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Politik

Missionsgemeinschaft Kwasizabantu: Gewalt im Namen des Glaubens

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 8, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 08.06.2026 • 15:34 Uhr

In der evangelikalen Missionsgemeinschaft Kwasizabantu wurden Kinder gezüchtigt und geschlagen. Auch Jahrzehnte später leiden sie unter den Folgen. Und bis heute scheint es eine „geheime Gemeinde“ in Baden-Württemberg zu geben.

Von Christian Wölfel, BR

Die Kulisse ist malerisch: ein altes Bauernhaus in einer ländlichen Region in Oberbayern, Ziegen auf der Weide, Streuobst. Hier wächst Rebecka auf, zusammen mit vier Geschwistern.

Doch Rebecka erinnert diese Kindheit an etwas anderes: an Angst. Sie berichtet von Schlägen mit Hand, Kochlöffel oder Gürtel. Von „Scheitelknien“ – mit bloßen Knien auf der Kante eines Holzscheits. Von einer Erziehung, in der es nach ihrer Darstellung darum gegangen sei, den „Willen des Kindes zu brechen“. Ihr Bruder Benni schildert Ähnliches. Kleinste Verstöße reichen nach ihren Berichten: Faschingsschminke im Gesicht, ein „falscher“ Ton im Schulbus.

„Wer sein Kind liebt, der züchtigt es“

Der Vater von Rebecka und Benni ist Prediger, das Wohnzimmer dient als Gottesdienstraum. Die Familie soll in der evangelikalen Gemeinde als Vorbild taugen. Und gepredigt wird dort nach ihrer Erinnerung das Bild eines strafenden Gottes. Ein Bibelzitat, das nach ihrer Darstellung immer wieder fällt: „Wer sein Kind liebt, der züchtigt es.“

Die Gemeinde, der die Familie von Rebecka und Benni angehört, kommt aus Südafrika. Dort gründet der Missionar Erlo Stegen 1970 die Kwasizabantu Mission – wörtlich: „Ort, an dem Menschen geholfen wird“. In seiner Darstellung beginnt alles mit einer „Erweckung“ in einem Kuhstall. In den 1970er- und 80er-Jahren tourt Stegen durch Europa, predigt in Gemeindesälen und Sporthallen. Anhänger aus Deutschland knüpfen enge Verbindungen, bringen Lehre und Erziehungsstil mit zurück.

Der Vater bestätigt später dem BR auf Anfrage, dass es körperliche Strafen gab, auch „Scheitelknien“. Er verweist darauf, dass körperliche Züchtigungen damals verbreiteter gewesen seien und Prügeln seiner Auffassung nach noch nicht ausdrücklich verboten gewesen sei. Seine Methoden von damals nennt er selbst heute „gruselig“.

Das Bild von einem strafenden und richtenden Gott

Gottesbild und Erziehung hängen zusammen. Gott, so lernen die Kinder nach ihrer Erinnerung, ist vor allem Richter. Sünde lauere überall: in „unreinen Gedanken“, bei Musik mit Schlagzeug, beim falschen Rocksaum. Sexualität ist tabu – und gleichzeitig ständig Thema.

Hinzu kommen Filme über Hölle und „Entrückung“, die die Kinder in der Kwasizabantu-Szene sehen: Menschen, die von Würmern aufgefressen werden, ewige Qualen im Feuer. Rebecka erzählt, sie habe das als Realität wahrgenommen. Kommt sie von der Schule heim und die Mutter ist nicht da, ist ihr erster Gedanke: Sie ist „entrückt“, sie selbst ist allein zurückgeblieben – verloren.

Die „Entrückung“ ist in manchen evangelikalen Kreisen die Vorstellung, dass Jesus eines Tages plötzlich auf die Erde zurückkehrt und die „wahren Gläubigen“ zu sich holt. Wer dann zurückbleibt, gilt als verloren und muss sich nach dieser Deutung auf das Jüngste Gericht und Höllenqualen einstellen.

Schneeballschlacht mit Jungs als Sünde?

