In der Völklinger Hütte trifft sich die Urban-Art-Szene aus der ganzen Welt. Die neuen Arbeiten entstehen vor Ort und nutzen die Geschichte des Eisenwerks für provokante Kunst.
Auf dem Dach der Möllerhalle im Weltkulturerbe Völklinger Hütte steht in großen Buchstaben: „NO HAY NADA DE VALOR“, spanisch für: „Hier drin gibt es nichts von Wert“. In Spanien liest man diesen Satz auf Zetteln in Fahrzeugen. Die Botschaft soll Diebe abschrecken.
Den Satz auf das Dach der Ausstellungshalle der Urban Art Biennale zu schreiben, könnte als Provokation gegenüber den Werken der anderen Künstlerinnen und Künstler gewertet werden. Der Spanier Ampparito spielt damit aber auf die Zeit nach der Schließung des Eisenwerkes 1986 an.
Damals wurde der Wert der saarländischen Hütte in Frage gestellt, erklärt Frank Krämer, der Kurator der Ausstellung. Für ihn spielt die Arbeit mit der Völklinger Hütte und der Frage nach dem Schatz, den sie da eigentlich haben und was es hieß, ihn zu bewahren.
Anarchische Kunst im Industriedenkmal
Seit 2011 wird das Weltkulturerbe alle zwei Jahre zum Schauplatz einer der weltweit größten Werkschauen der Urban Art. In diesem Jahr liegt der Fokus noch stärker als zuvor auf Arbeiten, die für die Ausstellung vor Ort entstehen.
Verborgene Strömungen im Eisenwerk, sichtbar gemacht: „Transit der Erinnerung“ von der Künstlergruppe Vortex-X.
Fast alle der 55 Künstlerinnen und Künstler sind angereist und haben sich von der Umgebung inspirieren lassen. Sie kommen aus 17 Ländern und von drei Kontinenten. Die französische Künstlergruppe Vortex-X hat weiße Fäden durch die komplette Ausstellungshalle gespannt. Die Arbeit „Transit der Erinnerung“ soll Strömungen darstellen, die in der Halle herrschen und auch im Betrieb der Hütte einmal geherrscht haben.
Diese anarchische Kunstform in einem denkmalgeschützten Gelände walten zu lassen, ist für Frank Krämer ein besonderer Kitzel. Er sei zwar bekannt dafür, den Künstlerinnen und Künstlern viel Freiraum zu lassen, aber es gebe natürlich auch No-Gos, erklärt er. Es fänden sich aber immer Wege, um gemeinsam neue Werke zu entwickeln.
„Hütten-Couture“ für den Selbstversuch
Die russische Gruppe Frukty hat zum Beispiel magnetische Nieten hergestellt, die genauso aussehen wie die, die an den riesigen Stahlrohren der Völklinger Hütte verbaut sind. Mit den Nieten haben sie auf dem Gelände verteilt Kunstwerke hinterlassen, die so sehr mit der Umgebung verschmelzen, dass sie leicht zu übersehen sind.
Farbiger Kontrast zum alten Eisen: Eine Holzskulptur von Boris Tellegen.
Viele Kunstwerke wirken auf den ersten Blick nicht wie das, was man sich unter Urban Art vorstellt. Einige Werke sind gesprüht und erinnern an klassisches Graffiti, es gibt aber auch andere Lesarten dieser Kunstform. Eine Arbeit, die die Besucher integriert, ist „Huettcouture“ der Berliner Künstler Coco Bergholm und Jo Preußler.
Sie haben Bekleidung gestaltet, die farblich zu den Oberflächen des Eisenwerks passt. Besucherinnen und Besucher können sie anprobieren und in textiler Camouflage mit den unterschiedlichsten Orten der Hütte verschmelzen.
Völklingen als Top-Adresse der Urban Art
„Genauso facettenreich wie die Szene zeigt sich auch diese Ausstellung“, sagt Kurator Frank Krämer. Die Entwicklung der Szene lasse sich in jeder Ausgabe der Biennale gut beobachten. Das Netzwerk, das sich Krämer mit seinem Team in den letzten 15 Jahren aufgebaut hat, ist beachtlich.
Durch die ausstellenden Künstlerinnen und Künstler entwickelten sich immer neue Verlinkungen. Mittlerweile sei Völklingen eine der Top-Adressen, um die Szene abzubilden, meint Krämer.
Teil der Ausstellung, wenn auch ein wenig abseits gelegen, ist die Retrospektive, die der New Yorker Perfomance-Künstlerin Ann Messner gewidmet ist. Es ist der erste umfassende Rückblick auf ihre Kunst überhaupt.
„Hier drin gibt es nichts von Wert“: ironisches Statement des spanischen Künstlers Ampparito zur Urban Art Biennale in Saarbrücken.
Kulisse für künstlerische Weiterentwicklung
Auf die Wände der ehemaligen Sinteranlage werden Videoarbeiten, teilweise aus den 1970er-Jahren, projiziert. Zu sehen ist Messner, die in der New Yorker U-Bahn einen riesigen Luftballon aufpustet oder mitten auf einer viel befahrenen Kreuzung steht und vorbeifahrende Autos filmt.
Die Urban Art Biennale ist vielfältig, weitläufig und einmal mehr ein Abbild des Ist-Zustands der Szene, die sich aus Graffiti und Street Art entwickelt hat. Der Ausstellungsort, das Weltkulturerbe Völklinger Hütte, bietet viel Raum für die Künstlerinnen und Künstler, um sich inhaltlich daran abzuarbeiten. Am Ende hat jedes Kunstwerk seinen eigenen Ansatz gefunden, mit diesem Industrieerbe umzugehen.
