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Phänomen „Overview Effekt“: Warum ein Flug ins All Menschen verändern könnte

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 16, 2026Keine Kommentare3 Minuten Lesezeit
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Phänomen „Overview Effekt“Warum ein Flug ins All Menschen verändern könnte

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst blickt während seines Fluges mit der Internationalen Raumstation ISS durch ein Fenster in der Kuppel auf die Erde. (Foto: picture alliance / -/NASA/dpa)

Viele Raumfahrer berichten von einem Gefühl tiefer Verbundenheit beim Anblick der Erde. Nun gibt es eine neue These, was diese Wahrnehmung auslösen könnte. Möglicherweise spielt das Fehlen der Schwerkraft eine entscheidende Rolle dabei.

Viele Astronautinnen und Astronauten haben von einem merkwürdigen Gefühl berichtet, als sie das erste Mal um die Erde schwebten: eine Art von Ehrfurcht, die einen überkommt. „Jeder, der dort oben war (…) kommt verändert zurück“, hatte der deutsche Astronaut Ulf Merbold einmal gesagt. Bisher war unklar, was genau die Ursache des Gefühls ist. Zwei Forscherinnen formulieren nun eine mögliche Erklärung.

In der Forschung spricht man vom „Overview-Effekt“: Eine Veränderung der Wahrnehmung, der Emotionen und des Bewusstseins, von der Astronautinnen und Astronauten berichten, wenn sie die Erde aus dem Weltraum betrachten. Sie schildern oft einen Eindruck der Zerbrechlichkeit und der Einheit des Planeten sowie eine Neuordnung ihrer Wertvorstellungen und ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit allem Leben.

Wichtige Ordnungskraft fällt weg

Zwei Forscherinnen der Birkbeck University of London glauben, dass dabei die Gravitation eine wichtige Rolle spiele. Oder besser gesagt, ihre weitgehende Abwesenheit. Auf der Erde würde das im Innenohr befindliche vestibuläre System, das Gleichgewichtssystem, dem Gehirn ständig mitteilen, wo unten ist. In der Mikrogravitation des Alls wird dieses gewohnte Signal unzuverlässig oder stark abgeschwächt und damit eine wichtige Ordnungskraft für das Gehirn, schreiben sie in ihrem Artikel, der im Fachmagazin „Frontiers in Psychology“ erschienen ist.

Verschiedene Studien hatten bereits gezeigt, dass ein längerer Aufenthalt in der Schwerelosigkeit die Wahrnehmung verändert und zu räumlicher Desorientierung führen kann. Auch auf das Bewusstsein könnte die Abwesenheit von Schwerkraft einen Effekt haben, schreiben die Autorinnen. Sie verweisen auf Berichte und Studien, laut denen Astronauten eine Aufweichung der Grenzen zwischen Selbst und Welt beschreiben. Ihre Selbstwahrnehmung verschiebe sich.

Verständnis vom Bewusstsein selbst

Diese Desorientierung könne auch eine Erklärung für das plötzliche Gefühl der Ehrfurcht, der Einheit und einer neu bewerteten Sinnhaftigkeit beim Anblick der Erde aus dem Weltraum sein, schlussfolgern die Forscherinnen. Sie vergleichen die Veränderung mit psychedelischen Zuständen: Auch LSD und Psilocybin könnten, ähnlich wie die verringerte Schwerkraft, das Erwartungsmuster des Gehirns lockern.

Die Autorinnen betonen, dass das Verständnis dieser Prozesse wichtig sei, wenn sich Menschen zunehmend länger im Weltraum aufhalten oder sogar neue Planeten besiedeln. Und zwar nicht nur, wenn es um das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit der Astronauten geht, sondern auch „für die Entwicklung eines tieferen wissenschaftlichen Verständnisses des Bewusstseins selbst“.

Quelle: ntv.de, kst

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