Rebecka besucht auch ein Internat in der Schweiz, in dem nach ihrer Darstellung die Regeln von Kwasizabantu gelebt werden. Eigentlich ist der Kontakt dort mit Jungs verboten. Nach einer Schneeballschlacht wird Rebecka nach ihrer Schilderung ins Büro des Internatsleiters Hans Koller zitiert. Koller sitzt hinter dem Schreibtisch, sie auf dem Stuhl davor. „Du hattest sexuelle Gedanken“, sagt er ihr nach ihren Worten. Rebecka verneint. Immer wieder.

Nach Rebeckas Darstellung lässt er sie nicht gehen, stellt die Frage immer wieder anders. „Gefühlt ein bis zwei Stunden“, erzählt sie, bis sie einknickt. „Irgendwann habe ich gesagt: ‚Ja, Onkel Hans‘. Dann war es vorbei.“ Koller betet mit ihr – aus seiner Sicht, so schildert sie, war damit alles geklärt. Für Rebecka ist es eine Demütigung, die bleibt.

Rebeckas Erinnerungen an Misshandlungen im Internat

Sie berichtet von einem weiteren Vorfall: Sie habe im Keller versehentlich an einem Waschmaschinenknopf gedreht. Später, so ihre Darstellung, wird sie von Koller in dessen Schlafzimmer gerufen. An der Wand hängt ein Gürtel. Sie müsse die Hose herunterlassen, sich aufs Bett legen. „Ich war untenrum nackt“, sagt sie. Er habe sie mit dem Gürtel geschlagen – so heftig, dass sie ins Kissen schreien musste, „damit es keiner hört“.

In einer Schweizer TV-Dokumentation berichtet ein ehemaliger Schüler des Internats von ähnlichen Züchtigungen mit einem Gürtel. Der BR hat Hans Koller mehrfach – schriftlich und persönlich – um eine Stellungnahme zu den geschilderten Vorwürfen gebeten. Er lehnte ab und reagierte auf weitere Anfragen nicht. Rebecka berichtet, er habe ihr gegenüber erklärt, er könne sich an keine konkreten Situationen erinnern, und sich allgemein entschuldigt, „falls da etwas war“.

Es dauert lange, bis Rebecka und Benni beginnen, das System zu hinterfragen und auszusteigen. Mittlerweile gibt es die Gemeinde, in der die Familie von den beiden war, nicht mehr. Auch an anderer Stelle in Deutschland hat sich die Bewegung formal zurückgezogen. Andere Gemeinden haben sich von Kwasizabantu distanziert.

Bis heute in Deutschland im Verborgenen aktiv?

Doch Recherchen des BR deuten darauf hin, dass es Strukturen von Kwasizabantu in Deutschland offenbar weiterhin gibt. In einer Gemeinde in Baden-Württemberg soll sich nach übereinstimmenden Angaben mehrerer Quellen regelmäßig ein kleiner Kreis von Familien in einem Privathaus treffen. Diese voneinander unabhängigen Quellen berichten, dass man dort Gottesdienste aus Südafrika per Livestream mitverfolge und dass strenge Kleidervorschriften sowie rigide Vorstellungen von Geschlechterrollen und Ehe gelten würden.

Bei undercover-Recherchen bei der Gemeinschaft Kwasizabantu in Südafrika erzählt eine Deutsche von ihrer „Gemeinde“ in Baden-Württemberg. Auf dem Gelände, auf dem sich der Kreis nach diesen Berichten versammelt, befindet sich ein öffentlich zugänglicher Betrieb, der von einem Ehepaar geführt wird. Mails und Anrufe des BR an die Betreiber blieben unbeantwortet. Als Reporter vor Ort klingeln, werden sie an der Tür abgewiesen. Kurz darauf gehen Rollläden im Erdgeschoss herunter, ein Auto fährt dicht an ihnen vorbei. Die Reporter des BR haben nicht nur diese Hinweise, dass Kwasizabantu weiter besteht – nicht nur in Südafrika, sondern auch in Deutschland.

Die komplette Staffel des Podcasts Seelenfänger können Sie bei ARD Sounds hören.

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Dr. Heinrich Krämer
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