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Nach der Festnahme von Ex-BND-Chef August Hanning hat den BND nach Recherchen von WDR, NDR und SZ eine brisante Warnung aus den USA erreicht: Die Kooperation komme auf den Prüfstand. Das führte zu großer Aufregung.
In der Zusammenarbeit von Geheimdiensten ist nicht immer leicht festzustellen, wie gut es zwischen den Partnern läuft: Man weiß meist nicht, was man nicht bekommt. Im Bundesnachrichtendienst (BND) sorgte man sich kürzlich sehr, dass die USA als allerwichtigster Geheimdienst-Partner Deutschlands den Informationshahn abdrehen könnten – als Konsequenz aus der bislang wohl größten BND-Affäre um den früheren Präsidenten der Behörde, August Hanning.
Vor rund drei Wochen wurde der Ex-BND-Chef und umtriebige Sicherheitsberater festgenommen, ebenso sein ehemaliger Büroleiter Manfred D. Der Generalbundesanwalt wirft Hanning vor, mit Hilfe des langjährigen BND-Beamten D. im Laufe von rund zwölf Jahren an sensible Dokumente aus dem Dienst gelangt zu sein. In mindestens einem Fall soll Hanning versucht haben, geheime Informationen an ausländische Stellen weiterzugeben.
Der Verdacht in dem spektakulären Fall wiegt schwer: versuchter Landesverrat, Auskundschaften von Staatsgeheimnissen, landesverräterische Ausspähung und geheimdienstliche Agententätigkeit. Hannings Verteidiger weist die Vorwürfe zurück. Die Anwältin von Manfred D. wollte sich nicht äußern.
US-Warnung wenige Tage später
Nach Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung (SZ) hatte die Affäre hinter den Kulissen offenbar eine scharfe Reaktion der Amerikaner zur Folge. Demnach soll den BND wenige Tage nach der Festnahme Hannings eine Warnung der US-Geheimdienste erreicht haben: Der BND sei zwar ein wichtiger Partner, dennoch komme die bisherige Kooperation mit dem Dienst auf den Prüfstand, so lautete die Nachricht nach Angaben aus Regierungskreisen. Allerdings: In dringenden Fällen, etwa zu möglichen Terroranschlägen, wollten die USA weiterhin Informationen liefern.
Potenzielles Desaster für BND
Im BND führte die bloße Ankündigung zu großer Aufregung. Weniger Informationen der US-Dienste – das wäre in der aktuellen Lage ein Desaster. Deutsche Sicherheitsbehörden sind seit Jahrzehnten abhängig von den mächtigen US-Partnern, ein Versiegen des transatlantischen Informationsflusses wäre nicht zu kompensieren.
Die Warnung der US-Vertreter sei im BND verbreitet worden und habe für große Verunsicherung gesorgt, heißt es aus Berliner Regierungskreisen. Demnach sollen Führungskräfte angewiesen worden sein, Veränderungen im Austausch mit den USA umgehend zu melden.
Offenbar schon erste Konsequenzen
Von einer Einschränkung in der Zusammenarbeit mit den US-Geheimdiensten sei nichts zu spüren, heißt es nun in Berlin. „Die Zusammenarbeit befindet sich im Normalzustand der Kooperation“, so Sicherheitskreise. „Es sind lediglich ein paar Arbeitsgespräche verschoben worden“. Diese seien inzwischen neu terminiert.
Mehrere Mitarbeiter berichten WDR, NDR und SZ hingegen, dass nach ihrem Eindruck der Umfang übermittelter Informationen und deren Qualität zurückgegangen seien – in einem stärkeren Maß als beispielsweise nach dem mutmaßlichen Verratsfall von Carsten L. Der Ex-BND-Referatsleiter wurde Ende 2022 festgenommen, weil er Geheimnisse nach Russland verkauft haben soll. Er weist das zurück.
Ein Sprecher des BND wollte sich auf Nachfrage nicht zur Zusammenarbeit mit den US-Geheimdiensten äußern. Auch die US-Botschaft machte keine Angaben.
Verfassungsschutz zeigt sich gelassen
Andere deutsche Sicherheitsbehörden sehen bislang keinen Anlass zur Sorge. Im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) gehe die Zusammenarbeit mit US-Partnerdiensten weiter wie zuvor, heißt es. Auch der Austausch nachrichtendienstlicher Erkenntnisse zwischen dem US-Militär, dem US-Militärgeheimdienst DIA und der Bundeswehr soll unverändert sein.
Ausmaß der Affäre noch unklar
Das ganze Ausmaß der Affäre um August Hanning ist noch immer nicht absehbar. Insbesondere beschäftigt die Ermittler die Frage, ob der Ex-BND-Chef geheime Informationen unter dem Deckmantel kommerzieller Sicherheitsberatungen an weit mehr ausländische Agenten weitergegeben haben könnte als bislang bekannt.
Das Bundeskriminalamt (BKA) hat laut Sicherheitskreisen inzwischen noch Hunderte weitere Unterlagen bei Hanning sichergestellt, die ausgewertet werden müssen. Die Ermittler vernehmen zurzeit auch Zeugen. Eine BND-interne Untersuchung soll zudem aufklären, wie es zu dem mutmaßlichen Verratsfall kommen konnte.
Ermittler untersuchen Rolle des Büroleiters
Nach Informationen von WDR, NDR und SZ geht man dabei unter anderem der Frage nach, warum der BND Hannings mutmaßlichem Zuträger Manfred D. über Jahre eine bezahlte Nebentätigkeit genehmigt hatte. Den Recherchen zufolge soll der BND-Mann in der Beschreibung seines Nebenjobs Büroarbeiten für Hanning angegeben haben. Zahlungen könnten so auf dem Papier legitimiert worden sein.
Manfred D. hatte seine BND-Tätigkeit in den 1990er-Jahren zunächst als Wachmann begonnen und arbeitete später als persönlicher Assistent für insgesamt vier Präsidenten, zuletzt im Herbst 2025 für den damals neu ins Amt gekommenen Martin Jäger. Im BND galt der Beamte wegen seiner Nähe zur Hausspitze als Mann mit einer Sonderstellung. Womöglich, so Eingeweihte, wurde er deshalb weniger streng kontrolliert als andere. Seit dem Frühjahr ist der langjährige Nachrichtendienstler im Ruhestand.
Inzwischen soll eine Arbeitsgruppe der BND-Sicherheitsabteilung davon ausgehen, dass D. einige Dokumente wohl in Papierform aus dem Dienst schmuggelte. Darüber hinaus soll es auch Hinweise geben, dass der Beamte per E-Mail aus dem BND heraus mit Hanning kommunizierte. Ein Umstand, der bereits vor Jahren dem Geheimschutzbeauftragten des BND gemeldet worden sein soll. Folgen hatte dies aber offenbar nicht.
Der BND wollte sich wegen der strafrechtlichen Ermittlungen zu den Fragen möglicher Defizite in der Eigensicherung nicht äußern. Auch eine Sprecherin des Generalbundesanwalts lehnte eine Stellungnahme ab. Die Anwältin von Manfred D. wollte sich nicht äußern.
Der Verteidiger von Hanning teilte auf Anfrage mit, sein Mandant habe keine Staatsgeheimnisse der Bundesrepublik verraten. „Dass er für vertrauliche Unterlagen Geld bezahlt haben soll, ist Unfug.“ Da die betreffenden Dokumente im Verfahren als Verschlusssache eingestuft seien, könne er sich zu Inhalten nicht weiter äußern.
