Schiffe der russischen Marine durchfahren regelmäßig den Ärmelkanal. Zuletzt fielen Schüsse auf eine Jacht. Auch hält die russische Marine dort Schießübungen ab. Ein Fingerzeig an die britische Regierung?
Am Donnerstag besuchte der britische Premierminister Andy Burnham die Werft des Konzerns BAE Systems in Barrow in Nordengland. Hier werden die neuen Atom-U-Boote der Royal Navy gebaut.
Knapp zehn Milliarden Euro stellt die Regierung für die nukleare Abschreckung bereit, wie Burnham bestätigte. Das ist ein Teil eines größeren Investitionspaketes, das helfen soll, die Streitkräfte besser aufzustellen. Großbritannien gibt derzeit 2,3 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für Verteidigung aus, will die Ausgaben aber kontinuierlich erhöhen und sieht sich den NATO-Zielen zur Aufrüstung verpflichtet – die internationalen Konflikte und Spannungen wachsen.
Das war auch in den vergangenen Wochen zu beobachten, als beispielsweise die russische Fregatte „Neutraschimy“ am 20. Juli gerade einmal 40 Meilen von Plymouth entfernt in internationalen Gewässern eine Schießübung abhielt. In den Medien wurde darüber breit berichtet.
Experten sehen darin eine Machtdemonstration Russlands, wenn auch eine legale. Der britische Verteidigungsminister Wes Streeting nannte die Übung unverantwortlich. Es sei nicht das erste Mal, dass Russland sich so verhalte. Streeting erinnerte damit auch an einen Vorfall vom Juni, als die Fregatte „Admiral Grigorowitsch“ im Ärmelkanal Schüsse auf eine Jacht abgegeben hatte – angeblich, weil diese sich auf einem „gefährlichen Kurs“ genähert habe. So jedenfalls stellte es das russische Verteidigungsministerium dar.
Streeting nannte das Vorgehen der russischen Marine vom Juli die Spitze des Eisbergs täglicher Bedrohungen durch Russland. Das Vereinigte Königreich sei entschlossen, sich der russischen Aggression in der Ukraine und anderswo entgegenzustellen.
Die russische Fregatte „Neutraschimy“ durchquerte in den vergangenen Jahren wiederholt den Ärmelkanal – hier wird sie im September 2025 vom britischen Kriegsschiff „HMS Iron Duke“ beobachtet.
Austesten und lernen
Der Militärexperte Kevin Rowlands vom Thinktank RUSI sieht in der Schießübung der russischen Fregatte kein illegales Vorgehen, keine direkte Gefahr – aber eben ein deutliches Signal. Es könnte ein Versuch gewesen sein, einzuschätzen, wie die neue britische Regierung auf eine solche Aggression reagiert.
Es ist aber auch ein Test, wie das britische Militär damit umgeht: Die Royal Navy begleitete die russische Fregatte mit einem Militärschiff. Es gab Überflüge durch die Luftwaffe.
Auf Aktion folgt Reaktion
Möglicherweise war das Manöver der Russen aber auch eine Reaktion darauf, dass das britische Militär zuvor einen sanktionierten Tanker der russischen Schattenflotte im Ärmelkanal gestoppt und durchsucht hat. Kevin Rowlands kommt zu dem Schluss, dass der Westen in einer kriegsähnlichen Situation mit Russland ist. „Wir sollten uns bewusst sein: Wenn wir etwas tun, gibt es eine Antwort.“
Rowlands begrüßt, dass der Tanker der russischen Schattenflotte durchsucht und der Kapitän festgenommen wurde unter dem Vorwurf, Sanktionen gebrochen zu haben. Aber deutlich wird eben auch, dass die Spannungen deswegen steigen.
Große Einnahmen trotz Sanktionen
Russland nutzt Tanker, die keine Verbindung haben zu Ländern, die sich an den Sanktionen beteiligen. Mit diesen Schiffen soll Öl an den Sanktionen vorbei verkauft werden. Die Flotte umfasst je nach Schätzungen zwischen 600 und 3000 Schiffe. Die Einnahmen für Russland sind enorm. Experten sagen: So finanziere Russland unter anderem den Krieg in der Ukraine.
Rowlands fordert schärfere Maßnahmen, beispielsweise stärkeren Druck auf die Versicherer der Reedereien. Die sollten Tanker der Schattenflotte erst gar nicht absichern.
Zugleich beruhigt Rowlands aber auch: Zwar tauchten jetzt immer wieder russische Schiffe im Ärmelkanal auf, die offensichtlich Tanker begleiten sollen, aber die russische Marine könne schließlich nicht jedes dieser Schiffe begleiten.

