Der erste Spieltag der XXL-WM endet langsam. Ein Fokus liegt dabei auf der Ticketpreise-Debatte und der Auslastung der Stadien. Im Gespräch mit ntv Sport hat der Sportökonom Dominik Schreyer überraschende Nachrichten.
ntv Sport: Herr Schreyer, vor dem Turnier gab es große Aufregung um die Ticketpreise. Es wurde befürchtet, dass die Stadien leer bleiben. Wie sind die Zuschauerzahlen nach 16 Spielen?
Dominik Schreyer: Die sind richtig, richtig gut – wenn man der FIFA glaubt. Der Weltverband nennt für jedes Spiel die sogenannte „Attendance“, also eine konkrete Zahl. Unüblich ist, dass hier nicht nur distribuierte Tickets, sondern die tatsächlichen Anwesenden gezählt werden. Nach 16 Spielen liegt die Auslastung bei 99,3 Prozent. Das ist dramatisch hoch.
Direkt beim zweiten Spiel gab es Zweifel. Bei Südkorea gegen Tschechien blieben in Guadalajara weithin sichtbar zahlreiche Plätze frei. Die FIFA sagte: Die waren im Stadion, nur nicht an ihrem Platz. Ist das glaubwürdig?
In einem Stadion ist immer Bewegung. Menschen stehen auf, gehen raus. Die Frage ist: Woher stammen die Bilder und wann wurden sie gemacht? Vor und nach der Halbzeit, in den VIP-Bereichen – da sieht man Lücken. Gerade sehr gute Sitze oder Boxen bleiben häufiger leer, weil Sponsoren ihre Kontingente nicht voll nutzen. Das war bei der EM 2024 in Deutschland ähnlich. Am Ende kann nur die FIFA wissen, wo die Leute waren. Wir werden es nie erfahren.
Das ist Dominik Schreyer
Dominik Schreyer ist Professor für Sportökonomie an der WHU – Otto Beisheim School of Management und leitet dort das Center for Sports and Management (CSM). In seiner Forschung fokussiert er sich insbesondere auf die empirische Analyse der Stadionnachfrage, etwa das No-Show-Verhalten von Fußballzuschauern und Wachstumspotenziale im Frauensport. Er hat über 40 Artikel in internationalen, peer-reviewten Fachzeitschriften veröffentlicht und berät regelmäßig Sportvereine zu Stadionthemen.
Ein großes Thema ist der uferlose Ticketzweitmarkt. Dort werden Karten weit über dem eigentlichen Preis verkauft. Wie hat sich dieser Markt in der ersten WM-Woche entwickelt?
Die FIFA lotet über den dynamisch bepreisten Zweitmarkt in Echtzeit den Preissetzungsspielraum aus – vor einem Millionen- oder Milliardenpublikum. Die Preise schwanken stark: In einem Moment kostet ein Ticket 1000 Dollar, im nächsten 3000. Der exakte Durchschnittspreis ist dabei gar nicht entscheidend.
Was dann?
Fakt ist: Die Tickets gehen weg, egal zu welchem Preis. Es entsteht FOMO (Fear of Missing Out, Anm.d.Red.), die Angst, etwas Einmaliges zu verpassen. Die Fans wollen bei dieser WM dabei sein – und dabeibleiben.
Was bedeutet das für die Erlöse der FIFA?
Die Umsätze werden im Vergleich zu den letzten Turnieren dramatisch steigen, und die Ticketerlöse spielen dabei eine Hauptrolle. Das lässt sich aus den Budgetzahlen gut ablesen: Die Ticketeinnahmen sind deutlich höher veranschlagt.
Was heißt das das konkret?
Die FIFA rechnet in WM-Zyklen von vier Jahren. Im aktuellen Zyklus sprechen wir von 13 Milliarden Dollar Umsatz, davon entfallen neun Milliarden auf dieses Turnier. Fast ein Drittel davon sind budgetierte Ticketeinnahmen, Hospitality-Rechte kommen noch oben drauf. Es ist außergewöhnlich, dass Ticketing rund ein Drittel der Gesamtumsätze ausmacht; auf den ganzen Zyklus gerechnet ist jeder vierte Dollar dafür eingeplant.
Wie war das im Zyklus, der mit der WM 2022 in Katar endete?
Da war es ungefähr jeder achte Dollar, beim Zyklus bis 2018 noch etwas weniger. Jetzt ist es jeder dritte Dollar, insgesamt knapp drei Milliarden. Das ist eine Menge Geld.
Wie hat sich der Erlös pro Spiel bei einer WM über die Jahre entwickelt?
Ich habe mir die Zahlen ab 1966 angeschaut und inflationsbereinigt. Der Umsatz pro Spiel steigt sukzessive. Lange waren wir bei unter drei Millionen Dollar pro Spiel, ab 1998 in Frankreich waren es immer über sieben Millionen, ab 2014 in Brasilien waren es dann elf, zwölf Millionen. Für 2026 wissen wir es noch nicht genau. Ich gehe aber davon aus, dass wir allein mit Tickets bei mindestens 20 Millionen Dollar pro Spiel landen. Hospitality-Rechte sind da noch nicht eingerechnet.
Wie war das bei der deutschen Heim-EM 2024 der UEFA?
Da lag der Wert bei weniger als der Hälfte.
Immer weiter, immer teurer also bei der FIFA?
