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Phoenix erhebt sich aus Trümmern: Das Irrenhaus kehrt in die Bundesliga zurück

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 31, 2026Keine Kommentare9 Minuten Lesezeit
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Phoenix erhebt sich aus TrümmernDas Irrenhaus kehrt in die Bundesliga zurück

31.05.2026, 08:02 Uhr

Von Tobias Nordmann, Hagen
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Party-Stimmung in Hagen. (Foto: Phoenix Hagen / Jörg Laube)

Phoenix Hagen kehrt nach fast zehn Jahren in die Basketball-Bundesliga zurück. Im finalen Duell mit den Eisbären Bremerhaven sprengt das Team im dritten Viertel die Ketten. Danach herrscht emotionaler Ausnahmezustand.

Der Basketball-Pyromane hatte fertig. Als die Hallenuhr noch 2:32 Minuten Restspielzeit anzeigte, brach Martin Schmidt emotional zusammen. Bjarne Kraushaar versenkte einen Dreier, Phoenix Hagen führte mit 21 Punkten gegen die Eisbären Bremerhaven. In der hoch temperierten Ischelandhalle tobte das entscheidende Spiel fünf der Pro-A-Halbfinalserie. Wer siegt, steigt in die Basketball-Bundesliga auf. Und das würde Hagen sein. Jeder in der Halle wusste das. Sie alle wussten es schon länger. Nur Schmidt, der Geschäftsführer des (Noch)-Zweitligisten, konnte die Dinge bis 2:32 Minuten vor dem Ende nicht realisieren. Dann aber, dann brach er zusammen.

Schmidt ist kein gewöhnlicher Funktionär. Niemand für einen Sitzplatz in der VIP-Lounge. Schmidt ist im eigenen Wohnzimmer der sechste, der siebte Mann seiner Mannschaft. In der ersten Reihe, direkt am Spielfeldrand, steht er, springt er, leidet er. Ein Basketballspiel ist für ihn körperlich und mental eine Hochleistungsveranstaltung. „Ich weiß, dass meine Art für einen Geschäftsführer nicht normal ist“, sagte er im Gespräch mit ntv.de. „Es gibt viele Vereine, bei denen das nicht passen würde. Aber in Hagen, da haben wir ein nettes Match gefunden.“ In Hagen haben sie sich den Claim verpasst: Wir sind das Feuer. Und in keinem lodert es so sehr wie in Schmidt. Er hatte dem stolpernden Basketball-Traditionsklub wieder auf die Beine geholfen.

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Geschafft, Phoenix Hagen feiert den Aufstieg. (Foto: Credits: Phoenix Hagen / Jörg Laube)

Und nun sah er, wie seine Vision, die seines Teams und einer ganzen Stadt wahr wurde. Sie kehren zur nächsten Saison in die höchste Spielklasse zurück. Das ist die Liga, die dem Selbstverständnis der Stadt entspricht. Hagen ist Basketball. In den 90er-Jahren erzählte man sich den Mythos, dass es in keiner anderen Stadt in Deutschland mehr Teams gebe als an der Volme. Der andernorts alles fressende Fußball hatte es hier verdammt schwer. Aber auch der Basketball legte sich in Trümmern. Wie so vieles in Hagen. Die Stadt war zuletzt in der Saison 2016/2017 in der Bundesliga vertreten.

„Charme einer eingeschlagenen Fresse“

Was musste die Stadt immer wieder an Spott aushalten. Die höchsten Gebäude der Stadt, nach dem Abriss des „Langen Oskar“ (ehemaliges Sparkassen-Hochhaus), sind das mittlerweile leerstehende Arbeitsamt und der Turm der Müllverbrennungsanlage. Kai Havaii, Sänger der legendären NDW-Band Extrabreit, sprach seiner Heimat einst den „Charme einer eingeschlagenen Fresse“ zu. Hagen war einst sehr großer Basketball, Hagen war der SSV und Hagen war Brandt. Einmal gab’s die Deutsche Meisterschaft, zweimal den Pokal. Aber auch zwei Insolvenzen. Erst ging Brandt in die Knie, danach Phoenix. Das Feuer war erloschen.

Vergangenheit. In der Gegenwart schlagen wieder wilde Flammen aus der alten Ischelandhalle, die schon so viel erlebt hat und aushalten musste. Die auf den vorletzten Metern in die Rente aber nochmal eine aberwitzige Kraft entwickelte. Ab der Saison 2032/33 gibt die Basketball-Bundesliga eine Hallengröße von 4500 Zuschauern vor. Davon ist die ausgebaute „Ische“ mit 3145 meilenweit entfernt. Die Hallen-Thematik ist ein ewiges Thema. Sie wurde Brandt einst zum Verhängnis und auch Phoenix musste in der Saison 2009/10 in eine umgebaute alte Badminton-Halle ausweichen, um für die Bundesliga spielberechtigt gewesen zu sein. Phoenix sucht zusammen mit dem ebenfalls sehr ambitionierten Handball-Zweiligisten Eintracht Hagen eine Lösung. Eine Brachfläche in der Nähe des Bahnhofs gilt als favorisierte Lösung. Am liebsten soll dort eine Multifunktionshalle entstehen.

