Russland und die Ukraine intensivieren ihre Angriffe auch auf See. Die Ukraine greift die russische Schattenflotte an, Russland attackiert Schiffe auf dem Weg zum Hafen von Odessa. Droht jetzt wieder eine neue Getreidekrise?
Die Lage für die Frachtschifffahrt im Schwarzen Meer und im angrenzenden Asowschen Meer hat sich in den vergangenen Wochen deutlich verschärft. Ukrainische Drohneneinheiten griffen Schiffe der sogenannten russischen Schattenflotte an. Zunächst waren vor allem Öltanker das Ziel, später auch Frachter, die Getreide aus den von Russland annektierten Gebieten transportierten.
Nach ukrainischen Angaben wurden allein in diesem Monat fast 200 Schiffe und andere Wasserfahrzeuge attackiert. Bereits im Juni hatte der damalige ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow angekündigt, die Versorgungswege zur Krim gezielt anzugreifen. Zu dem Blockadeversuch gehörten auch Drohnenangriffe auf Schiffe, die Treibstoff auf die Halbinsel liefern sollten.
Im Interview für den YouTube-Kanal Pressing sagte Fedorow: „Wir haben einen logistischen Lockdown angekündigt. Für die Russen beginnt jetzt die Hölle. Die Logistik wird zerschnitten, die Krim wird isoliert.“
Weniger Im- und Exporte über Odessa möglich
Russland hat seine Angriffe auf ukrainische Hafenanlagen, insbesondere rund um Odessa, seitdem intensiviert. Nach ukrainischen Angaben wurden auch Frachtschiffe angegriffen, die auf dem Weg von oder zu ukrainischen Häfen waren.
Vor wenigen Tagen kamen demnach zehn Seeleute ums Leben, als der Frachter „Golden Leo“ von russischen Marschflugkörpern getroffen wurde. Das unter der Flagge Guinea-Bissaus fahrende Schiff hatte versucht, einen ukrainischen Hafen zu verlassen.
Der Leiter der Militärverwaltung von Odessa, Oleh Kiper, erklärte im ukrainischen Fernsehen, Russland beschieße Odessa und die dortigen Hafenanlagen seit 2023 immer stärker. Ziel sei es stets gewesen, „den sogenannten Getreidekorridor zu unterbrechen, weil er unser maritimes Tor zur Welt ist“. Russland überwache die Ein- und Ausfahrt von Schiffen kontinuierlich und beschieße diese.
Da der Beschuss derzeit besonders intensiv sei, verringere das das Export- und Importvolumen über die Häfen der Region Odessa, so Kiper. „Gemeinsam mit dem Militär arbeiten wir jedoch daran, die Schutzmaßnahmen zu verstärken und den normalen Betrieb wiederherzustellen.“
Zu riskant, den Hafen anzulaufen
Nach ukrainischen Angaben läuft derzeit allerdings kaum noch ein Schiff ukrainische Häfen an. Das Risiko sei inzwischen zu hoch. Präsident Wolodymyr Selenskyj geht davon aus, dass sich die Situation weiter zuspitzen wird. „Eine besondere Herausforderung ist Landwirtschaft. Wir haben bereits vor ein paar Monaten verstanden, was sie tun werden: Sie werden alles versuchen, um unseren Getreidekorridor zu blockieren.“
Selenskyj verwies darauf, dass am Vortag „kein einziges Schiff in unseren Hafen einlaufen konnte. Das heißt, sie haben alle Schiffe angegriffen. Sie werden das weiter verstärken.“
Marktanalysten erwarten deshalb in den kommenden Monaten einen deutlichen Rückgang der Getreideexporte. Rund 90 Prozent der ukrainischen Ausfuhren werden normalerweise über Seehäfen abgewickelt.
Reedereien und Logistikunternehmen suchen inzwischen nach Alternativen. Der Logistikkonzern Maersk hat bereits Schiffe in den rumänischen Hafen Constanța umgeleitet. Die Waren werden dorthin auf dem Landweg transportiert. Auch kleinere Donauhäfen gewinnen als Ausweichrouten wieder an Bedeutung.
