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Störung des Gehirn-Stoffwechsels: ADHS wird im Erwachsenenalter oft nicht erkannt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 7, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Störung des Gehirn-StoffwechselsADHS wird im Erwachsenenalter oft nicht erkannt

Menschen mit ADHS werden von ihren Mitmenschen oft als sprunghaft und vergesslich wahrgenommen. (Foto: IMAGO/Westend61)

Hinter dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom steckt eine Stoffwechselstörung im Gehirn. Doch viele Menschen wissen gar nicht, dass sie betroffen sind. Eine Diagnose im späten Erwachsenenalter kann dennoch viel bewirken.

Jahrelang vergesslich, sprunghaft, schnell überfordert – und immer das Gefühl, sich doppelt so sehr anstrengen zu müssen wie alle anderen. Viele Menschen führen das auf ihren Charakter zurück. Manche auf den Stress. Dass dahinter eine neurologische Besonderheit stecken könnte, die einen das ganze Leben begleitet hat, kommt ihnen unter Umständen gar nicht in den Sinn. Ebenso wenig ihrem Umfeld. Und ihren Ärztinnen oder Ärzten oft auch nicht.

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) bringen viele noch immer hauptsächlich mit Kindern in Verbindung. Dabei sind nach Schätzungen von Fachleuten mindestens zwei Millionen Erwachsene in Deutschland betroffen. Gerade für Menschen ab 40 ist die Diagnose oft noch besonders schwierig. Welche Gründe das hat, wie man ADHS in der zweiten Lebenshälfte erkennt und wie eine Diagnose das Leben verändern kann.

Wie zeigt sich ADHS bei Erwachsenen?

ADHS hängt mit einem gestörten Stoffwechsel des Botenstoffs Dopamin im Gehirn zusammen, in der Regel von der Kindheit an. Das bedeutet: Man kann es nicht plötzlich bekommen, auch nicht als Erwachsener.

Bei Erwachsenen zeigt sich eine ADHS allerdings häufig subtiler als bei betroffenen Kindern und Jugendlichen, heißt es auf dem Portal gesundheitsinformation.de. Erwachsene mit ADHS haben oft Probleme, ihren Alltag oder ihre Arbeit zu organisieren, Termine einzuhalten und sich über längere Zeit auf Aufgaben zu konzentrieren – außer bei Dingen, die sie wirklich interessieren.

„Das Schwierigste bei ADHS ist diese Prokrastination“, sagt Astrid Neuy-Lobkowicz, Fachärztin für Psychotherapie und Psychosomatik: „Ich weiß, was ich tun soll, aber ich kann den ersten Schritt nicht machen. Ich kann nicht anfangen.“ Auch Vergesslichkeit, innere Unruhe und Gedankenspringen können typisch sein. Dazu komme „eine enorme emotionale Auslenkbarkeit“, so die Fachärztin, ADHS-Expertin und Buchautorin („AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte“): „Ich bin schnell gekränkt, reagiere heftig, fühle mich rasch angegriffen.“

Wo Belastungen im Alltag über längere Zeit das Leben beeinträchtigen, ist eine fachärztliche Abklärung ratsam. Eine Diagnose erfordert eine ausführliche Anamnese und Beurteilung anhand von Leitlinien durch Fachleute – etwa Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, ärztliche Psychotherapeuten oder psychologische Psychotherapeuten.

Warum wird ADHS im Erwachsenenalter immer noch selten diagnostiziert?

Lange hatte man beim Thema ADHS nur Kinder im Blick, so Neuy-Lobkowicz. Dieser Effekt sei bis heute zu spüren, es gebe eine große Diagnose- und Versorgungslücke. Zwar zeigte zuletzt eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, dass mittlerweile deutlich mehr Erwachsene in Deutschland eine Erstdiagnose für ADHS erhalten als noch vor zehn Jahren. Dennoch gehen Fachleute von einer hohen Dunkelziffer aus.

Zu den Hürden für eine korrekte Diagnose im Erwachsenenalter gehört unter anderem, dass viele Betroffene seelische Begleiterkrankungen haben – und in manchen Fällen nur die behandelt werden, ohne dass die Ursache etwa für Depressionen oder Angststörungen ins Auge gefasst wird.

Es kann auch vorkommen, dass das Symptombild mit zunehmendem Alter mit anderen Erkrankungen verwechselt wird – von Betroffenen wie von Behandlern. Wenn Menschen mit Anfang 50 vergesslicher werden, sich nicht konzentrieren können und sich ausgebrannt fühlen, denkt man vielleicht an eine beginnende Demenz. „Aber viele von ihnen haben eine ADHS, die man gut behandeln kann“, sagt Neuy-Lobkowicz.

Zur mangelnden Diagnostik trägt nicht zuletzt bei, dass manche Menschen mit ADHS ihre Symptome lange kaschieren können. Gerade betroffene Frauen passen sich oft stark an, bisweilen bis zum Burnout, und bekommen häufig erst spät eine Diagnose.