Noch aber lebt die „Ische“. Und wie. Martin Schmidt hatte sie vor dem finalen Showdown als „unangenehmste Halle“ für solch ein Spiel ausgerufen. Die „Ische“ ist eng. Sie ist wahnsinnig laut. Sie ist hitzig, motivierend und kann erdrückend sein. Ein Irrenhaus im allerbesten Sinne. Als Referenz für den Wahnsinn in der Hölle gilt bis heute das Bundesliga-Playoff-Spiel aus dem Mai 2013 gegen das damalige Superteam der Brose Baskets aus Bamberg. Hagens Unterschiedsspieler Mark Dorris war nach einer Rangelei im Spiel zuvor gesperrt worden. Die Franken kamen straffrei davon. In Hagen tobte die Wut und der Lärm. Niemals zuvor war es in der Halle so laut. Hagen verlor das Spiel. An diesem Samstagabend tobte ein ähnlicher Vibe. Nur mit besserem Ausgang.

Die Halle im Presslufthammer-Modus

Eine Dezibel-Messung ergab 104,5. Das entspricht einem Rockkonzert, einem Presslufthammer. Die Halle drückte voll aufs Tempo. Niemand sollte sitzen, hatten die „Tornados“ ausgerufen. Und niemand saß. Was für eine fiebrige Atmosphäre. Kapitän Dennis Nawrocki eröffnete das Spiel mit einem Dreier. Eisbär Elijah Miller antwortete mit sechs schnellen Punkten. Hagen krampfte. Kaum etwas wollte fallen. Aber auch die Gäste fanden kein ruhiges Händchen. Do or die, friss oder stirb, jeder wusste, was auf dem Spiel steht. Dieses Duell entwickelte so gar keinen Flow. Hagen führte zur Pause 40:35. Bis vier Minuten vor Ende des dritten Viertels blieb es eng. Hagen zog einmal kurz davon. Die Eisbären, denen eine große Widerstandsfähigkeit zugeschrieben wurde, konterten stark.

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Fix und fertig: Phoenix-Boss Martin Schmidt. (Foto: Credits: Phoenix Hagen / Jörg Laube)

Dann aber übernahm Henri Marcus Graves. Den Spielmacher hatten die Hagener im vergangenen Sommer aus Trier geholt. Die Gladiators waren aufgestiegen, aber einer ihrer Helden ging nicht mit. Er ging nach Hagen und ging voran. Graves saugte den Ball an. Er traf einen Dreier, einen Sprungwurf und legte zwei spektakuläre Assists auf. Als er dann noch einen wilden Buzzer Beater jenseits der Dreierlinie versenkte, war die „Ische“ nicht mehr zu bändigen. Dominik von Waaden, der bunteste Phoenix-Vogel, peitschte die Haupttribüne an. Hagens Team ist eine Mischung aus eiskalten Schützen und höchst emotionalen Zuckerpatronen.

Einige von ihnen werden den Weg nach oben mit antreten. Aber nicht alle. Eine verdammt schwierige Aufgabe für Schmidt und sein Team: „Wir müssen nun beurteilen, welcher Spieler das Potenzial für die erste Liga hat.“ Einen „Dude“, so Schmidt, mitzunehmen, einfach nur weil er cool ist, das wird eher nicht passieren. Es ist eine komplizierte Abwägungssache für den Klub, der in der Bundesliga sicher bei den großen Etats nicht mitspielen kann. „Wir werden über die Phoenix-DNA kommen müssen.“ Über Leidenschaft, Zusammenhalt, das Familiäre. Viele Spieler leben das seit Jahren im Hagener Trikot. „Das macht es ja auch so schwer, sie sind uns ans Herz gewachsen.“ Aber Basketball-Bundesliga ist nicht nur Herz. Es wird harte Entscheidungen geben.

