Er soll einer der Taucher gewesen sein, die Sprengstoff an den Nord-Stream-Pipelines anbrachten. Nach der Festnahme des Ukrainers in Kroatien entscheidet nun ein Gericht über seine Auslieferung. Zunächst kommt er in Untersuchungshaft.
Ein Gericht in Kroatien hat den Ukrainer Wolodymyr S. nach seiner Festnahme im Zusammenhang mit den Anschlägen auf die Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee in Untersuchungshaft genommen. „Mit Blick auf seine Auslieferung“ an Deutschland habe eine Richterin wegen Fluchtgefahr U-Haft angeordnet, teilte das Gericht in der Küstenstadt Pula mit.
Zuvor wurde S. von einem Staatsanwalt vernommen. Am Mittwoch war er aufgrund eines von Deutschland ausgestellten Europäischen Haftbefehls in Pula festgenommen worden.
Matija Milos, der Rechtsanwalt des Ukrainers, sagte gestern vor Journalisten, sein Mandant werde die drohende Auslieferung juristisch anfechten und den Instanzenweg beschreiten. Nach kroatischer Rechtslage muss das Verfahren – einschließlich der Berufung – innerhalb von 60 Tagen abgeschlossen sein.
S. soll bei Hollywood-Filmproduktion beraten haben
Die Bundesanwaltschaft wirft S. unter anderem das gemeinschaftliche Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion vor und will ihn in die Bundesrepublik überstellen lassen. Der Ukrainer soll einer der Taucher gewesen sein, die die Sprengladungen an den Pipelines angebracht hatten.
Nach Angaben der kroatischen Polizei wurde S. in einer touristischen Unterkunft in einem Resort am Südrand von Pula festgenommen. Dort ist auch das Team einer Hollywood-Filmproduktion untergebracht, das gerade die Nord-Stream-Anschläge als fiktionalen Polit-Thriller verfilmt. Unter dem US-Regisseur Doug Liman wirken daran die Hollywoodstars Sean Penn und Adrien Brody mit.
Wie mehrere Medien, darunter etwa das kroatische Fernsehen HRT, berichteten, soll sich S. als Teil dieses Filmteams in Pula aufgehalten haben. In der Unterkunft soll er nicht unter einem falschen Namen angemeldet gewesen sein. Nach Informationen des Spiegel sowie der britischen Zeitung Times war er für die Filmproduktion als Berater tätig.
Wie ARD-Recherchen zeigen, soll S. zuvor laut den Ermittlungen als Ausbilder für Tauchgänge auch in großen Tiefen an der Tauchschule „Scuba Family“ in Kiew beschäftigt gewesen sein. Vor seiner Tauchkarriere war er demnach Soldat in der ukrainischen Armee.
Polen hatte eine Auslieferung des Verdächtigen abgelehnt
Wie Anwalt Milos weiter ausführte, wolle sich die Verteidigung bei der Bekämpfung der Auslieferung auf den Präzedenzfall in Polen berufen. S. war dort bereits vergangenen September ebenfalls auf der Grundlage eines in Deutschland ausgestellten Europäischen Haftbefehls festgenommen worden. Ein Gericht in Warschau untersagte allerdings seine Auslieferung. Er kam wieder frei.
Dass Kroatien ähnlich handelt, gilt als eher unwahrscheinlich. Das Verfahren sei durch europäisches Recht klar geregelt, sagte Innenminister Davor Bozinovic laut HRT.
S. selbst hatte vor polnischen Journalisten bestritten, in Deutschland Verbrechen begangen und die Pipelines gesprengt zu haben. Sein Anwalt erklärte in der damaligen Verhandlung, sein Mandant sei nicht an der Ostsee und auch nicht beim Militär gewesen.
Was sind die Nord-Stream-Pipelines?
Die Nord-Stream-Leitungen verlaufen durch die Ostsee und waren für den Transport von russischem Gas nach Deutschland gebaut worden. Bei den Anschlägen im September 2022 wurden sie schwer beschädigt. Sie waren zu dem Zeitpunkt nicht in Betrieb – Russland hatte die Gaslieferungen über Nord Stream 1 bereits kurz zuvor gestoppt, mutmaßlich als Reaktion auf die westlichen Sanktionen angesichts des russischen Einmarschs in die Ukraine. Nord Stream 2 ging nie in Betrieb.
