Elf Jahre nach dem Ende der Ära Klitschko bringt Schwergewichts-Weltmeister Agit Kabayel das Boxen in Deutschland zurück ins Stadion. Sein Herausforderer mag sportlich fragwürdig sein, ist aber genau der Richtige, um die Hütte voll zu kriegen.
Die Pressekonferenz zur ersten Schwergewichts-Weltmeisterschaft in einem deutschen Stadion seit mehr als zehn Jahren plätschert an diesem sonnigen Herbst-Nachmittag in der Düsseldorfer Rheinterrasse lange vor sich hin – fast ein wenig so, wie der stellenweise zu einer Rinne verkommene Wasserriese nebenan. Einmal aber wird es laut, ist Stimmung in der Bude. „Ich habe mehr gute Gegner geboxt als er“, behauptet Nelson Hysa keck und schaut in Richtung Agit Kabayel. Was der Albaner danach sagt, geht erst in Unmutsbekundungen, dann in lautstarken „Agit-Agit“-Sprechchören des Publikums unter. Promoter-Veteran Frank Warren sitzt auf dem Podium und strahlt. Die Provokation hat gesessen – vor allem, weil ihr Inhalt völliger Mumpitz ist.
Zu behaupten, dass sich der 42-jährige Gast vom Balkan sportlich für das Duell um Kabayels WBC-Krone qualifiziert hätte, geht nicht, ohne sich schwer angreifbar zu machen. Okay, der „Albanische Adler“ hat all seine 25 Profikämpfe gewonnen, 23 durch K.o., auf dem Papier eine beeindruckende Quote. In seiner Bilanz steht allerdings nicht ein Gegner, der beim Weltverband WBC je auch nur unter den Top 40 aufgetaucht wäre. Auch Hysas jüngstes Opfer und bis dato vielleicht stärkster Kontrahent, der Norweger Thomas Narmo, fand und findet sich in keiner Rangliste der großen Drei-Lettern-Organisationen WBA, WBC, IBF und WBO wieder. Hysa bekommt eine WM-Chance, ohne einen glaubwürdigen „Contender“ aus der erweiterten Weltspitze geschlagen zu haben. Kaum war der Kampf gegen Kabayel fix, ploppte der Name Hysa in der WBC-Tabelle wundersamerweise aus dem Nichts auf Position 18 auf. Sachen gibt’s im Preisboxen.
„Wir waren mit vielen Leuten im Gespräch“, berichtete Kabayel, Deutschlands erster Boxmeister aller Klassen seit Max Schmeling 1932, von seinem Dilemma bei der Gegnersuche. Es sei aber schlichtweg kein Top-Gegner für seine erste Titelverteidigung verfügbar gewesen. „Dann hat sich der liebe Nelson angeboten.“ Ende August hatte Hysa – wie Kabayel bei Promoter Warren unter Vertrag – den Deutschen am Rande einer Boxshow in London öffentlich herausgefordert.
„Nächstes Jahr bekommt Agit seinen großen Kampf“
Der 1,95-Meter-Mann baute sich in der O2-Arena vor Kabayel auf, versuchte dessen Rechte bei einem Handschlag regelrecht zu zerquetschen. Die Szene verfing in den Sozialen Medien, Hysa war plötzlich im Gespräch, provozierte auf Instagram munter weiter. Nach einem kurzen Vertrags-Heckmeck mit Warren war das WM-Gefecht für Ende November unter Dach und Fach. „Er hat sich in diesen Kampf reingeredet“, spöttelte Kabayels Manager Spencer Brown im Gespräch mit ntv.de. Aber die wirklich guten Schwergewichtler – die seien halt wirklich anderweitig beschäftigt, verweist der Engländer auf seine Landsleute Daniel Dubois und Fabio Wardley. Am 17. Oktober boxen die K.o.-Experten in einem Revanchekampf um das Championat nach WBO-Version. „Nächstes Jahr bekommt Agit dann seinen großen Kampf“, prophezeite Brown und nahm den Sieger des britischen Duells ins Visier. Sich davor bei einer freiwilligen Titelverteidigung „kaputt zu machen“, sei sinnlos, wenn ein finanziell attraktiver Kampf gegen einen Mann wie Hysa auf dem Tisch liegt.
Dem Geschäft sind die Social-Media-Scharmützel äußerst zuträglich gewesen. 35.000 Tickets seien bereits verkauft, jubilierte Warren, man habe die Kapazität in Düsseldorf wegen der hohen Nachfrage um 5000 auf 40.000 Plätze aufgestockt. „Agit Kabayel ist im Boxen einer der größten Zuschauermagneten der Welt“, sagte der 74-Jährige. Am 28. November werde Geschichte geschrieben.
