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Startseite»Politik»Schneider besucht die Ukraine: Umweltschutz in Kriegszeiten
Politik

Schneider besucht die Ukraine: Umweltschutz in Kriegszeiten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 21, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 21.08.2026 • 10:12 Uhr

Der Krieg gegen die Ukraine bedroht auch die Natur: In der Tschernobyl-Schutzhülle klafft ein Loch, große Teile der ukrainischen Wälder sind besetzt. Umweltminister Schneider war vor Ort – und will helfen.

Dominic Hebestreit

Aus der Ferne weithin sichtbar ragt die silbergraue Schutzhülle über der Ruine des 1986 havarierten Atomreaktors Tschernobyl 4 in die Höhe. Imposant und erschreckend zugleich. Ein Metallkollos, der die darunter liegende Anlage vor dem Verfall und die Umwelt vor dem Austreten radioaktiver Strahlung schützen soll. Oder besser: sollte. Denn die Schutzhülle ist massiv beschädigt.

Im Februar 2025 riss der Einschlag einer russischen Drohne ein riesiges Loch in die Hülle. Wer wie der Bundesumweltminister Carsten Schneider in dieser Woche auf seiner Reise in die Ukraine vor der Schutzhülle steht, erkennt die Stelle sofort. Sie ist abgedichtet. Es wirkt wie ein übergroßes Pflaster. Sorgenvoll betrachtet der SPD-Politiker, der in Deutschland auch für nukleare Sicherheit zuständig ist, diesen unwirklichen Ort, der wie kaum ein anderer für die Risiken der Atomenergie steht. Warum, das zeigt sich unterhalb der Schutzhülle.

Konstruktion sollte 100 Jahre halten

Vorher hat es kurz geregnet. Wenig später beim Betreten der Anlage tropft Wasser von der Decke. Am Boden stehen Pfützen. Die Hülle ist undicht. Der Drohneneinschlag löste einen Brand aus, der sich dann über eine Plastikschicht innerhalb der Hülle ausbreitete.

Eigentlich sollte die Konstruktion für 100 Jahre halten. Das ist nun hinfällig. Rost wird zum Risiko, erklärt Kraftwerksdirektor Serhij Tarakanov: „Die Hülle hat ihre Funktion verloren. Dadurch wirken auch die Anti-Korrosions-Maßnahmen, die während der Entwicklung der Sicherungsanlage eingebaut wurden, nicht mehr. Wir müssen deswegen so schnell wie möglich mit den Renovierungsarbeiten beginnen.“

Angesichts der Schäden ist ein Neubau der Schutzhülle unausweichlich. Aber er kostet Unsummen. Nach Schätzung der Europäischen Aufbaubank EBDR 500 Millionen Euro. Mindestens. Denn eine solche Operation hat es noch nie zuvor gegeben.

Umweltminister Schneider (rechts) besichtigt das Innere des Atomkraftwerks.

Deutschland will sich an Finanzierung beteiligen

Die Ukraine kann das Vorhaben unmöglich alleine stemmen. Sie ist auf internationale Partner angewiesen. Deutschland hatte maßgeblich zur Finanzierung des beschädigten Bauwerks beigetragen und will sich auch dieses Mal beteiligen – mit 50 Millionen Euro, wie Schneider beim Treffen mit Kraftwerksdirektor Taraknov ankündigt. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass weitere Länder diesem Beispiel folgen. Bislang haben die USA 100 Millionen Dollar zugesagt, die EU 75 Millionen Euro, Norwegen will sich mit zehn Millionen Euro einbringen.

Der Neubau ist enorm herausfordernd. Nicht nur technisch, sondern auch angesichts des anhaltenden Kriegs. Spätestens seit dem russischen Drohnenangriff auf die Reaktorruine hat der Schutz kritischer Infrastruktur Top-Priorität. Es ist kaum vorstellbar, dass unter Kriegsbedingungen vor Ort eine neue Schutzhülle gebaut werden könnte. Aber das scheint unumgänglich. Dadurch steigen aber auch die Kosten: Die Entwicklung einer technischen Lösung ist aufwendig, beispielsweise mit dem Einsatz von Robotern.

