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Politik

Mehr Gemüse statt Fleisch – wie das die Landwirtschaft verändern würde

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 15, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 15.07.2026 • 17:12 Uhr

Das aktuelle Ernährungssystem belastet Klima, Umwelt und Gesundheit. Was würde eine globale Umstellung auf eine gesündere, nachhaltigere Ernährung für die Landwirtschaft bedeuten? Das hat eine Studie untersucht.

Planetary Health Diet: Mehr Pflanzen, weniger tierische Produkte. Laut EAT Lancet Kommission – ein internationales Expertengremium, das wissenschaftliche Grundlagen für eine gesunde, nachhaltige und gerechte globale Ernährung formuliert – könnten durch diese Ernährungsweise weltweit jedes Jahr bis zu 15 Millionen vorzeitige Todesfälle vermieden werden.

Dieser wissenschaftlich fundierte Speiseplan schützt demnach nicht nur die menschliche Gesundheit, sondern auch die des Planeten. Denn das derzeitige Ernährungssystem verursacht der EAT Lancet Kommission zufolge rund ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen. Hinzu kommt: Etwa ein Drittel der produzierten Lebensmittel gehe weltweit zwischen Acker und Teller verloren oder lande im Müll, während rund die Hälfte der bewohnbaren Erdoberfläche landwirtschaftlich genutzt wird – vor allem für Viehhaltung und den Anbau von Futtermitteln.

In der jetzt veröffentlichten Studie untersuchte ein internationales Forschungsteam, wie sich eine globale Umstellung auf eine gesündere, nachhaltigere Ernährung auf die Landwirtschaft auswirken würde. „Das aktuelle Agrar- und Ernährungssystem ist mit Gesundheitskosten, vorzeitigen Todesfällen, Treibhausgasemissionen, stickstoffbedingter Verschmutzung sowie Wasser- und Landverbrauch verbunden“, sagt Hermann Lotze-Campen, Leiter der Forschungsabteilung Klimaresilienz am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Co-Autor der Studie der ARD-Klimaredaktion.

Zwei Zukunftsszenarien im Vergleich

Die Forschenden vergleichen in ihrer Studie zwei mögliche Entwicklungen des Ernährungssystems bis 2050: Ein „Business-As-Usual“-Szenario, „in dem wir so weitermachen wie bisher“, sagt Lotze-Campen. Das bedeutet unter anderem einen hohen Anteil tierischer Produkte und stark verarbeiteter Lebensmittel. Die andere Entwicklung ist ein Transformationsszenario, dass sich an den Empfehlungen der EAT Lancet Kommission orientiert.

Die Kommission benennt drei zentrale Hebel, um das Ernährungssystem innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen zu halten und zugleich die Gesundheit der Menschen zu verbessern: Umstellung der Ernährungsgewohnheiten hin zu mehr pflanzlichen Lebensmitteln, bessere landwirtschaftliche Produktivität ohne weitere Flächenausdehnung und die Halbierung von Lebensmittelabfällen. Bei dem Transformationsszenario werden die Empfehlungen schrittweise eingeführt, so wie es in der Realität auch umsetzbar wäre, so Lotze-Campen.

„Weitermachen wie bisher“ wäre teurer

Ein gesünderer, nachhaltigerer Speiseplan würde die Landwirtschaft grundlegend verändern und ökologischer gestalten, sagt Florian Zabel, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Department Umweltwissenschaften der Universität Basel. Laut der Studie führt das derzeitige Ernährungssystem, also das „Business-As-Usual“-Szenario bis 2050 zu steigenden Tierbeständen, größeren Anbauflächen, höheren Produktionsmengen und stärkeren Umweltbelastungen – wie Treibhausgasemissionen und Stickstoffdüngung. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die Fortführung des „Business‑As‑Usual“‑Kurses langfristig die teurere Option wäre, weil Umwelt‑ und Gesundheitskosten dort deutlich höher ausfallen.

