Die Slowakei hat einen neuen Reaktorblock ans Netz genommen. Wenn er Volllast erreicht, wird die Slowakei zum Land mit dem weltweit höchsten Atomanteil im Energiemix. Und Staatschef Fico plant bereits das nächste Kraftwerk.
Im August war es soweit: Der neue slowakische Atomreaktor hat seine Kritikalität erreicht – also eine stabile Kernspaltung. Seit Mitte Oktober speist der vierte Block am Standort Mochovce in der Westslowakei Strom ins Netz ein.
Die Slowakei werde zur Atommacht, verkündet Branislav Strycek, Chef der Slowakischen Stromwerke. „In den letzten 20 Jahren wurden in Europa vier Kernkraftblöcke in Betrieb genommen: zwei davon in der Slowakei.“ Damit beweise die Slowakei, dass auch eine kleinere Nation Großes leisten könne, so Strycek. „Denn es handelt sich um eines der größten Infrastrukturprojekte in Europa.“
Baubeginn schon in den 80er-Jahren
Allerdings hat sich der Bau des Atomreaktors um zwölf Jahre verzögert. Vor drei Jahren war der dritte Block in Mochovce ans Netz gegangen – ebenfalls erheblich später als geplant. Die Kosten für die beiden Kraftwerke haben sich mit 6,7 Milliarden Euro mehr als verdoppelt.
Der Reaktorbau begann bereits 1987 zu sozialistischen Zeiten, lag dann aber bis 2008 auf Eis. Der Druckwasserreaktor basiert auf sowjetischer Technik. Die Brennstäbe stammen aus Russland.
Erst für die Zukunft will die Slowakei mit dem US-Konzern Westinghouse und dem französischen Unternehmen Framatome zusammenarbeiten. Die Franzosen setzen allerdings auf eine russische Beteiligung für den Kernbrennstoff. Produziert werden soll im niedersächsischen Lingen, was dort auf große Kritik stößt.
Pannen bei früherem Hochfahren
In der Slowakei unterstützt ein Großteil der Bevölkerung den Atomausbau. Umweltschützer im nahen Österreich sind alarmiert. Beim Hochfahren von Block 3 kam es zu Pannen im Testbetrieb. Von Baumängeln und Materialfehlern war die Rede.
„Ich muss sagen, dass es dieses Mal besser gelaufen ist“, sagt Marta Ziakova, die Chefin der slowakischen Atomaufsichtsbehörde. „Wir haben alle wirklich daraus gelernt – sowohl der Betreiber als auch wir.“ Das habe dazu geführt, dass es bei Block 4 zu keinen Verzögerungen gekommen sei, so Ziakova.
Slowakei sieht sich in Führungsposition
Der neue Atomreaktor hat eine Leistung von 471 Megawatt. Im Regelbetrieb ab Ende diesen Jahres soll der Meiler pro Jahr rund 13 Prozent des Stromverbrauchs der Slowakei liefern. Regierungschef Robert Fico spricht von einem Meilenstein auf dem Weg zu mehr Energiesicherheit und emissionsarmen Stromquellen.
„Deutlich mehr als 70 Prozent des Stroms kommt aktuell aus Kernkraft. Selbst in Frankreich ist das jetzt weniger“, so Fico. „Die Slowakei ist also weltweit führend. Und ich bin überzeugt, dass unsere weiteren großen Ambitionen für ein neues AKW uns als Atomland noch attraktiver machen.“
Neues Mega-Kraftwerk geplant
Die Slowakei verbrennt keine Kohle mehr, ist bei Öl und Gas aber abhängig von Russland. Am zweiten Atomstandort des Landes, in Jaslovske Bohunice, plant der russlandfreundliche Premier ein Mega-Kraftwerk mit einer Leistung von 1.200 Megawatt für die Zeit nach 2040. Den Auftrag soll die US-Firma Westinghouse erhalten – ohne Ausschreibung.
Im Januar unterzeichnete Fico bereits ein Memorandum mit US-Präsident Donald Trump in Florida. Es hagelte Kritik aus der eigentlich atomfreundlichen Opposition. Die Regierung habe weder den Bedarf begründet noch die Kosten beziffert.
Die Slowakei ist hochverschuldet und hat unpopuläre Sparmaßnahmen umgesetzt. Fico beschloss jedoch über seine Wirtschaftsministerin hinweg, die Projektgesellschaft für das neue AKW komplett in staatliche Hand zu bringen. Der Rückkauf von Anteilen vom tschechischen Energiekonzern CEZ kostete 189 Millionen Euro.
Staat könnte Mehrheit zurückkaufen
Nach der Inbetriebnahme von Mochovce 4 hat der slowakische Staat darüber hinaus nun die Option, die Mehrheit über den bisherigen Atomkraftbetreiber zurückzuerlangen. Die hält aktuell der Unternehmer Daniel Kretinsky.
„Wir würden uns sehr freuen, wenn die Slowakei von ihrem Vorverkaufsrecht Gebrauch machen würde“, so der Energieexperte Karol Galek von der oppositionellen SaS-Partei. Aber Fico müsse die Finanzen dafür sicherstellen. „Nicht, dass sich die Slowakei für zehn oder 20 Jahre verschuldet und allein Ficos Kumpel Kretinsky profitiert.“
Der Tscheche kann Geld für seine Expansion gut gebrauchen. In Deutschland ist er sehr am Kauf des Gasunternehmens Uniper interessiert

