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Startseite»Nachrichten»Reisners Blick auf die Front: „Putin setzt eindeutig auf Eskalation“
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Reisners Blick auf die Front: „Putin setzt eindeutig auf Eskalation“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 7, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Reisners Blick auf die Front„Putin setzt eindeutig auf Eskalation“

07.09.2026, 19:17 Uhr Interview: Frauke Niemeyer
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Wladimir Putin bei einem militärischen Briefing im Jahr 2025 (Foto: IMAGO/ITAR-TASS)

Die Front stagniert und die US-Sondergesandten trafen Kremlchef Wladimir Putin in Moskau. Doch entscheidender für einen Durchbruch ist die Situation am Himmel über der Ukraine, erklärt Oberst Reisner ntv.de.

ntv.de: Laut US-Unterhändler Steve Witkoff sind die Wochenend-Gespräche mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin die „schönsten Geschichten“, um sie als Rentner zu erzählen. Könnten Sie auch etwas erreicht haben?

Markus Reisner: Ziel der Ukrainer war es, die Russen vor dem Winter an den Verhandlungstisch zu bringen. Das ist ihnen bisher nicht gelungen. Nun versuchen die USA, zwischen dem Kreml und den Ukrainern den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Doch momentan gibt es keine positiven Signale, die auf einen Durchbruch hindeuten. Im Gegenteil: Die Reisediplomatie von Jared Kushner und Steve Witkoff nach Russland demonstriert die Unnachgiebigkeit Putins. Er ist davon überzeugt, dass die Zeit für ihn spielt.

Trotz des Patts an der Front, das seit Monaten anhält?

Der russische Präsident ist überzeugt, dass die Ukraine allmählich kippt. Er rechnet damit, sie im kommenden Jahr komplett besiegen zu können und will seine Angriffe bis dahin durchhalten. Darum setzt Putin eindeutig auf Eskalation – nicht nur erkennbar an den hybriden Attacken, die wir derzeit in Europa erleben. Auch nehmen die Luftangriffe auf strategische Ziele in der Ukraine derzeit massiv zu. Auslöser dieser heftigen Luftangriffe war die Reise des US-Geheimdienstchefs John Ratcliffe nach Moskau. Danach stieg die Zahl russischer Luftschläge deutlich an und bleibt seitdem auf diesem hohen Niveau.

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Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Was bieten die Ukrainer Putin genau an?

Aus Kiew gibt es einen 20-Punkte-Plan, der damit beginnt, dass der Kreml die Souveränität der Ukraine bestätigen müsste. Dann würde der Krieg entlang der Frontlinie eingefroren, gemäß dem Prinzip: „Wir bleiben dort, wo wir sind.“ Putin sind diese Gebietsgewinne offensichtlich zu wenig. Es ist erkennbar, dass sich der Konflikt immer stärker auf den Donbass zuspitzt, diese Region will Putin um jeden Preis in seinen Besitz bringen.

Seit elf Monaten rennen seine Truppen gegen die Donbass-Stadt Kostjantyniwka, ohne sie einzunehmen.

Darum besteht die Ukraine so sehr darauf, den Donbass in ihrem Besitz zu behalten. Dort liegen ihre bestausgebauten Verteidigungsstellungen. Würde die Ukraine den Donbass hergeben, dann stünden die russischen Truppen nicht mehr vor ihren Verteidigungslinien, sondern dahinter. Was wäre, wenn die Russen dann plötzlich wieder angriffen? Die Ukraine wäre quasi wehrlos. Darum sagt sie an dieser Stelle: „Bis hierher und nicht weiter.“ In anderen Fragen ist sie bereit zu Kompromissen. Es geht nicht mehr darum, die Krim zurückzugewinnen oder die bereits besetzten Gebiete. Es geht um den Donbass als Kernfrage.

Die Ukrainer halten dort stand. Aber das ist nicht mehr der entscheidende Faktor, oder?

Tatsächlich hängt der russische Erfolg weniger von der unmittelbaren Situation an der Front ab als von der strategischen Situation der Ukraine. Laut dem ukrainischen Energieminister sind 80 Prozent der kritischen Infrastruktur beschädigt oder vollkommen zerstört. Russlands Angriffs-Dreiklang aus inzwischen Jet-getriebenen Geran 4- und Geran 5-Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen ist weiterhin sehr erfolgreich. Die Ukrainer versuchen hier gerade in sehr schnellem Tempo, ihre Abfangdrohnen gegen die neuen Geran-Typen zu optimieren, damit sie auch die Jet-getriebenen Drohnen erwischen. Aber sie brauchen Munition für Patriot, für NASAMS, Iris-T, SAMP/T- die ganze Bandbreite der Luftverteidigung. Hier entscheidet sich: Wer hat den längeren Atem?