Hagen fängt wieder Feuer

Aber das Vertrauen in gute Lösungen haben sich Schmidt und Coach Chris Harris erarbeitet. Schmidt kam 2022 aus Bamberg, aus Freak City, nach Hagen. Der gelernte Hotelkaufmann war da Vertriebsleiter und nun plötzlich Geschäftsführer eines darbenden Riesen. „Eine Anfrage aus Hagen, das hatte schon eine Wucht“, sagt er. Er ging ins Risiko. Und wurde erstmal überrascht. Dass die Stimmung eingeschlafen war, hatte er so nicht erwartet. Die Insolvenz und die Pandemie hatten tiefe Spuren hinterlassen. Das Vertrauen in die Marke Phoenix Hagen war zudem beschädigt. Kein gemeinsamer Weg, keine gemeinsame Vision, schlechte Kommunikation hatten die Menschen vom eigentlichen Aushängeschild weggetrieben. Schmidt und sein Team feuerten die Dinge an, ein „bisschen pyromanenmäßig“. Hagen fing Feuer. Die Stadt fand langsam wieder hinter Phoenix zusammen. Zum „Endspiel“ gab’s mehrere Public Viewings. Und einen Fanmarsch. Fußballzustände in der Basketball-Stadt.

Phoenix wurde wieder eine glaubwürdige Marke. Nicht reich, nicht sexy, aber authentisch. Und loyal. Schmidt vertraute auf Coach Harris, der damals bei vielen Fans den Kredit verspielt hatte. An diesem Samstagabend flanierte er auf Drängen der Fans über den legendären Heuboden, dort wo die treusten, lautesten Fans stehen. Harris und Hagen, das ist jetzt Liebe. Auch in den Armen von Peter Krüsmann. Die Hagener Trainer-Legende war gekommen. Und herzte Harris. Ein Gänsehaut-Moment für Hagener. Der Coach ist der offiziell beste der Saison. Schmidt sieht sich mit seinen Entscheidungen bestätigt. „Wir mussten die Dinge nur wieder wecken. Danach ist alles typisch Traditionsverein. Du hast ein brutales Potenzial.“ Ein bisschen provoziertes Glück gehört dazu.

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Chris Harris ist der Meistercoach und der Trainer der Saison. (Foto: Credits: Phoenix Hagen / Jörg Laube)

Phoenix zog das Spiel weiter durch, keine Schwäche mehr. Eiskalt im Feuer. Die letzten Minuten und Sekunden waren die zuckersüßesten der Saison. Der völlig aufgeladene Marvin Omuvwie, der in seinem 100. Pflichtspiel für Phoenix eine aberwitzige Energie aufs Parkett brachte, lieferte die letzten Punkte. „Nie mehr 2. Liga“ wünschten sich die Fans herbei. Und als die Sirene zum Schluss ertönte, flog die „Ische“ auseinander. Hagen eskalierte. Hagen feierte heiße Party. Hagen brauchte das. Unbedingt. Der Aufstieg ist für die Stadt ein identitätsstiftendes Thema. Die Menschen hier sehnen sich nach dem Positiven. Abflug in die Bundesliga statt Brückenabbruch, Wildsauen, Schrottimmobilien, Verschuldung und einer AfD, die nach dem Bürgermeister-Posten griff, die Stichwahl aber gegen den CDU-Vertreter Dennis Rehbein verlor. Der eine Aufbruchstimmung schaffte.

Phoenix muss noch Lizenzauflagen erfüllen

Hagen ist zurück. Noch ist die Saison aber nicht vorbei. Gegen die Kirchheim Knights geht’s um den Meistertitel. Die Knights steigen übrigens nicht auf. Sie haben keine Lizenz für die BBL. Profitieren könnten davon die Löwen Braunschweig aus der Bundesliga. Denn es dürfte nun eine Wildcard vergeben werden. Die BBL befasst sich laut Mitteilung von Samstag bereits damit, es seien „organisatorische Schritte“ vorbereitet worden. Für den Erhalt einer Wildcard sind 800.000 Euro fällig, auch die MLP Academics Heidelberg könnten sich als zweiter BBL-Absteiger darum bewerben. Lehnen beide ab, wandert das Angebot runter in die Pro A.

Auch Hagen muss noch ein paar Hausaufgaben erledigen. Die BBL-Lizenz gab’s nur unter erwarteten Auflagen. Sie beziehen sich auf das Eigenkapital des Klubs sowie den Beleg unterschriebener Sponsorenverträge in signifikanter Höhe. Die entsprechenden Nachweise müssen bis zum 15. Juni erbracht werden. „Das Datum ist schon eine heftige Ansage“, sagt Schmidt. Aber er ist sich sicher, dass das gelingt. Wie so vieles. Wie der Aufstieg, den er um 21.31 Uhr am Samstagabend realisiert hatte, als er zusammengekauert auf dem Boden saß. Es war eine Szene, die an das berühmte Foto des damaligen Bundestrainers Gordon Herbert nach dem WM-Triumph 2023 erinnerte. Wie er völlig erschöpft und überwältigt auf dem Hallenboden in Manila liegt. Der Basketball kann einen fix und fertig machen. Auf die allerschönste Weise.

Quelle: ntv.de

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