Weil sie Israels Vorgehen im Gazastreifen kritisieren und dem Land eine Manipulierung des ESC vorwerfen, bleiben fünf Staaten dem Wettbewerb fern. Der Streit um den Umgang mit Israel steht auch für eine Debatte in der EU.
Den ESC boykottieren, weil Israel dabei ist: Das spaltet die Menschen in den Niederlanden.
Der ESC könne sich nicht von der Politik abkoppeln, finden einige. Das sei unangemessen gegenüber der Leistung der Künstler, die hart für die Teilnahme gearbeitet hätten, finden andere.
Laut aktuellen Umfragen steht ungefähr die Hälfte der Niederländer hinter der Entscheidung der Rundfunkorganisation NPO. Avrotros ist im NPO die Rundfunkgesellschaft, die den ESC normalerweise organisiert und überträgt. Avrotros-Direktor Taco Zimmermann sagt, er habe sich die Entscheidung nicht leichtgemacht.
„Furchtbar traurig“ sei das, stellt er fest, „wir sind alle Verlierer“. Einerseits wolle man „mit Europa den Frieden feiern und ein prächtiges Fest genießen“. Der werde aber „sabotiert“.
So entspreche die Veranstaltung „nicht mehr unserer Werten. Und dann kann ich einfach nicht anders.“
Zwei Gründe für den Boykott
Die Niederlande waren schon vor 70 Jahren beim ersten ESC dabei und gehören mit fünf Siegen zu den erfolgreichsten Nationen. Nun bleibt sie aus vor allen zwei Gründen fern.
Da ist die generelle Ablehnung des Vorgehens der israelischen Regierung im Gazastreifen. Und dann stehen Vorwürfe im Raum, die israelische Regierung habe beim vergangenen ESC in der Schweiz eine Kampagne zur Wahl der eigenen Künstlerin mitfinanziert.
Das wurde von manchen als unfair empfunden, woraufhin der ESC-Veranstalter, die Europäische Rundfunkunion (EBU), die Regeln für dieses Jahr angepasste. So begründen auch Spanien, Slowenien, Island und Irland ihren Boykott der Veranstaltung.
35 Nationen hingegen nehmen aber weiterhin teil – und äußern ihr Unverständnis, so wie Bundeskanzler Friedrich Merz für Deutschland: „Ich halte es für einen Skandal, dass darüber überhaupt diskutiert wird. Israel gehört dazu.“
Ein Sinnbild für die EU
Die Debatte steht damit auch sinnbildlich für den Streit in der EU über die „Israel-Politik“. Nahost-Experte Daniel Gerlach sagte dazu im ARD-Europa-Podcast „punkt EU„, zwar wolle die EU eine gemeinsame Politik gegenüber dem Nahen Osten verfolgen, zwar seien alle EU-Staaten der Ansicht, dass es eine palästinensische Eigenstaatlichkeit geben sollte. Aber wenn man sich die Details anschaue, dann ergebe sich doch „ein sehr disparates Bild“.
Nach langem Ringen konnte sich die EU gerade auf gemeinsame Sanktionen gegen einige gewaltbereite israelische Siedler verständigen. Doch vielen ist das längst zu wenig: Belgien etwa treibt einen Importstopp von Produkten aus israelischen Siedlungen im Westjordanland voran. Die Niederlande und Italien haben die militärische Kooperation mit Israel ausgesetzt.
Spanien, Irland und Slowenien fordern die Aussetzung des EU-Israel-Assoziierungsabkommens, welches Israel bisher relativ freien Marktzugang ermöglicht und dazu führt, dass die EU der wichtigste Handelspartner ist.
Uneinigkeit schmälert politisches Gewicht
Aber Pläne der EU-Kommission, die Gangart gegenüber der israelischen Regierung zu verschärfen, scheitern – wie so viele andere – bislang an der Uneinigkeit unter den 27 EU-Staaten. Nahost-Experte Gerlach nennt es „kurios“, wie jeder „seine eigene Argumentation zu dem Thema hat und entsprechende Politik ableitet“. Insgesamt schwäche dies die Rolle der EU bei den zahlreichen Konflikten im Nahen Osten.
Und so verliefen die Fronten in der großen Politik ähnlich wie im Showgeschäft, sagt Nahost-Experte Gerlach. Beim Eurovision Song Contest könnte am Ende der Boykott eines großen Geldgebers wie Spanien zum Schaden einer großen europäischen Einrichtung werden – des ESC-Veranstalters EBU.

