Welche Verletzten werden zuerst versorgt? Das müssen Rettungskräfte im Katastrophenfall sekundenschnell entscheiden. Ein neues Sensorpflaster soll sie nun entlasten. Es sendet Vitaldaten der Opfer per Funk und könnte damit Leben retten.
Nach einem schweren Zugunglück, einem Erdbeben oder einem Terroranschlag stehen Rettungskräfte oft vor extremen Herausforderungen: In kürzester Zeit müssen sie entscheiden, welcher der vielen Verletzten zuerst behandelt wird. In der Medizin wird diese Situation als „Massenanfall von Verletzten“ (MANV) bezeichnet.
Eine technologische Entwicklung am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS könnte diesen Prozess grundlegend verändern. Der Medizintechniker Norman Pfeiffer hat im Rahmen seiner Promotion an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg FAU sowie seiner Forschung am Fraunhofer IIS kostengünstige, drahtlose Sensorpflaster entwickelt, die er im Podcast Science-TeaTime in ARD Sounds vorstellt. Die Patches werden auf Brust und Stirn geklebt und übertragen Vitaldaten in Echtzeit. Das Vitalsensorikpatch „ViseKat“ soll im Juli 2026 auf den Markt kommen.
Was ist ein MANV im Rettungsdienst?
Ein MANV tritt ein, wenn die Anzahl der Patienten die Kapazitäten des regulären Rettungsdienstes vor Ort übersteigt. Bisher findet die Einteilung der Patienten, die sogenannte Triage, meist nur einmalig durch eine erste, äußerliche Begutachtung und manuelle Messungen der Rettungskräfte statt.
Da das Personal bei Katastrophen oft nicht ausreicht, um alle Verletzten kontinuierlich zu überwachen, können kritische Verschlechterungen des Zustands unbemerkt bleiben. In solchen Extremsituationen kann digitale Überwachung die Überlebenschancen massiv erhöhen.
Wie funktionieren die neuen Sensorpflaster?
Die Sensorpflaster sind hochsensible, kabellose Funkeinheiten, die Verletzten wie ein Pflaster direkt auf die Haut geklebt werden. Sie vereinen mehrere Messverfahren in einem kleinen Gehäuse. Erstens erfassen optische Sensoren die Sauerstoffsättigung im Blut und den Puls. Zweitens messen Beschleunigungssensoren die Atemfrequenz über die Hebung und Senkung des Brustkorbs. Und drittens ermöglichen integrierte Elektroden die Überwachung der Herzfunktion.
Die entscheidende Innovation ist die Funkanbindung: Die Sensorpflaster senden diese Vitalwerte zusammen mit dem exakten Standort des Verletzten an eine zentrale Einsatzleitung. Auf einem Monitor werden alle Patienten gleichzeitig überwacht. Sinkt beispielsweise die Sauerstoffsättigung eines Betroffenen kritisch, schlägt das System sofort Alarm. Rettungskräfte müssen so nicht mehr das gesamte Gelände ablaufen, sondern können gezielt dorthin steuern, wo sofortige Hilfe lebensnotwendig ist. Das revolutioniert den Katastrophenschutz, wo bei knappen Ressourcen zukünftig Hilfe gezielter zur Lebensrettung eingesetzt werden kann.
Warum ist die Forschung heute so wichtig?
Die Forschenden gehen davon aus, dass Katastrophensituationen durch Klimafolgen, Konflikte und andere Krisen künftig häufiger werden. „ViseKat“ könnte deshalb nicht nur im Katastrophenschutz eine Rolle spielen, sondern später auch in der Teleüberwachung von Patientinnen und Patienten in alltäglicheren medizinischen Situationen.