Patriot-Munition wird die Ukraine in diesem Winter nicht ausreichend bekommen, das steht schon fest, denn die Produktion der Lenkflugkörper dauert zu lang. Könnte man humanitär helfen, mit Generatoren, Blockheizkraftwerken oder dergleichen?

Ein einfacher Stromgenerator kann in der Ukraine schon sehr viel helfen. Unterstützung der Infrastruktur kann den Effekt des russischen Luftkriegs abschwächen. Aber viele der ukrainischen Wärmekraftwerke, das Stromnetzund seine Transformatoren sind bereits schwer beschädigt. Wenn Sie nächtliche Satellitenbilder aus dem Jahr 2022 mit solchen aus diesem Jahr vergleichen, wird deutlich, wie dunkel das Land geworden ist. Weil der Strombedarf nicht mehr gedeckt werden kann. In den russischen sozialen Netzwerken ist zu sehen, wie Russen täglich ukrainische Umspannwerke angreifen, Tankstellen oder Lagerhallen. Das wird hier in Europa kaum wahrgenommen, wird aber entscheidend sein für das Durchhaltevermögen der Ukrainer. Die russischen Iskander-Raketen bestehen übrigens in ihrem Trägheitsnavigationssystem zu 78 Prozent aus Komponenten amerikanischer Produktion.

Trotz der inzwischen vielen Sanktionen gegen Russland?

Sanktionen so umzusetzen, dass sie auch dem Rüstungssektor wirklich schaden, ist schwierig. In der vernetzten Welt kann man sich mit Bargeld über unterschiedlichste Kanäle beschaffen, was man braucht. Gerade wenn es nur um Bauteile geht, etwa um Chips. Russland umgebende Staaten wie Kasachstan oder Usbekistan sind nicht von Sanktionen betroffen. Wenn Bauteile dorthin geliefert werden, können die Russen sie übernehmen. Sie schaffen es immer wieder, sich anzupassen und hochtechnologische Entwicklungen voranzutreiben. Beispielsweise nutzen die Russen inzwischen ein Radarsystem, das in der Lage ist, Starlink zu stören. Um ihren eigenen Verlust von Starlink auszugleichen, haben sie eigene Satelliten gestartet. Noch sind diese Systeme mit Fehlern behaftet und funktionieren nicht zu 100 Prozent. Aber das ist eine Frage der Zeit.

Selenskyj möchte die Zahl der täglichen Drohnenangriffe auf russische Infrastruktur deutlich nach oben bringen. Ist das schon sichtbar?

Der Angriff aus der vergangenen Nacht brachte etwa 350 Drohnen nach Russland. In Anbetracht dieser Zahl müssten wir deutlich mehr brennende Ziele in Russland sehen. Nicht nur im Energiesektor, also bei Produktionsstätten von Öl und Gas, sondern vor allem auch in der Rüstungsindustrie. Dort, wo die Raketensysteme Marschflugkörper und Drohnen produziert werden. Von den 350 ukrainischen Drohnen der Sonntagnacht haben die Russen nach eigenen Angaben aber rund 330 abgeschossen. Die Zahlen sind schwer überprüfbar, aber klar ist, dass die russische Flugabwehr funktioniert.

An diesem Montag gibt es Meldungen über eine brennende Raffinerie in Perm. Sie gehört zu den zehn größten Anlagen in Russland. Warum verfehlen die ukrainischen Treffer dennoch ihre Wirkung?

Das tun sie nicht, der Druck, den die Ukraine auf Russland aufbaut, zeigt sehr wohl Wirkung. Die lässt sich auch messen – an Treibstoffengpässen auf der Krim oder langen Schlangen vor russischen Tankstellen. Es scheint aber noch zu wenig zu sein, um die Russen in ernsthafte Verhandlungen über Frieden oder zumindest einen Waffenstillstand zu drängen. Im Gegenteil: Ein Blick in die sozialen Netzwerke in Russland zeigt die Bevölkerung immer verbitterter und immer weniger bereit, auf einen Waffenstillstand einzugehen. Es greift eine Art „Jetzt erst recht“-Stimmung um sich. Eine russische Bereitschaft zu Kompromissen scheint in weiter Ferne zu liegen.

Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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