Laura Dahlmeier gehörte zu den erfolgreichsten deutschen Biathleten aller Zeiten. Sie war beliebt als Sportlerin und Expertin und ging ihren Weg in aller Konsequenz. Ihr letzter Gang in die Extreme riss sie vor einem Jahr tragisch in den Tod.
Ein Foto von Laura Dahlmeier zu finden, auf dem sie nicht lächelt, war eine große Aufgabe. Die 31-Jährige wirkte fast immer fröhlich. Passt aber ein solches Bild zu einer Todesmeldung? Zu einem Nachruf. Ja, warum nicht. So war sie halt. Eine Frohnatur, deren Leben vor genau einem Jahr auf tragischste Weise zu Ende ging. An einem Ort, den die deutsche Biathlon-Legende so sehr liebte. Sie starb im alpinen Extrem, im Hochgebirge. Ein Steinschlag soll sie erwischt haben. Wahrscheinlich war Dahlmeier, ausgebildete Bergführerin und Mitglied der Bergwacht war, sofort tot. Die beiden Frauen waren wegen schwieriger Verhältnisse noch vor dem Gipfel umgekehrt.
Rettungs- und Bergungsversuche, an denen unter anderem der mit Dahlmeier befreundete Extremkletterer Thomas Huber beteiligt war, scheiterten. „Der Laila Peak ist ein fantastischer, sehr steiler und schmaler Gipfel abseits der großen Berge wie K2 im Karakorum. Kommt von oben ein Steinschlag, ist es fast unmöglich, allen Felsen auszuweichen“, sagte Kletterikone Reinhold Messner im vergangenen Jahr im Interview mit RTL/ntv.
Ein Jahr nach ihrem Tod ist auch im Deutschen Skiverband die Trauer immer noch groß. „Laura fehlt uns einfach. Jeden Tag. Sie fehlt uns als herausragende Sportlerin, vor allem aber als Mensch“, sagte Vorstandsmitglied Stefan Schwarzbach. Mit „ihrer Art, ihrer Bescheidenheit und ihren Werten“ habe die zweimalige Biathlon-Siegerin „viele Menschen berührt und den Deutschen Skiverband nachhaltig geprägt. Daran hat sich auch ein Jahr nach ihrem Tod nichts geändert“.
„Dort begraben, wo sie glücklich war“
Eine, die der Tod völlig aus der Bahn warf, war Dahlmeiers Freundin Maren Hammerschmidt. Nach der Trauerfreier am 11. August wurde sie krank, Körper und Psyche streikten als Reaktion auf das schier Unfassbare. Dazu kommen Gedanken, zu viele Sachen im Sog des Alltags aufgeschoben zu haben. „Das hat mich sehr beschäftigt. Dass wir uns nicht die Zeit genommen haben, uns öfter zu sehen“, erzählt Hammerschmidt der Deutschen Presseagentur. „Ich bereue, was ich alles nicht mit ihr gemacht habe. Gespräche, die ich gerne noch geführt hätte, Fragen, die ich noch hatte.“
Die Trauer komme nach wie vor in Wellen, auch wenn es langsam besser werde, erzählt die Ex-Sportlerin, mittlerweile Pressesprecherin des deutschen Biathlon-Teams. Anfangs frisst sie alles in sich rein, gemeinsame Bilder und Videos kann sie sich nicht anschauen. Über ihre enge Freundin spricht sie kaum. „Das hat mir in meinem Trauerprozess natürlich nicht geholfen. Weil es einfach unbegreiflich für mich war. Laura war für mich eine Naturgewalt, die unzerstörbar war. Ich habe immer gedacht, ihr passiert nie irgendwas.“
Am Laila Peak fand Dahlmeier ihren inneren Frieden, ihre Kraft. Und nun ihre letzte Ruhe. Irgendwo in den eisigen Höhen des Karakorum-Gebirges liegt der Leichnam unter Schnee, Eis und Fels begraben. Eine schreckliche Vorstellung – mit der sich die Eltern aber arrangiert haben. „Ich glaube“, sagte Vater Andreas schon vor Monaten, „Laura hätte es so gewollt, in den Bergen ihren Frieden zu finden.“ Sie sei „dort begraben, wo sie glücklich war und sich frei fühlte“ – „verschmolzen mit den Herzen der Berge“, wie Mutter Susi ergänzte. Am traurigen Jahrestag planen die Eltern ein stilles Gedenken im engen Familienkreis. Nur kein Trubel!
Laura Dahlmeiers Seilpartnerin schildert Berg-Unglück
Dies ist auch ganz im Sinne ihrer Tochter Laura. Die stand zwar als zweifache Olympiasiegerin und siebenmalige Weltmeisterin stets im Fokus der Öffentlichkeit, suchte aber als Ausgleich immer wieder die Abgeschiedenheit ihrer geliebten Berge. Auf den Gipfeln der Welt fühlte sich Laura Dahlmeier wohl – ausgerechnet dort fand sie den Tod, dort wird sie wohl für immer liegen. Dass sie nicht geborgen werden konnte, sei „vielleicht“ gut so, sagte Vater Andreas der „Sport Bild“. Er stelle sich vor, „wenn Laura in einem Grab auf einem Friedhof liegen würde, und den ganzen Tag über kommen Leute vorbei – sie würde aufschauen und denken: Meine Güte, schon wieder ist jemand da. Lasst mir doch endlich mal meine Ruhe!“
Nur Fassungslosigkeit. Schock. Trauer.
