Serbiens Behörden gehen unter Präsident Vucic vehement gegen die regierungskritische Kulturszene vor. Nun hat es das Musikfestival Exit erwischt – das größte des Balkans. Unter staatlichem Druck zog es von Serbien nach Montenegro.
Im Juli vergangenen Jahres konnten sie in der serbischen Universitätsstadt Novi Sad auf dem Musikfestival Exit noch unbeschwert feiern. Auf einem Hügel über der Donau in der Festung Petrovaradin drängten sich bis zu 50.000 Zuschauer vor rund 40 Bühnen und Musikzonen. In der Dance-Arena legte Solomun auf, der weltbekannte bosnische DJ, der in Hamburg aufgewachsen ist.
Damit ist es in diesem Jahr vorbei. Die Veranstalter seien aus politischen Gründen aus Serbien verdrängt worden, sagt Dusan Kovacevic, der Gründer und strategische Kopf des Festivals. „Es gab Druck gegen uns. Zuerst wurden alle staatlichen Zuschüsse für das Festival eingestellt und dann wurden unsere Sponsoren bedroht. Und dann gab es schließlich direkte Drohungen von Seiten des serbischen Geheimdienstes BIA gegen mich persönlich und gegen den Rest des Teams“, sagt Kovacevic.
Wenn in der Festung Petrovaradin das Exit-Festival stattfand, kamen bis zu 200.000 Fans von Rock- und elektronischer Musik zusammen.
Vom Hit zur Hymne der Protestbewegung
Was war passiert? Das Exit-Festival hat die Studentenproteste gegen das autoritäre Machtsystem von Präsident Alexandar Vucic unterstützt. Die Proteste begannen im November 2024, nachdem das Bahnhofsvordach in Novi Sad eingestürzt war, mutmaßlich wegen Korruption und Baupfusch.
Im vergangenen Jahr, während des Exit-Festivals, wurden Studenten, die ihre Universitäten blockierten, auf die Bühne geholt. Sie tanzten dort zusammen mit dem italienischen Popstar Gala. Ihr größter Hit „Freed from Desire“ wurde zu einer Hymne der Protestbewegung. Gala hatte auch eine kurze Ansprache auf Serbisch vorbereitet, mit der sie zum Widerstand in Serbien aufrief. „Serbien, steh auf für deine Rechte! Zeig der Welt, dass das Volk Macht hat!“, rief Gala der jubelnden Menge zu.
Wegfall der Förderung und Razzia
Das war der serbischen Regierung offenbar zu viel. Neben Streichungen der Zuschüsse und verbalen Drohungen kam es im Mai dieses Jahres zu einer Razzia, bei der Milos Kovacevic, ein Mitarbeiter der Universität Novi Sad, verhaftet wurde. Er ist der Bruder des Festivalveranstalters Dusan Kovacevic.
Ein Videoclip zeigt, wie Polizisten mit gezückten Waffen in eine Wohnung eindringen. Milos Kovacevic steht da, mit Socken, Trainingshose und nacktem Oberkörper und ist sichtlich schockiert. Sein Bruder Dusan ist sich sicher, dass diese Aktion ihm und dem Festival galt.
„Zuerst wurde er wegen Terrorismus angeklagt. Als sie dann gemerkt haben, dass das zu lächerlich ist, sind sie umgeschwenkt auf den Vorwurf, den sie auch den Studenten immer machen: Aufruf zur gewaltsamen Änderung der verfassungsmäßigen Ordnung. Zum Glück konnten wir mithilfe eines medizinischen Gutachtens die Haft meines Bruders umwandeln in einen Hausarrest. Sie wollten ihn die ganze Zeit in Haft behalten, solange es um das Exit-Festival geht, damit ich schweige. Aber natürlich habe ich mich darauf nicht eingelassen“, sagt Dusan Kovacevic.
Neue Perspektive
Nun ist das Festival ausgewichen ins Nachbarland Montenegro. Anfang Juli gab es den Aufschlag. Drei Festivalnächte am langen Sandstrand von Ulcinj mit insgesamt rund 50.000 Besuchern. darunter viele Montenegriner und Besucher, die aus Serbien angereist waren.
„Wir sind aufs Festival gegangen, solange es in Serbien war. Wir waren stolz auf dieses Festival und unterstützen die Studentenproteste und wir hoffen, dass Exit irgendwann wieder zurückkommt“, sagt ein junger Mann, der aus Serbien angereist war. Ein junger Montenegriner sagt: „Wir haben uns jahrelang gefragt, warum wir eigentlich hier an so einem Strand kein Festival haben. Und jetzt kommt gleich so ein großes Event zu uns. Wir werden es genießen.“
Das Exit-Festival findet Ende August nochmal am Becici-Strand von Budva statt und im Oktober als Starlight-Festival in Ägypten, vor der Kulisse der Pyramiden von Gizeh. Für Dusan Kovacevic ist das das Positive an der ganzen Geschichte. „Ich lebe weiter in Novi Sad, wo das Festival nicht mehr sein kann, das ist kein gutes Gefühl. Aber ich versuche mich immer auf die positiven Dinge zu fokussieren. Und diese Welttournee unseres Festivals hat uns wirklich eine Menge neuer Perspektiven verschafft“, so Kovacevic.
Strand statt Festung: In Montenegro findet das Festival nun am Strand statt – in einer anderen Atmosphäre, aber in derselben Haltung.
Freiheit der Kunst als Indikator
Für Jovana Karaulic, Kulturpolitikerin der oppositionellen Demokratischen Partei DS, zeigt das, was mit dem Exit-Festival passiert ist, wie die Vucic-Regierung derzeit immer autoritärer durchgreift.
Autoritäre Regime halten Kultur nicht für etwas Marginales. Kulturelle Institutionen können dafür sorgen, dass eine Gesellschaft sich besser versteht. Sie sorgen für ein freies Denken und Reden. Deshalb übernehmen autoritäre Regime kulturelle Institutionen. Wenn man sehen will, wie es um eine Demokratie eines Landes bestellt ist, dann muss man nicht abwarten, ob Wahlen gefälscht werden. Man muss nur gucken, ob die Künstler des Landes frei sind oder nicht“, sagt Karaulic.
Ähnlich wie dem Exit-Festival geht es vielen Kulturveranstaltungen und Einrichtungen in Serbien. So wurde zum Beispiel beim wichtigsten Theaterfestival des Landes Bitef das komplette Organisationsteam verdrängt, zu Gunsten von regierungskonformen Funktionären.

