Mehrere Verletzte gemeldetAuto fährt in Menschenmenge bei Berliner CSD – Fahrer flüchtet
Tausende Menschen feiern in Berlin den Christopher Street Day, als der Abend abrupt endet. Ein Auto fährt wohl in die Veranstaltung und verletzt mehrere Menschen. Das Event wird evakuiert.
Das Programm des Christopher Street Days (CSD) in Berlin musste am Abend vorzeitig beendet werden. „Mutmaßlich ist hier ein Fahrzeug in den Tiergarten eingefahren, hat mehrere Personen angefahren und dabei verletzt“, teilt die Polizei mit. Die „mehreren Verletzten“ werden von Rettungskräften behandelt. „Wir fahnden mit Hochdruck nach tatverdächtigen Personen.“ Der Vorfall ereignete sich laut „Bild“-Zeitung gegen 22 Uhr. Demnach erfasste der Fahrer eines weißen Transporters mit hoher Geschwindigkeit mehrere Menschen im Tiergarten.
Der CSD-Veranstalter und die Polizei evakuierten den Bereich vor der Bühne am Brandenburger Tor „aufgrund einer schwierigen Situation“. Teilnehmer wurden aufgefordert, „ruhig und geordnet“ nach Hause zu gehen, schrieben die Veranstalter auf ihren Profilen in sozialen Netzwerken. „Bitte meidet die Siegessäule und den Tiergarten.“
Zuvor haben hunderttausende Menschen an der diesjährigen Großkundgebung teilgenommen. Unter dem Motto „Haltung ist hot“ zogen die Teilnehmenden bei hochsommerlichem Wetter durch das Zentrum der Bundeshauptstadt. Die Polizei zog am Nachmittag noch ein zufriedenes Fazit. Doch bereits am Nachmittag gab es einen ersten Zwischenfall: Teilnehmende und zwei Einsatzkräfte seien aus einer Wohnung heraus mit einer Softairwaffe beschossen worden.
„Vier Teilnehmende wurden dadurch leicht verletzt, eine medizinische Behandlung lehnten sie ab“, so die Polizei. „Unsere Einsatzkräfte wurden nicht getroffen.“ Die Polizei war nach eigenen Angaben mit 2200 Einsatzkräften im Einsatz, um für ein „sicheres, buntes und friedliches Fest“ zu sorgen.
Den Organisatoren zufolge handelt es sich um eine der größten Versammlungen für Vielfalt und Menschenrechte in Europa. Die Polizei wollte keine genaue Schätzung zur Teilnehmerzahl abgeben. „Es sind aber sicherlich mehrere hunderttausend“, sagte eine Sprecherin. Auch Julia Miosga, Vorstandsmitglied des Berliner CSD e.V., sprach von hunderttausenden Teilnehmenden, ohne zunächst eine konkrete Zahl zu nennen. Die Demonstration sei „ein Signal für eine offene Gesellschaft, eine vielfältige Gesellschaft“, sagte sie.
Ziel sei, „dass alle queeren Menschen in unserer Stadt und weltweit sicher, sichtbar und frei leben können“. Dies sei auch ein „Auftrag“ an die künftige Berliner Landesregierung nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September, sagte Miosga.
„Queere Menschen stehen weltweit unter mehr Druck, sagte Thomas Hoffmann, Vorstandsmitglied des Berliner CSD. Bestehende Rechte würden teils wieder rückabgewickelt und auch die Hasskriminalität steige an. Mit ihrem zweitägigen CSD wollten sie ein ganz klares Zeichen dagegensetzen und sagen: „Wir werden nicht kleiner, sondern größer. Wir werden nicht leiser, sondern lauter“, so Hoffmann. „Und zwar so lange, bis alle Menschen in Deutschland frei, sicher und selbstbestimmt leben können.“
Insgesamt 83 Fahrzeuge und 55 Fußgruppen zogen durch Berlin. Eine große Zahl von Menschen säumten die Straßen, entlang derer sich der Demonstrationszug über den Potsdamer Platz bis zur Siegessäule bewegte. Für den Abschluss war am Brandenburger Tor ein Showprogramm auf acht Bühnen geplant. Am Abend trat Sarah Connor auf. Die Demonstration wurde zur großen Party. Einige Menschen waren mit Glitzerkostümen und Fetischkleidung wie Hundemasken unterwegs, es lief Musik von Queen („Don’t stop me now“) bis zu Elektrobeats. Die Polizei wies die Feiernden angesichts des warmen Wetters darauf hin, ausreichend Wasser zu trinken.
„Haltung ist hot“
Am Bahnhof Potsdamer Platz überprüfte die Berliner Polizei am Mittag nach eigenen Angaben „15 Personen einer mutmaßlich rechten Gruppierung“. Eine der Personen habe einen „verbotenen Gegenstand“ mit sich geführt, erklärte die Polizei, ohne weitere Details zu nennen.
Die jährlich organisierten CSD-Kundgebungen erinnern an den 28. Juni 1969, als die Polizei die Schwulenbar „Stonewall Inn“ in New York stürmte. Es folgten tagelange Zusammenstöße mit Aktivisten, die als Geburtsstunde der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung gelten.
Mit dem Motto „Haltung ist hot“ wollte der diesjährige Berliner CSD nach Angaben der Organisatoren „Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft einer weltoffenen Stadt“ in den Mittelpunkt stellen. Das Kampagnenmotto sei „bewusst als positive Einladung formuliert, Haltung zu zeigen“, erklärten sie. Die Kampagne verstehe sich auch „als Antwort auf zunehmende Anfeindungen gegen queere Menschen sowie auf gesellschaftliche Polarisierung und den Druck auf demokratische Werte“.
Unter den Teilnehmenden war auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner. Er legte einen Teil der Strecke an Bord eines Festwagens zurück, den die Stadt Berlin erstmals für die CSD-Kundgebung organisiert hatte. „Die Stadt Berlin will deutlich machen, dass wir hinter dem CSD stehen“, sagte Wegner dem „Tagesspiegel“. Kritik an den Kosten für den stadteigenen Festwagen wies er zurück: „Der CSD ist eine Veranstaltung, die Berlin als weltoffene Metropole zeigt.“ Deswegen sei der eigene Wagen gerechtfertigt.
Zum Auftakt des Wochenendes war Rapperin Ikkimel („Fußballmänner“) am Brandenburger Tor aufgetreten. „Schön, dass ich heute hier spielen darf. Leute, es ist mir eine Ehre“, sagte sie am Freitagabend. Die 29-Jährige hatte neulich mit einem Auftritt im ZDF-„Morgenmagazin“ Schlagzeilen gemacht. In vielen Ländern würden homosexuelle Menschen und die queere Community nicht akzeptiert, sagte Ikkimel. Es werde immer gesagt, in Deutschland sei das eine Selbstverständlichkeit. Leider merke sie aber immer wieder in Berlin, dass dem leider nicht so sei. Deswegen sei sie stolz, dort spielen zu dürfen.