Am Laila Peak in Pakistan passierte, was die Natur des Menschen eigentlich nicht vorsieht. Ein junger, ein extrem fitter Mensch stirbt. Plötzlich, ohne Vorankündigung. Das hebt die Welt für einen Moment aus den Angeln. Sie steht still. Wie kann das sein? Wie darf das sein? Es gibt keine Antwort. Nur Fassungslosigkeit. Schock. Trauer. Eine solche Nachricht reißt die Menschen erbarmungslos aus der Realität ins Nichts. Sie zeigt, wie wertvoll das Leben ist, wie zerbrechlich. Wie schnell das Leben vorbei sein kann.
Dahlmeiers Tod hat dabei besonders tragische Noten. Vor gut zwei Jahren beendete sie ihre Berufsausbildung zur Berg- und Skiführerin. In allen Teildisziplinen habe sie ihre Ausbildung absolviert, schrieb sie Anfang April 2023, und zählt neben elf Theoriefächern noch „Sportklettern, Bergrettung, Alpinklettern, Lawinenkunde, Skitour, Freeride, Eisklettern, Skimethodik, Skihochtour, Hochtour“ auf. Bebildert war der Instagram-Beitrag mit Eindrücken dieser Teildisziplinen. „Am schwersten“ sei ihr das Eisklettern gefallen, bekannte sie damals.
Die Berge, das war Glück und Unglück für Dahlmeier. Vor sieben Jahren verlor ein Freund sein Leben. Kurz vor den Olympischen Winterspielen 2018 verunglückte Franz-Xaver Mayr. Der 22-Jährige kam im Januar 2018 beim Eisklettern im Südtiroler Langental ums Leben, als er von einer Lawine verschüttet wurde. Dahlmeier flog mit dieser schweren emotionalen Hypothek nach Südkorea, trauerte alleine und holte zweimal Gold. Sie wuchs über sich hinaus, obwohl nicht nur das Herz schmerzte, sondern ihr in der Eiseskälte von Pyeongchang die Finger einfroren. Vier später starb auch ihr Ex-Freund Robert Grasegger. Ebenfalls beim Klettern in den Bergen. Beide waren da aber schon kein Paar mehr.
Dahlmeier spürte nichts mehr, was sie motivieren konnte
Der Doppel-Olympiasieg war der Höhepunkt einer erstaunlichen Karriere. Die großartig und kurz war. Nur eine Saison später, im Frühjahr 2019, schnallte sie die Ski für immer ab. Nicht aus einer Laune heraus, wie es viele andere Sportler tun und dann die Rolle rückwärts machen. Dahlmeier spürte nichts mehr, was sie motivieren konnte. Sie hatte mit 25 Jahren all ihre Ziele im Biathlon erreicht. Lediglich als Expertin des ZDF war sie fortan in ihrer Sportart aktiv. Das kam für viele überraschend, denn die Medienwelt wirkte ihr immer eher fremd, ein wenig lästig. Aber sie fühlte sich wohl in der Rolle der Analystin, fand auch in neuer Funktion viele Fans. Laura Dahlmeier war eine, die man schnell mochte. Die viel zu früh ging.
Ihre Karriere hatte noch zahlreiche andere Glanzpunkte: 2017 gewann sie fünfmal Gold und einmal Silber bei der WM in Hochfilzen. Als erste Biathletin holte sie saisonübergreifend 13 WM-Medaillen nacheinander und fünfmal Gold bei einer WM, im Weltcup feierte sie 20 Siege. Dahlmeier erreichte in ihrem Sport früh alles, und trotzdem war er nie alles für sie. Dahlmeier liebte das Klettern, die Freiheit der Berge. Und das Extrem.
Im November 2024 hatte sie den Himalaya-Gipfel Ama Dablam in Nepal bestiegen und dabei einen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt. Im Juni hatte sie den Great Trango Tower (6287 Meter) bestiegen. Danach hatte sie gepostet: „Danke, Juni – für eine erstaunliche Zeit in den Bergen mit großartigen Menschen! Trainieren und sich auf das nächste große Expeditionsziel vorbereiten. Dankbar für das Lachen, die Lektionen und die Ausblicke. Auf zu neuen Abenteuern – mit der Heimat immer im Herzen.“
„Hei mi leckst am Arsch!“
Bei Touren in Nepal, Südamerika oder den USA fand sie die Freiheit, die ihr im Leistungssport zu oft fehlte. Trainer und Verband duldeten ihre Ausflüge, auch wenn sie sich dabei schon mal verletzte und deswegen Pausen einlegen musste. So wie in den ersten Jahren ihrer Weltcup-Karriere. Im August 2014 stürzte sie beim Klettern im Zugspitzmassiv und zog sich einen Bänderriss am rechten Sprunggelenk sowie eine Knochenprellung zu.
In Dahlmeiers Heimatgemeinde Garmisch-Partenkirchen war der Kurpark im Frühjahr in Laura-Dahlmeier-Park umbenannt worden. Dort steht auch eine Gedenktafel für die nach wie vor vielen Fans der Top-Sportlerin. Wenn er dorthin gehe, erzählte Vater Andreas, sei er nie allein. Im August hatte es eine Gedenkfeier gegeben – die Musikstücke dafür hatte sie vorher noch selbst festgelegt. Darunter war eine Version des Oberreintal-Liedes mit der deftigen Zeile im Refrain: „Hei mi leckst am Arsch!“. Dies ist bei Bergsteigern ein Ausruf, wenn sie einen Gipfel erklommen oder eine schwierige Passage gemeistert haben. Laura Dahlmeier war dies am 28. Juli 2025 am Laila Peak nicht mehr gelungen.
Verwendete Quellen: ntv.de, mit dpa/sid
