochkarätigen Referentinnen und Referenten herausarbeiten: Was ist wirklich evidenzbasiert – wissenschaftlich belegt – was ist Hype und was ist definitiv nicht zu empfehlen? Wo geben gesundheitsorientierte Menschen umsonst viel Geld aus?
Wir haben Forschende da, die sich mit dem Thema Schlaf beschäftigen. Es geht um das Thema Demenz – was können wir tun, um Demenz zu vermeiden? Es geht um die Themen Sportmedizin, Ernährungsmedizin aber auch Themen wie Lärmbelästigung, Umweltverschmutzung und natürlich die medikamentöse Therapie und der ganze Supplement-Markt, den werden wir aufarbeiten.
Welche Vitamine haben überhaupt einen Stellenwert, welche Nahrungsergänzungsmittel, welche Supplemente? Was ist evidenzbasiert, wissenschaftlich belegt und was ist einfach nicht zu empfehlen? Und das ist das Ziel, was wir mit diesem Kongress haben. Und ich denke, wir sind auf einem guten Weg.
Das Interview führte Anja Martini, Wissenschaftsredakteurin tagesschau. Es wurde für die schriftliche Fassung gekürzt und redigiert.
