Aktuell kursiert in sozialen Medien ein Video, in dem eine Grafik zu angeblichen „Vergewaltigungsstatistiken in Europa“ gezeigt wird. Der Sprecher bezeichnet die Zahlen als „Polizeistatistik“ und stellt sie als Beleg dafür dar, dass „Massenmigration“ zu mehr Vergewaltigungen geführt habe.
Dafür liefert das Video keinen belastbaren Nachweis. Es gibt zwar offizielle Polizei- und Verwaltungsstatistiken zu Sexualdelikten in den genannten Ländern. Eine einheitliche, direkt vergleichbare europäische Polizeistatistik, aus der sich diese Schlussfolgerung ziehen ließe, liegt aber nicht vor.
Eine Quelle fehlt vollständig
Die Grafik nennt keine konkrete Datenquelle. Das ist bei diesem Thema entscheidend, weil „Vergewaltigung“ statistisch nicht überall gleich erfasst wird. Je nach Land und Jahr können sich Rechtslage, Zählweise, Erfassungspraxis, Anzeigeverhalten und statistische Kategorien unterscheiden.
Eurostat sammelt zwar Kriminalitätsdaten aus den Mitgliedstaaten, harmonisiert diese aber nicht nachträglich zu einer einheitlichen europäischen Polizeistatistik. Eurostat weist selbst darauf hin, dass amtliche Kriminalitätszahlen nur registrierte Delikte abbilden und internationale Vergleiche durch Unterschiede in Rechtslage, Definitionen, Polizei- und Justizpraxis sowie Anzeigeverhalten verzerrt sein können.
Das Video macht daraus dennoch eine einfache politische Erzählung: Länder mit steigenden Zahlen werden mit Migration verbunden, Polen wird als Gegenmodell dargestellt. Diese Kausalität folgt aus den gezeigten Zahlen nicht.
Die Grafik mischt offenbar unterschiedliche Kategorien
Bei Deutschland ist die Darstellung besonders auffällig. Das Video zeigt für 2023 die Zahl 39.029 und bezeichnet sie als Vergewaltigungen. Die enge BKA-Kategorie „Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Übergriff im besonders schweren Fall einschließlich mit Todesfolge“ lag 2023 jedoch bei 12.186 Fällen. Die im Video genannte Zahl muss daher aus einer breiteren oder anders definierten Kategorie stammen. Als bloße Beschriftung „Vergewaltigungen“ ist das mindestens irreführend.
Auch bei Polen spricht vieles gegen eine durchgehend saubere Datenreihe. Der im Video genannte Wert von 2.399 für das Jahr 2000 passt zur offiziellen polnischen Polizeireihe für festgestellte Straftaten nach Art. 197 Strafgesetzbuch. Für 2023 weist diese Reihe aber 1.040 festgestellte Straftaten aus, nicht 1.127. Das deutet darauf hin, dass in der Grafik unterschiedliche Reihen oder Datentypen vermischt wurden.
Für England und Wales sowie Frankreich können einzelne Werte in der Größenordnung offizieller Reihen liegen. Auch dort sind einfache Langzeitvergleiche aber problematisch. In England und Wales verweisen die Behörden unter anderem auf geänderte Straftatbestände, bessere polizeiliche Erfassung und verändertes Anzeigeverhalten.
Der Vergleich 2000 gegen 2023 ist schief
Ein Vergleich über 23 Jahre setzt voraus, dass dieselben Delikte auf dieselbe Weise gezählt wurden. Genau das ist bei Sexualdelikten nicht gegeben.
In Deutschland wurde das Sexualstrafrecht 2016 reformiert. Seitdem gilt der Grundsatz „Nein heißt Nein“. Dadurch wurde strafbares Verhalten weiter gefasst als zuvor. Das Bundeskriminalamt weist deshalb selbst darauf hin, dass die Vergleichbarkeit der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung mit früheren Jahren eingeschränkt ist.
In England und Wales änderte der Sexual Offences Act 2003 den Umfang und die Definition bestimmter Sexualdelikte. Zusätzlich änderten sich Erfassungs- und Zählregeln. Das Office for National Statistics warnt deshalb davor, polizeilich erfasste Sexualdelikte als verlässlichen Langfristtrend zu lesen.
In Frankreich kommt ein weiterer Punkt hinzu: Polizeidaten zeigen nur das Hellfeld. Laut den in der Einordnung genannten französischen Erhebungen wird sexuelle Gewalt nur zu einem kleinen Teil angezeigt. Damit können steigende registrierte Zahlen auch bedeuten, dass mehr Betroffene Anzeige erstatten oder Behörden anders erfassen.
Auch das Anzeigeverhalten kann sich verändert haben. Öffentliche Debatten über sexualisierte Gewalt, etwa durch #MeToo, können dazu beitragen, dass Betroffene eher Anzeige erstatten und Behörden sensibler erfassen. Das ist ein wichtiger Grund, Polizeizahlen nicht direkt als reales Kriminalitätsniveau zu lesen.