Es wird ausgelotet: Wohin kann man mit dem Fußball gehen? Die Budgetierung hat normalerweise Hand und Fuß. Die FIFA weiß, wohin sie will, und dass sie die Preise im Zweifel durchsetzen kann. Die WM ist ein knappes Gut, für viele Menschen ein einmaliges Ereignis. Die Nachfrage übersteigt das Angebot. Dazu kommt: Besonders in den USA ist das Publikum an dynamische Ticketpreise gewöhnt – aus NFL, NBA-Finals und anderen Ligen. Die Debatte darüber ist nicht nur ein FIFA-Phänomen.
Die hohen Preise und das Dynamic Pricing fördern eine Zweiklassengesellschaft. Wird es in Zukunft so sein, dass sich bestimmte Gruppen die Turniere nicht mehr leisten können?
Ja und nein. Dynamic Pricing kann in beide Richtungen wirken und hilft bei der Auslastungssteuerung. Wenn etwa Jordanien gegen Österreich spielt und die Nachfrage geringer ist, werden Tickets günstiger. Auch bei Neuseeland gegen Iran in der Nacht zum Dienstag gab es zum Ende hin Karten für 400 Dollar. Das ist immer noch viel Geld, aber deutlich weniger als zuvor.
Es ist sehr viel Geld.
Natürlich führt das auch zu einer Zweiklassengesellschaft. Es wird Menschen geben, die sich nur noch weniger attraktive Spiele leisten können – und welche, die sich selbst diese nicht mehr leisten können.
Was bedeutet das für ein Stadion?
Die Komposition im Stadion verschiebt sich. Sind die leidenschaftlichen Fans noch Teil des Produkts? Gerade sie liefern die Bilder, die für die Vermarktung wichtig sind. Wir alle wollen emotionale, laute Stadien. Diese Spaltung trifft vor allem diese Gruppen, oft junge Menschen mit wenig Geld. Aber es gibt noch einen Punkt, der zu kurz kommt …
… erzählen Sie schon!
Der Vergleich ist ein bisschen schief. Ticketpreise sind nur ein Faktor. Ich muss mir Urlaub nehmen, nach Nordamerika reisen, Übernachtungen zahlen. Selbst 35 Euro fürs Ticket wären für die meisten schon eine enorme Belastung, wenn man diese Zusatzkosten einrechnet.
Sie sagen: Vom Besuch des Turniers werden von vornherein bestimmte Gruppen ausgeschlossen?
Ja. Es liegt nicht nur an hohen Ticketpreisen. Viele Menschen haben gar nicht die Chance, hinzufliegen. Insofern verstehe ich, dass man in einem Markt wie den USA versucht, das dann abzuschöpfen. Zumal die FIFA argumentiert: Das Geld fließt zurück ins System.
Das ist eine andere, wohl noch kompliziertere Diskussion, Herr Schreyer. Die UEFA hat mitten in die Debatten hinein verkündet: Mit uns gibt es kein Dynamic Pricing, keine massiv hohen Ticketpreise.
Die UEFA hat sich als Antithese zur FIFA positioniert. Sie ist fast so etwas wie die Bundesliga unter den Kontinentalverbänden, deutlich fanorientierter. Diese Linie kann man fahren – sie führt aber dazu, dass die Einnahmen deutlich geringer sind und die Stakeholder nicht in dem Maß profitieren wie bei der FIFA. Die TV-Gelder wachsen nicht mehr ins Unendliche. Es braucht also Alternativen, um das Wachstum des Fußballs zu finanzieren.
Sie sprechen viel von Wachstum, Erlösen und Umsätzen. Vergessen wir nicht die Fans?
Die Mischung macht’s. Die Zusammensetzung der Zuschauer ist eine zentrale Herausforderung der nächsten Jahre. Ich bin da bei Uli Hoeneß, der die Fans einmal gefragt hat, ob sie wissen, wer ihre günstigen Tickets eigentlich finanziert. Die Antwort sinngemäß: die Leute, denen man das Geld aus der Tasche zieht. Genau die zahlen am Ende doch die Party. Man kann das abschöpfen, aber es wird weiterhin Menschen im Stadion geben müssen, die – wie unser Kanzler sagen würde – Rambazamba machen. Es braucht diesen Mix.
„Keine Könige der Welt“ – Infantino mit skurrilen Sätzen
Sie sprachen vorhin von einer Auslastung von über 99 Prozent. Die FIFA scheint den richtigen Mix gefunden zu haben. Hat der Weltverband bis hierhin alles richtig gemacht?
Das kann man tatsächlich so sagen. Ich verstehe die Aufregung über die Preise, aber am Ende geht FIFA-Präsident Gianni Infantino mit einem klaren Auftrag hinein.
Der lautet?
Erlösmaximierung. Das kann man gut oder schlecht finden, aber er erfüllt diesen Auftrag. Wenn wir in vielen Jahren auf diese WM zurückblicken, werden wir aus Umsatzsicht vermutlich sehr nahe an einem Best Case liegen. Das muss nicht jeder mögen. Aber die FIFA macht die Kassen voll.
Sehen Sie einen Punkt, an dem die Situation kippen könnte?
Die Gefahr besteht immer. Die Beschwerden über die FIFA gibt es seit vielen Jahren. Gleichzeitig steigt die Nachfrage weiter, die TV-Quoten sind stabil. Diesen Kipppunkt wird es irgendwann geben, aktuell sehe ich ihn nicht.
Bleibt der Fußball die mächtigste Droge der Welt?
Ja. Er ist, wie man so schön sagt, das letzte Lagerfeuer dieser Welt. Die FIFA hat faktisch ein Monopol auf die Weltmeisterschaft. Fußball geht nicht weg. Die Leute schauen am Ende doch.
Mit Dominik Schreyer sprach Stephan Uersfeld
Verwendete Quelle: ntv.de
