Mehr als 36 Jahre nach dem Mauerfall scheint sich die Nachwendegeneration gerade besonders viel mit ihrer ostdeutschen Identität zu beschäftigen. Warum singen so viele junge Musiker über ihre Herkunft?
„Everything Okay“ heißt der neue Song von Thea Alien des Elektroduos Calcou. Bevor die 26-Jährige ihn beim Berliner Pop-Kultur-Festival spielt, erklärt sie, worum es ihr geht: Es sei ihr persönlicher „Wut-Song über ostdeutsche Identität, über westdeutsche Gleichgültigkeit und darüber, dass ich mich ständig erklären muss.“
Thea Alien ist in Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Besonders störe sie die Gleichsetzung von Ostdeutschland mit Rechtsextremismus und AfD. Sie erlebe immer wieder, dass von ihr erwartet werde, sich für ihre Herkunft und ihre Familie zu rechtfertigen. „Das macht mich so müde“, sagt sie.
Die Geschichten der Eltern
Auch andere jüngere Musiker beschäftigen sich mit ihrer ostdeutschen Herkunft. Betterov, bürgerlich Manuel Bittorf, wurde 1994 in Thüringen geboren. Auf seinem Album „Große Kunst“ erzählt er in zwei Songs von der Flucht seines Vaters aus der DDR im Juli 1989. Die Geschichte spielt zwar fünf Jahre vor seiner eigenen Geburt, prägt aber trotzdem seine eigene Biografie.
Für den Soziologen Daniel Kubiak von der Humboldt-Universität zu Berlin ist das nicht überraschend. Wer in Ostdeutschland mit ostdeutschen Eltern aufwachse, setze sich auch mit deren Biografien und Transformationserfahrungen auseinander, so Kubiak. Er spricht von einer „ambivalenten Solidarität mit den eigenen Eltern“: Ostalgische Haltungen würden eher abgelehnt, gleichzeitig wachse das Verständnis dafür, was Arbeitslosigkeit, berufliche Brüche oder Umzüge in den 1990er-Jahren für die Eltern bedeuteten.
Keine neue „Ost“-Welle
Dass Künstler ihre Herkunft zum Thema machen, sei zunächst nichts spezifisch Ostdeutsches, sagt Kubiak. Herbert Grönemeyer singt über Bochum und das Ruhrgebiet, Johnny Cash über seine Herkunft aus dem ländlichen Arkansas. Bei Musikern aus Chemnitz, Wittenberg oder Magdeburg kann entsprechend Ostdeutschland eine Rolle spielen.
Das ist nicht völlig neu. Bands wie Kraftklub aus Sachsen oder Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern setzen sich schon länger mit ihrer Herkunft und den politischen Verhältnissen vor Ort auseinander. Kubiak sieht deshalb nicht unbedingt eine neue „Ost-Welle“ in der Popmusik. Die Frage „Wo komme ich her?“ beschäftige viele Menschen gerade im Alter zwischen 20 und 30 Jahren.
Aus Scham wird Selbstbewusstsein
Hinzu kommt allerdings der Blick von außen. Wie stark ostdeutsche Identität auch durch solche Fremdzuschreibungen entsteht, hat Hendrik Bolz erlebt. Er wird 1988 in Leipzig geboren, wächst in Stralsund auf. Bekannt wird er als Rapper „Testo“ des Hip-Hop-Duos „Zugezogen Maskulin“, sowie als Autor des Bestseller-Romans „Nullerjahre“. Sein neues Buch „Aus Ruinen“ erscheint im Oktober.
Bolz erinnert sich an ein vermeintliches Kompliment während seines Studiums: „Krass, du bist Ossi, hätte ich nie gedacht. Merkt man gar nicht.“ Damals habe er sich darüber gefreut. Heute sagt er: „Das Traurige ist, dass das für mich wirklich das größte Lob war. Das war, als hätte man mir so einen Orden verliehen.“ Inzwischen geht Bolz offen mit seiner Herkunft um.
Auch der Kurator des Pop-Kultur-Festivals in Berlin, Christian Morin, beobachtet bei einer jüngeren Generation ein neues Interesse an Herkunft. Dahinter stehe das Bedürfnis, sich historisch einzuordnen und „auch die Geschichte des eigenen Selbst und der Familie erforschen“ zu wollen.
Soziologe Daniel Kubiak sieht eine „ambivalente Solidarität mit den eigenen Eltern“ aus dem Osten.
Musik muss nicht politisch sein
Politisch aufgeladen ist die Frage nach ostdeutscher Identität dennoch. Gerade vor Wahlen wird über den Osten häufig im Zusammenhang mit AfD und Rechtsextremismus gesprochen. Der Soziologe Kubiak warnt aber davor, die Musik als gezielte Gegenbewegung zu verstehen. Die Künstler verarbeiteten zunächst ihre persönlichen Erfahrungen.
Wer allerdings in einer ostdeutschen Stadt über seine Umwelt schreibe, komme an Rechtsextremismus und den politischen Verhältnissen auch nicht vorbei. Gleichzeitig zeigt gerade die Popularität von Betterov, dass sich auch Menschen außerhalb Ostdeutschlands mit solchen Erfahrungen identifizieren können.