Die Migrationsbehauptung bleibt unbelegt
Die Behauptung, „Massenmigration“ sei schuld an steigenden Vergewaltigungszahlen in Westeuropa, wird durch die Grafik nicht belegt. Aus den eingeblendeten Zahlen folgt keine Ursache.

Für eine solche Aussage bräuchte man deutlich mehr als eine Vorher-nachher-Grafik: vergleichbare Deliktsdefinitionen, einheitliche Zeitreihen, Tatverdächtigen- und Opferdaten, demografische Kontrollgrößen, Informationen zum Anzeigeverhalten, Gesetzesänderungen, Polizeipraxis und Dunkelfeldstudien. Das Video liefert diese Daten nicht.
Auch der sarkastische Verweis auf Polen ist irreführend. Der Sprecher führt den behaupteten Rückgang dort auf „Polens konsequente Begrenzung nicht-christlicher Zuwanderung“ zurück. Diese Kausalität ist jedoch nicht belegt. Dafür fehlen belastbare Daten, die Zuwanderung, Religion oder Herkunft von Tatverdächtigen, Aufenthaltsstatus, demografische Entwicklung, Anzeigeverhalten, Rechtslage und polizeiliche Erfassung seriös zusammenführen.
Hinzu kommt: Polen ist nicht einfach ein Land ohne relevante Migration. Es nahm sehr viele Schutzsuchende aus der Ukraine auf und gehörte laut Eurostat zu den EU-Ländern mit besonders vielen Menschen unter vorübergehendem Schutz. Dieser Punkt widerlegt nicht allein die engere Behauptung über nicht-christliche Zuwanderung, zeigt aber, wie stark die Darstellung im Video vereinfacht.
Warum die Aussage trotzdem plausibel wirkt
Die Grafik wirkt glaubwürdig, weil sie konkrete Zahlen, Flaggen und Jahresvergleiche nutzt. Solche Darstellungen sehen nach amtlicher Statistik aus. Genau das kann aber täuschen, wenn Quelle, Definition und Methode fehlen.
Der echte Kern ist: In mehreren Ländern sind registrierte Sexualdelikte oder bestimmte Unterkategorien davon über längere Zeiträume gestiegen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die reale Zahl der Vergewaltigungen im gleichen Maß gestiegen ist. Und es belegt erst recht nicht, dass Migration die Ursache wäre.
Fazit
Die Grafik ist irreführend. Sie nutzt offiziell wirkende Zahlen, legt aber keine Quelle offen und verschweigt zentrale Einschränkungen: unterschiedliche Rechtsdefinitionen, Reformen, Zählweisen, Anzeigeverhalten und eingeschränkte Vergleichbarkeit. Die Behauptung, „Massenmigration“ sei für steigende Vergewaltigungszahlen verantwortlich, ist durch die gezeigten Daten nicht belegt.
FAQ zum Thema Vergewaltigungsstatistik und Migration
Gibt es eine europäische Polizeistatistik zu Vergewaltigungen?
Es gibt europäische Datensammlungen, etwa bei Eurostat, aber keine vollständig harmonisierte Polizeistatistik, die alle Länder über Jahrzehnte direkt vergleichbar macht. Die Staaten melden nach eigenen Rechtslagen, Definitionen und Erfassungssystemen. Deshalb sind einfache Ländervergleiche problematisch.
Stimmen die Zahlen aus dem Video?
Einige Zahlen können in der Größenordnung offizieller Reihen liegen, andere passen nicht sauber zur engen Kategorie „Vergewaltigung“. Bei Deutschland entspricht die genannte Zahl von 39.029 nicht der engen BKA-Kategorie für Vergewaltigung und besonders schwere sexuelle Übergriffe. Bei Polen passt der Wert für 2000 zu einer Polizeireihe, der Wert für 2023 aber offenbar nicht zur gleichen Reihe.
Warum sind Vergewaltigungszahlen über lange Zeit schwer vergleichbar?
Weil sich Gesetze, Definitionen, Anzeigeverhalten und polizeiliche Erfassung ändern können. Wenn ein Land Sexualstrafrecht ausweitet oder Betroffene häufiger Anzeige erstatten, steigen registrierte Zahlen auch dann, wenn sich das tatsächliche Geschehen nicht im gleichen Ausmaß verändert. Genau deshalb warnen Statistikämter vor einfachen Langfristvergleichen.
Belegt die Grafik, dass Migration Vergewaltigungen erhöht?
Nein. Die Grafik zeigt keine belastbare Kausalität. Dafür bräuchte es kontrollierte Daten zu Tatverdächtigen, Opfern, Demografie, Anzeigeverhalten, Gesetzesänderungen und Dunkelfeld. Das Video liefert diese Grundlage nicht.
Office for National Statistics (ONS)
Ministère de l’Intérieur
29. Februar 2024
Ministère de l’Intérieur
7. März 2024
Statistics Poland
9. Dezember 2025
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