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Politik

Treffen in Ankara: Was bleibt von diesem NATO-Gipfel?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 8, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Analyse

Stand: 08.07.2026 • 22:18 Uhr

Erst Eskalation, dann Arbeitssitzung: Die NATO durchlebt eineinhalb wilde Gipfeltage. Zum Ende wird es aber versöhnlich – sogar von Liebe ist die Rede. Und mittendrin: US-Präsident Trump.

Benjamin Großkopff

Emotionen spielen offenbar eine zentrale Rolle: Als eineinhalb wilde Gipfeltage in Ankara fast vorbei sind, spricht Bundeskanzler Friedrich Merz von einem „Gefühl der Zuneigung und der gemeinsamen Verantwortung“ bei der Arbeitssitzung der NATO-Staats- und Regierungschefs.

US-Präsident Donald Trump ergänzt wenig später: „In diesem Raum gab es eine enorme Liebe. Sehr kluge Menschen. Und sie tragen viel Gutes im Herzen. Nichts Böses. Gutes.“ Und NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat „ein großes Gefühl der Einigkeit“ ausgemacht.

Angriffe bevor es richtig losgeht

Bis es soweit war, herrschten allerdings anderen Empfindungen vor: Ratlosigkeit, Wut, teilweise Entsetzen. Und im Mittelpunkt steht natürlich: Donald Trump. Der war offensichtlich mit ausgesprochen mieser Laune angereist, auch ein Abendessen am Tisch mit den Ehepaaren Merz und Erdoğan konnte nicht dazu beitragen, seine Stimmung aufzuhellen.

„Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle Partner“ – das betonen die NATO-Mitglieder später in ihrer gemeinsamen Abschlusserklärung, die sie als Beleg für den Erfolg des Gipfels werten. Trump macht es andersherum – und greift nicht einen, sondern alle seine Partner direkt an, bevor es überhaupt richtig losgeht.

Trumps Tiraden gegen Iran

„Ich bin sehr verärgert über die NATO – darüber, dass wir viel, viel zu viel zahlen, Milliarden und Abermilliarden Dollar zu viel“, schimpft Trump am Mittwochmorgen bei einem Gespräch mit Rutte. „Das ist unfair, denn wir beschützen sie. Aber sie sind nicht für uns da.“ Trump steigert sich in immer neue Tiraden hinein, die vor allem Iran treffen. „Ich will nichts mehr mit diesem Abschaum zu tun haben“, heißt es von ihm. Die Führung bezeichnet er als „kranke Menschen“.

Irgendwann zwischendurch kündigt er noch Spanien die Handelszusammenarbeit auf und erneuert seine Ansprüche auf Grönland, das zu Dänemark gehört. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sieht sich gezwungen klarzustellen, dass Grönland nicht zum Verkauf stehe. Ihr spanischer Amtskollege lässt erklären, man werte Trumps Äußerungen als übliches Gebaren.

Auf Eskalation folgt Arbeitssitzung

Scheitert der Gipfel also? Es gehört zu den Geheimnissen der hier in Ankara viel gepriesenen transatlantischen Partnerschaft, das auszuhalten: Erst verbale Volleskalation, und eine Stunde später: Arbeitssitzung. In 32 Kurzreferaten erklärt jeder einzelne Regierungschef den jeweils 31 anderen, wie sehr man sich beim Thema Verteidigung engagiert.

Den längsten Vortrag hält: Donald Trump. Teilnehmern zufolge schaltet er vom Schimpf- in den jovial-sachlichen Modus um. Er habe sich mehr Wertschätzung für die USA innerhalb der NATO gewünscht, den Partnern gleichzeitig aber versichert: „Wir wollen bei euch bleiben.“

Hinterher ist Trump voll des Lobes: „Es war ein großartiges Treffen“, sagt er. Und Kanzler Merz beteuert sinngemäß, dass die Gefühle des US-Präsidenten nicht der Hauptinhalt des Gipfels waren. Er verweist auf die enormen deutschen Rüstungsinvestitionen: „Wir haben uns diesen Kraftakt vorgenommen. Und wir leisten ihn nicht, um irgendjemanden einen Gefallen zu tun. Sondern: Um unsere eigene Sicherheit zu stärken. Jeden Tag testet Russland unsere Entschlossenheit.“

Immer mehr Geld für Verteidigung

Und da sind sie: Jene Themen, die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollten in diesen eineinhalb Tagen, die monatelang vorbereitet wurden. Es geht um Krieg und Frieden, um beinharte Machtpolitik; um milliardenschwere Rüstungsgeschäfte, um eine nach dem Zweiten Weltkrieg beispiellose Aufrüstung des europäischen Kontinents. Mit Deutschland an der Spitze, das inzwischen so viel für Verteidigung ausgibt wie Frankreich und Großbritannien zusammen.

Und: Es wird noch mehr, mehr als 150 Milliarden Euro. Pro Jahr. Für Deutschland – und für die NATO. Das Generalsekretär Rutte ein Bündnis nennt, „das sich weiterentwickelt. Ein Bündnis, das liefert, um die Sicherheit von einer Milliarde Menschen zu gewährleisten.“

Trump crasht den Gipfel nicht komplett

Rutte hat es mit einer immer wieder erstaunlichen Mischung aus Charme, Hartnäckig- und Unterwürfigkeit geschafft, seine Ziele zu erreichen. Die Ergebnisse sind wie von ihm gewünscht: Die europäische Säule der NATO wächst, etwa 140 Milliarden Militärhilfe für die Ukraine für 2026 und 2027 werden freigegeben. Trump hat den Gipfel nicht komplett gecrasht.

Kanzler Merz reist ebenfalls zufrieden wieder nach Berlin. Er hatte sich vorher den Spruch ausgedacht, dass es einen „Geist von Ankara“ geben müsse, und den auch seinen Amtskollegen in der Arbeitssitzung vorgetragen. Gemessen an den Ergebnisse ist bei den Beratungen zumindest kein ganz böses Gespenst erschienen.

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Dr. Heinrich Krämer
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