Marktbericht
Der weltweite Kursrutsch bei Tech- und Chipwerten schürt Zweifel, ob sich die hohen KI-Investitionen auszahlen. Zugleich wächst vor dem geplanten Börsengang der Widerstand gegen die Billionenbewertung von Anthropic.
Ein dramatischer Einbruch bei Chip- und Technologiewerten hat eine Verkaufswelle ausgelöst, die von den USA auch auf die Börsen in Asien und Frankfurt überschwappt. Der Handel in Südkorea musste zeitweise ausgesetzt werden, weil die Turbulenzen so stark waren. Dahinter steckt vor allem die Sorge, dass sich der politische Kurs in den USA nach dem überraschenden Sieg der Demokraten in beiden Kammern des Parlaments nun ändern könnte.
„Das ist der Kater nach der Wahlparty“, sagt Finanzexpertin Lisa Hassenzahl von Her Family Office gegenüber der ARD-Finanzredaktion. Nach der Erleichterung über mehr Klarheit in den politischen Verhältnissen nach den Midterms komme jetzt die Sorge auf, dass Technologieunternehmen und Rechenzentren künftig stärker reguliert werden könnten.
Die Demokraten stehen den Chancen von Künstlicher Intelligenz (KI) skeptischer gegenüber als die Republikaner, die sich traditionell für den Abbau staatlicher Vorgaben starkmachen.
Widerstand gegen neue Rechenzentren
Bereits während des Wahlkampfs regte sich Widerstand gegen den Bau weiterer Rechenzentren für den KI-Boom. Doch auch republikanische Politiker verhängten Baustopps. Kritisiert wird vor allem der enorme Stromverbrauch der Anlagen, der die Energiepreise für die Bevölkerung weiter steigen lassen könnte.
Hinzu kommen Bedenken wegen Lärm, Luftverschmutzung und Wasserknappheit. Außerdem wird befürchtet, dass Rechenzentren nur wenige dauerhafte Arbeitsplätze schaffen. Zudem werden höhere Abgaben auf die Gewinne der KI-Unternehmen in den USA diskutiert.
Auch wenn sich das politische Klima in den USA durch die Midterms verändert hat, gibt Finanzexpertin Hassenzahl zu bedenken: „Es bleibt abzuwarten, ob Donald Trump sich da in seiner Rolle als Präsident nicht am Ende doch durchsetzt.“
Bisherige KI-Profiteure aus Deutschland leiden
Die Sorgen hatten sich schon am Donnerstag bei den Aktien großer Tech- und Chipkonzerne an der Wall Street gezeigt, die innerhalb weniger Stunden Milliarden an Börsenwert verloren. „An der Wall Street ist genau das eingetreten, was Anleger seit Monaten befürchten: dass sich das Klumpenrisiko aus wenigen Tech-Schwergewichten rächt und die großen Indizes mit in die Tiefe reißt, wenn sie einmal stärker fallen sollten“, sagt Marktanalyst Jochen Stanzl von der Consorsbank.
Auch deutsche Aktien, die bislang vom KI-Boom profitiert hatten, gerieten unter Druck. Die Infineon-Aktie verlor am Donnerstag zeitweise mehr als acht Prozent. Auch Siemens Energy und der Baukonzern Hochtief, deren Kurse von der KI-Euphorie und dem Bau von Rechenzentren beflügelt worden waren, verzeichneten Verluste. Am Freitagmorgen konnten sich die Titel teilweise wieder erholen.
Anleger fragen sich offenbar zunehmend, ob sich die enormen Ausgaben für Künstliche Intelligenz und der Ausbau der Infrastruktur unter den veränderten politischen Rahmenbedingungen wirklich rechnen werden.
Der Kursverfall macht sich auch heute noch im DAX deutlich bemerkbar. Der deutsche Leitindex notiert am frühen Nachmittag bei rund 25.700 Punkten, was ein Minus von fast 2,4 Prozent bedeutet. Erst am Vortag hatte der DAX noch ein neues Rekordhoch von rund 26.693 Punkten erreicht – dann folgte der Absturz um fast 1.000 Punkte.