Würden die Empfehlungen wie im Transformationsszenario umgesetzt, dann würde ein großer Anteil der landwirtschaftlichen Erzeugnisse direkt für die menschliche Ernährung genutzt werden und weniger für Tierfutter. Das wiederum würde dazu beitragen, dass die landwirtschaftliche Produktion um fast ein Fünftel niedriger ausfallen würde als in den „Business-As-Usual“-Szenario. Was vor allem daran liege, dass durch die Ernährungsumstellung und weniger Lebensmittelabfälle insgesamt weniger Rohstoffe produziert werden müssten.

Mehr Pflanzen, weniger Vieh

Im Transformationsszenario der Studie schrumpft der globale Viehsektor deutlich. Besonders bei Wiederkäuern: Die Zahl von Rindern, Schafen und Ziegen für die Fleischproduktion sinkt im Modell zurück auf ein Niveau wie Mitte der 1990er-Jahre. Parallel dazu legen pflanzliche Lebensmittel zu: Der Anteil von Gemüse, Obst, Nüssen und Hülsenfrüchten am weltweiten Produktionswert steigt deutlich.

Weniger Agrarfläche, mehr Raum für Natur

Die Verschiebung von tierischer zu pflanzlicher Produktion würde auch die globale Landnutzung verändern. Bis 2050 würde die landwirtschaftlich genutzte Gesamtfläche im Transformationsszenario um etwa sechs bis sieben Prozent gegenüber 2020 sinken. Besonders deutlich wäre der Rückgang beim Weideland: minus rund 10 Prozent, was etwa 274 Millionen Hektar entspricht. Die Autorinnen und Autoren ordnen das als den größten absoluten Flächenrückgang der Landwirtschaft seit über 2.000 Jahren ein.

Ein Teil der freiwerdenden Flächen könnte laut Lotze-Campen für Wiederaufforstung und den Erhalt der Biodiversität genutzt werden. Damit würden zusätzliche Kohlenstoffsenken entstehen und Lebensräume für Pflanzen und Tiere zurückgewonnen.

Entlastung für Klima und Umwelt

Die Ernährungsumstellung und die Halbierung der Lebensmittelabfälle führten dann zu weniger Treibhausgasen aus dem Agrar- und Ernährungssektor. Die Emissionen der Landwirtschaft – vor allem Methan und Lachgas – lägen 2050 im Schnitt etwa ein Drittel unter den „Business-As-Usual“-Projektionen und wären damit deutlich niedriger als heute. Auch die netto CO2-Emissionen aus Landnutzungsänderungen würden deutlich sinken.

Ebenfalls würden der Einsatz von Stickstoffdünger und die Bewässerung zurückgehen. Insgesamt zeigt die Studie: Eine Ernährungswende könnte einen spürbaren Beitrag dazu leisten, das Ernährungssystem wieder näher an die planetaren Grenzen heranzubringen.

Transformation muss politisch begleitet werden

Zabel von der Universität Basel sagt, dass es bei dem Transformationsszenario „Verlierer und Gewinner geben würde. Insbesondere Regionen mit einer starken Ausrichtung auf die Tierproduktion wären von einem erheblichen Strukturwandel betroffen.“ Lotze-Campen erklärt: „Es gäbe eine Verschiebung zu deutlich weniger Tierproduktion und deutlich mehr Pflanzenproduktion. Das würde die Landwirtschaft vor verschiedene Herausforderungen stellen, weil diese Umstellung nicht ohne weiteres zu gewährleisten ist.“

Die Veränderungen, die mit einer Transformation des Ernährungssystems verbunden sind, erfordert nach Einschätzung der Forschenden eine Agrar- und Ernährungspolitik, die den Prozess begleitet. Wichtig sei, Alternativen für die Landwirte zu schaffen, die aus der Tierhaltung aussteigen würden. „Für eine gesamtgesellschaftliche Umsetzung muss es ein Zusammenspiel zwischen veränderten Ernährungsgewohnheiten und den entsprechenden politischen Rahmenbedingungen geben.“

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