Wie bemerkt man mit über 40, dass man sein Leben lang von ADHS betroffen war?

„Das ist schwierig, weil ADHS keine erworbene Störung ist – man kommt damit zur Welt und hat keinen Vergleich, weil man sich ja nie anders erlebt hat“, räumt Astrid Neuy-Lobkowicz ein.

Sie empfiehlt, sich gezielt bestimmte Fragen zu stellen:

  • Haben Sie schon immer Probleme mit der Konzentration gehabt – außer wenn etwas Sie wirklich interessiert? 

  • Haben Sie Probleme, Ordnung zu halten, sich zu organisieren? 

  • Fühlen Sie sich schnell gekränkt und verletzt? 

  • Haben Sie rasche Stimmungsschwankungen? 

  • Machen Sie alles auf den letzten Drücker? 

  • Und war das schon immer so?

„Wenn das Gefühl entsteht, dass das zutrifft: erst lesen – aber bitte nicht nur im Internet, wo 50 Prozent der Inhalte über ADHS falsch sind“, rät die Fachärztin. Stattdessen empfiehlt sie Bücher oder andere geprüfte Quellen, etwa Internetauftritte von Fachgruppen wie das Portal adhs.info vom Zentralen ADHS-Netz. Auch viele Krankenkassen bieten Informationen zu ADHS im Erwachsenenalter an.

Wie erhalte ich eine Diagnose?

Der nächste Schritt führt zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Hier lohnt es sich, gezielt nach Erfahrung mit ADHS bei Erwachsenen zu fragen – nicht alle Praxen bieten das an. Bei Menschen über 50 empfiehlt Neuy-Lobkowicz zusätzlich eine internistische Abklärung, bevor etwa mit einer Medikation begonnen wird.

Einen passenden Facharzt oder eine passende Fachärztin für die Diagnostik zu finden, bleibt schwierig. „Viele Psychiater trauen sich nicht an ältere Patientinnen und Patienten heran“, so Neuy-Lobkowicz. Man müsse nachfragen und hartnäckig bleiben. „Das Interessante ist: Wenn ADHS-Betroffene sich wirklich für etwas interessieren, können sie auch Berge versetzen. Das erlebe ich immer wieder.“ Im nächsten Schritt könne man Selbsthilfegruppen aufsuchen, zum Beispiel über die Plattform „adhs-deutschland.de“.

Dem „Infoportal ADHS“ zufolge werden für die Diagnose in der sogenannten Exploration zum Beispiel aktuelle Probleme, Belastungen und einzelne Symptome genau erfragt und die Lebensgeschichte sowie die Entwicklung der Probleme bis zur Gegenwart erhoben.

Unter Umständen werden auch Partner, Eltern oder andere Bekannte, die die Person lange kennen, einbezogen. Sie können berichten, wann ihnen etwas am Verhalten der Person aufgefallen ist. Daneben kommen Fragebögen, Verhaltensbeobachtungen oder körperliche Untersuchungen zum Einsatz. Die Abklärung einer ADHS dauert üblicherweise mehrere Sitzungen.

Was kann sich nach der Diagnose verändern?

Eine späte Diagnose ändert zunächst nichts an der Vergangenheit. Aber sie verändert, wie man auf sie blickt. „Viele Patienten sind allein schon mit dem Wissen unglaublich entlastet“, sagt Neuy-Lobkowicz.

Nicht jeder Mensch mit ADHS-Diagnose braucht zwingend eine Therapie. Wo der Leidensdruck groß ist, kann eine individuell abgestimmte Kombination aus Psychoedukation, kognitiver Verhaltenstherapie und medikamentöser Unterstützung erfolgreich sein, so Petra Beschoner, Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin. Medikamente helfen vielen Patientinnen und Patienten dabei, ihre Konzentration und Impulskontrolle zu verbessern.

„Wenn die Diagnose stimmt und die Medikation passt, können wir Menschen auch mit 60 oder 70 noch einmal neu auf die Beine stellen“, sagt Astrid Neuy-Lobkowicz. „Ich sehe immer wieder, dass auch bei tiefer Erschöpfung und zunehmender Vergesslichkeit die Medikamente eine beeindruckende Wirkung haben. So mancher Patient steht dann wieder wie Phönix aus der Asche auf und findet wieder eine neue Lebensqualität und Lebensmut.“

Auch im familiären Umfeld kann sich etwas lösen. ADHS ist genetisch veranlagt – oft sind Kinder oder Enkelkinder ebenfalls betroffen. Hier kann neues Verständnis und Raum für Austausch entstehen. Und manche Konflikte, die sich über Jahre aufgestaut haben, bekommen auf einmal eine Erklärung. Angehörige, die sich nie ernst genommen fühlten, weil Dinge vergessen oder überhört wurden, verstehen plötzlich, warum das so war. Und Betroffene können „jetzt lernen, anderen eine Art Gebrauchsanweisung zu geben“, so Neuy-Lobkowicz.

Quelle: ntv.de, jaz/dpa

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