Inzwischen ist Tschernobyl militärisches Sperrgebiet. Netze schützen die Zufahrt vor feindlichen Drohnenangriffen. Der Weg führt vorbei an Schützengräben, Stellungen und Stacheldraht. Schweres Gerät steht im Gelände. Ringsherum die Geisterstadt Prypiat, in der vorher viele AKW-Mitarbeiter lebten. Und es gibt viel Wald, bei dem im Falle von Bränden fehlende Wege die Löscharbeiten erschweren könnten.

Gespräche über EU-Beitritt und Netzwerke

Die anhaltende Bedrohung für die Ukraine erlebt auch der Umweltminister hautnah. Exakt in dem Moment, als er in der Hauptstadt Kiew aus dem Zug steigt, ertönen die Sirenen vom Luftalarm. Das wiederholt sich an diesem Tag mehrfach. Sei es beim Treffen mit dem Wirtschafts- und Umweltminister oder anderen ukrainischen Regierungsvertretern.

Die Gespräche dienen zwei Interessen: Zum einen geht es darum, die Ukraine auf ihrem Weg zu einem angestrebten EU-Beitritt zu begleiten. Zum anderen reist Schneider mit 15 Wirtschaftsvertretern aus der GreenTech-Branche. Solar, Batteriespeicher, Abfallrecyvling. Die Ukraine ist ein riesiger Markt. Nach einem EU-Beitritt umso mehr.

„Aber ohne vor Ort zu sein, ein Netzwerk und Partner zu haben, wird das nicht gelingen“, meint eine Reise-Teilnehmerin. Hinzu kämen andere Gesetze und Voraussetzungen, die ein Vorhaben behindern können.

In Lwiw besichtigt Schneider zusammen mit Sören Bartol, Staatssekretär im Bauministerium, einen Wohnblock: Wer hier energetisch sanieren will, muss sich erst einmal durch das Dickicht der Eigentumsrechte schlagen.

Erfolgsgeschichte eines Nationalparks bedroht

Schlusspunkt von Schneiders Reise ist ein Abstecher in die Karpaten. „Das passiert nicht oft, dass ein Bundesminister hier vorbeikommt“, meint Michael Brombacher von der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft, die vor Ort eine Vielzahl von Initiativen und Projekten organisiert.

Mit einem Leuchten in den Augen spricht Vasyl Pryndak über „seinen“ Nationalpark Skolivski Beskydy in den Karpaten. Voller Stolz berichtet der Nationalpark-Direktor, dass es ihnen gelungen sei, eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt zu erhalten. Weltweit einmalige Buchenwälder. 66 gefährdete Pflanzenarten seien hier angesiedelt. Die Zahl der Wisente und Luchse habe sich beständig erhöht. Der Nationalpark ist ein beliebtes Ziel für Touristen. Doch genau diese Erfolgsgeschichte steht auf dem Spiel.

Daneben stehend hört Schneider aufmerksam zu. Der Programmpunkt in den Karpaten ist kein Zufall. Während es vielfach um den Verteidigungskampf der Ukraine geht, schaut er zusätzlich auf Themen jenseits des Scheinwerferlichts. „In Zeiten des Krieges ist klar, dass sich das Land auf die Verteidigung konzentriert.“ Natur- und Umweltschutz drohten da in den Hintergrund zu treten.

Fonds für Wälder in der Ukraine

Große Teile der ukrainischen Wälder liegen in besetzen Gebieten. 500.000 Hektar sind laut der Forstbehörde vermint. Beobachter berichten täglich von Waldbränden. Für den Artenschutz schwinden Geld und Personal.

Dem will der Umweltminister entgegentreten und einen Naturschutzfonds in Höhe von zehn Millionen Euro einrichten für die besonders schützenswerten Wälder in der Ukraine. Über das Gesicht von Naturparkchef Prynda huscht ein leichtes Lächeln.

Für den Umweltminister dürfte der Ausflug in die Karpaten der schönere Programmteil gewesen sein, Tschernobyl am Tag zuvor dagegen der wichtigere Austausch mit den Verantwortlichen – jeweils getrieben von dem Gedanken, das zu bewahren, was uns nützt und gut und gesund leben lässt: eine intakte Natur.

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