Box-Weltmeister Kabayel feiert – und kündigt neues Ziel an
Wenn der „Leberking“ aus Bochum an jenem Samstagabend in den Ring der Düsseldorfer Arena steigt, wandelt er auf Wladimir Klitschkos Spuren. Der hatte 2015 an gleicher Stelle, am gleichen Tag, seine WM-Krone nach fast zehnjähriger Dominanz an Tyson Fury verloren. 55.000 Zeugen vor Ort und neun Millionen bei RTL sahen entsetzt zu. „Ich war damals als Zuschauer und Fan im Stadion“, erinnerte sich Kabayel an Klitschkos schwarzen Novemberabend vor elf Jahren. „Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich auch mal im Stadion boxe, hätte ich das nie geglaubt. Es ist unbeschreiblich.“
Promoter stellt Vereinigungskampf in Aussicht
Der 34-Jährige aus dem Ruhrpott hat lange malocht, um an die Spitze zu gelangen. Anders als Hysa räumte er auf seinem Weg zum WM-Titel mehrere Top-Ten-Gegner in Bulldozer-Manier aus dem Weg. Ende Juni stufte ihn der WBC vom Interims- zum vollwertigen Weltmeister hoch, weil Schwergewichts-König Oleksandr Usyk den grün-goldenen Gürtel niedergelegt hatte. Hysa soll nicht mehr eine Durchgangsstation sein. Kabayels Ziel ist es, die Titel aller anerkannten Verbände zu vereinen. „Der Sieger dieses Kampfes wird nächstes Jahr einen Vereinigungskampf bestreiten“, versprach Strippenzieher Warren, der neben WBO-Weltmeister Dubois auch IBF-Titelträger Filip Hrgovic aus Kroatien in seinem Stall hat. Zunächst erlebe Düsseldorf aber einen „großartigen Kampf. Diese beiden können hauen.“

Wie hart Nelson Hysa wirklich haut, ist eine Unbekannte. Die stolze K.o.-Quote von 92 Prozent ist angesichts seiner bis hierher bestenfalls drittklassigen Gegnerschaft wenig aussagekräftig. Dass Hysa wie einst Fury die Boxwelt schockt, ist so wahrscheinlich wie ein Zapfhahn Kölsch in Düsseldorf. „Wir werden am 28. November gleich zwei Partys feiern: meine WM-Party und unseren Unabhängigkeitstag“, versprach er seiner Anhängerschar freilich vollmundig. Ohne Unterstützung kommt Hysa nicht, auch er habe 6000 Tickets an den Mann gebracht, merkte Warren an. Am 28. November wird der albanische Adler auf rotem Grund im Auswärtsblock der Merkur-Spiel-Arena wehen. „Es werden mehr Albaner da sein, als Deutsche und Kurden“, fabulierte Hysa gar. „Ich bin stolz, meine Flagge zu sehen, zum ersten Mal bei einer Schwergewichts-WM. Ich komme, um zu zeigen, dass wir die Besten der Welt sind“.
Kabayel appelliert an heißblütige Fans
Kabayel, dessen Eltern einst aus Kurdistan nach Deutschland kamen, reagierte gelassen. „Ich muss zugegen: Nelson ist der bessere Trash Talker“, entgegnete er. „Ich bin aber zu 100 Prozent sicher, dass am Kampfabend mehr Kurden und Deutsche im Stadion sein werden.“ Statt auf den Putz zu hauen, appellierte der Weltmeister vorsorglich lieber an die heißblütigen Fanlager. „Lasst uns zeigen, wie zwei Kulturen zusammenhalten. Wir sind Gäste in Deutschland, sind ein Teil von Deutschland. Lasst uns entsprechend benehmen. Wir zwei klären das im Ring von Mann zu Mann. Auge um Auge, Zahn um Zahn – alles andere ist unwichtig.“
Über seinen Herausforderer verlor Kabayel kaum ein Wort. „Ich schaue nicht auf den Gegner, ich muss meine Leistung bringen. Der härteste Gegner meiner ganzen Karriere bin ich selbst.“ Auf eine Prognose verzichtete der WBC-Champion. Die gab dafür Manager Brown ab. Von ntv.de auf die boxerische Qualität Hysas angesprochen, erwiderte der Brite nur zwei Worte: „Drei Runden.“
Verwendete Quelle: ntv.de
