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Trumps Schatten fällt bis Bogotá: Jaguar, Tiger und Taube: Warum Kolumbien nicht antiamerikanisch sein kann

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 30, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Trumps Schatten fällt bis BogotáJaguar, Tiger und Taube: Warum Kolumbien nicht antiamerikanisch sein kann

30.05.2026, 16:52 Uhr

Ein Gastbeitrag von Kristin Wesemann
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100 Prozent: Umfragen sehen Iván Cepeda für den ersten Wahlgang zwar vorn, aber ganz so hoch wird sein Ergebnis wohl nicht ausfallen. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Wenn in Kolumbien ein neuer Präsident gewählt wird, geht es auch um das Verhältnis zu den USA: Soll es konfrontativ sein oder partnerschaftlich? Wobei ein genauerer Blick zeigt, dass die Konfrontation auch aus Show besteht.

Kolumbien steht kurz vor der Wahl eines neuen Staatsoberhaupts. Die erste Runde der Präsidentschaftswahl findet an diesem Sonntag statt, die zweite am 21. Juni. Der Wahlkampf wirkt wie ein Kampf politischer Tiere – manche sprechen gar vom „Zoo der kolumbianischen Politik“.

Präsident Gustavo Petro, ein früherer Guerillero, inszeniert sich seit Jahren als „Jaguar“ des linken Lateinamerikas: stolz, unberechenbar und rhetorisch kaum weniger konfrontativ als US-Präsident Donald Trump. Antiwestliche und antiamerikanische Töne gehören zu seinem politischen Markenzeichen.

Als Nachfolger hat er Iván Cepeda auserkoren. Der frühere Kommunist, der sich heute als „Progressiver“ bezeichnet, liegt in den Umfragen vorn, ein eigenes Tier hat er sich bislang allerdings noch nicht ausgesucht.

Tiger und Taube

Sein schärfster Rivale ist der liberal-konservative Anwalt und Selfmademan Abelardo de la Espriella. Er bezeichnet Cepeda als „Hyäne“, die aus dem Schatten heraus operiere. Sich selbst stilisiert de la Espriella als Tiger: ein Raubtier, das Zähne zeigt, brüllt und seine Klauen benutzt, um das Vaterland gegen Kommunisten, Kriminelle und gesellschaftlichen Verfall zu schützen.

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Iván Cepeda kandidiert als Wunschnachfolger des scheidenden Präsidenten. (Foto: picture alliance / Anadolu)

Die dritte ist Paloma, die Taube. Die Präsidentschaftskandidatin Paloma Valencia galt früher als rechts, ist im Rennen um die Präsidentschaft aber in die politische Mitte gerückt.

Über allen aber kreist derselbe Akteur: der amerikanische Adler. Donald Trump steht nicht auf dem Wahlzettel, beeinflusst die politische Stimmung im Land aber stärker als Moskaus Propaganda oder Pekings Infrastrukturprojekte.

Eine zentrale Erkenntnis des Wahljahres lautet: In Kolumbien kann es sich praktisch niemand leisten, dauerhaft antiamerikanisch zu sein, nicht mal Gustavo Petro.

Genau das zeigte sich Anfang des Jahres, als Petro nach Monaten der Eskalation und kurz nach der Gefangennahme des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro plötzlich den direkten Draht zu Donald Trump suchte. Dabei hatte Petro noch im vergangenen Herbst bei einem Pro-Palästina-Protest in New York amerikanische Soldaten aufgefordert, Trump den Gehorsam zu verweigern. Vor den Vereinten Nationen sprach er von einem „Genozid in Gaza“, kritisierte Washingtons Migrationspolitik und nannte Maduros Festnahme eine imperiale Intervention.

„Totaler Frieden“ hat die Sicherheitslage nicht verbessert

Trump reagierte, indem er Petro persönlich für den Drogenhandel verantwortlich machte und gegen Kolumbien, den weltweit größten Kokainproduzenten, sogar militärische Optionen ins Spiel brachte. In Lateinamerika hört man stets genau hin, wenn Trump verbal angreift. Für Petro und die lateinamerikanische Linke sind solche Drohungen aber immer auch politisches Kapital. Kaum etwas mobilisiert die eigene Basis so zuverlässig wie die Konfrontation mit Washington.