Anthropic-Börsengang unter Druck
Diese Sorgen könnten auch eine weitere große KI-Hoffnung schmälern: Denn die Skepsis trifft auch Anthropic. Nach Informationen von Insidern zweifeln potenzielle Investoren am Zeitplan für den geplanten Börsengang des KI-Unternehmens.
Eigentlich sollte in der kommenden Woche eine Werbetour bei Geldgebern für den Börsengang starten – diese könnte angesichts der jüngsten Entwicklungen nun auf der Kippe stehen, sagten vier mit den Vorgängen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters.
Die Investoren drängen demnach auf eine niedrigere Bewertung als die zuletzt diskutierten 1,5 Billionen US-Dollar. Um Zusagen zu erhalten, könnte Anthropic einen größeren Preisnachlass einräumen müssen.
Quartalsverluste von Anthropic im Fokus
Als Gründe nennen Anleger die anhaltenden Quartalsverluste des Unternehmens und seine hohen finanziellen Verpflichtungen für den Ausbau der KI. Das Unternehmen lehnte eine Stellungnahme ab. Außerdem warten Investoren auf die Umsatzzahlen für Oktober, die Anthropic im aktualisierten Börsenprospekt zunächst offengelassen hatte.
Zusätzlichen Gegenwind gibt es durch erfolgreiche Initiativen zur Beschränkung von Rechenzentren in mehreren US-Bundesstaaten. Eine Verschiebung der voraussichtlich 100 Milliarden US-Dollar schweren Emission könnte die Sorgen um die gesamte KI-Branche verstärken und den breiteren Aktienmarkt belasten. Noch vor einiger Zeit hatten Investoren mit einem Börsengang im Oktober und einer Bewertung von bis zu zwei Billionen US-Dollar gerechnet.
Zeitdruck wirkt auf KI-Boom
Seit mehr als einem Jahr wächst an den Börsen die Sorge, dass die KI-Blase platzen könnte, und trotzdem legten die Kurse weiter zu. Die Aktien der sogenannten „Magnificent Seven“ – der sieben großen Tech-Firmen – zu denen unter anderem Apple, Microsoft, Nvidia und Alphabet zählen, haben ein enormes Gewicht an den Weltmärkten. Der Höhenflug solcher Technologiewerte gilt seit Langem als wichtiger Motor des Börsenaufschwungs in Zeiten von Kriegen und Krisen.
Privatanleger betroffen
Den jüngsten Kursrückgang spüren auch viele Privatanleger, weil große Techfirmen wie Apple, Nvidia und Microsoft inzwischen einen großen Anteil an Welt-ETFs ausmachen – zum Teil 20 bis 25 Prozent. Wer über viele Jahre hinweg breit gestreut spart, sollte nach Ansicht von Verbraucherschützern und Vermögensverwaltern im Moment aber Ruhe bewahren, da Schwankungen von zehn bis 20 Prozent normal seien.
Wer allerdings vor allem in KI- oder Halbleiter-ETFs investiert hat, könnte stärkere Schwankungen erleben. Generell rät die Verbraucherzentrale dazu, beim Investieren immer im Blick zu behalten, wie viel Risiko es persönlich sein darf und wo die eigene Schmerzgrenze liege.
Krise oder Korrektur?
Eine Frage steht mit diesen Entwicklungen aber unausweichlich im Raum: Ist das jetzt wirklich der Beginn des Platzens einer Blase oder einfach eine Korrektur? Finanzexpertin Lisa Hassenzahl ist wichtig zu sagen: „Ruhe bewahren.“
Sie sehe noch kein Platzen einer Blase. „Aber ja, es ist eine Korrektur und es zeigt, dass eben auch bei Technologiewerten nicht immer alles nur streng nach oben geht“, sagt Hassenzahl.
Die kommenden Monate aber dürften in diesem Bereich der Aktienmärkte schwankungsreich bleiben. Denn die Zweifel daran, wie schnell sich die enormen Investitionen in Hardware und Rechenzentren rechnen werden, bleiben wohl erst einmal bestehen.