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Abelardo de la Espriella inszeniert sich als Tiger. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Und darin liegt das Paradox dieses Wahlkampfs: Trotz aller Anti-Trump-Rhetorik gibt es in Kolumbien keine ernsthafte geopolitische Alternative zu den Vereinigten Staaten. Entsprechend nervös blickt die Region – und zunehmend auch der Westen – auf die Wahl. Denn mit Iván Cepeda als Petros Nachfolger könnte sich ein Kurs verstetigen, zu dem auch die Politik des „totalen Friedens“ gehört; also einer Politik, die auf Verhandlungen mit Rebellen und kriminellen Gruppen setzt.

Seit ihrer Einführung ist die Sicherheitslage im Land eskaliert. Bewaffnete Gruppen, Guerillas, Drogenkartelle und kriminelle Netzwerke breiten sich in vielen Regionen nahezu ungehindert aus. Oft lässt sich kaum noch sagen, wo Ideologie endet und organisierte Kriminalität beginnt. Kokainanbau, illegale Goldminen, Raubbau an seltenen Erden und Schutzgelderpressung prägen weite Teile des Landes. Auch politische Anschläge und Bedrohungen gegen Kandidaten nehmen wieder zu, zuletzt wurden zwei Wahlkampfmanager von Abelardo de la Espriella getötet.

Trumps Schatten reicht in jedem Fall bis Bogotá

Sollte sich die Lage in Kolumbien weiter verschärfen, dürfte auch der Druck aus den USA wachsen. Genau das zeigte sich bereits Anfang des Jahres. Nach Wochen scharfer Anti-USA-Rhetorik suchte Petro plötzlich den direkten Draht zu seinem Amtskollegen in Washington. Nach einem überraschend langen Telefonat gab sich Petro demonstrativ versöhnlich und erklärte, Kolumbien könne nun „wieder ruhig schlafen“. Anschließend postete er auf X ein Foto, auf dem sich ein Jaguar an einen amerikanischen Weißkopfseeadler kuschelt. Der Jaguar hatte begriffen, dass selbst der lauteste Antiamerikanismus in Kolumbien an geopolitische Grenzen stößt.

Die Frage ist deshalb nicht, ob Washington Einfluss auf Bogotá nehmen wird, sondern wie. Auf Einladung und in enger Partnerschaft, wie es die Oppositionskandidaten Paloma Valencia und Abelardo de la Espriella anstreben. Oder eher konfrontativ und unfreiwillig, wie es unter Iván Cepeda wohl der Fall wäre.

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Paloma Valencia wirbt für eine enge Anlehnung an Washington. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Der „Tiger“ de la Espriella pflegt engste Kontakte nach Washington und in die Republikanische Partei. Seit 2023 besitzt er nach eigenen Angaben die Staatsbürgerschaft der USA, auch seine vier Kinder sind in den Vereinigten Staaten geboren. An Cepeda gerichtet erklärte er, sollte seiner Familie etwas zustoßen, bekämen die Verantwortlichen es mit den USA zu tun. Angesichts der eskalierenden Sicherheitslage fordert er einen neuen „Plan Colombia“ – jenen milliardenschweren Militärpakt, mit dem die USA einst geholfen hatten, die FARC-Guerillas zurückzudrängen und die staatliche Kontrolle in vielen Regionen wiederherzustellen.

Auch Paloma Valencia steht klar für die enge Allianz mit den Vereinigten Staaten. Sie warnt seit Jahren davor, Kolumbien außenpolitisch von Washington zu entfremden.

Den ersten Wahlgang dürfte Cepeda gewinnen

Cepeda selbst hält sich im Wahlkampf mit direkten Angriffen auf die USA oder Trump zurück, steht sicherheitspolitisch aber klar für die Fortsetzung von Petros „totalem Frieden“.

Kolumbiens Wahlkampf wirkt längst nicht mehr wie ein gewöhnlicher Machtkampf zwischen links und rechts. Es geht um die Zukunft eines Landes, das zwischen Nord- und Südamerika, zwischen Atlantik und Pazifik zu einem geopolitischen Schlüsselstaat geworden ist – für Sicherheit, Migration und die Kontrolle illegaler Handelsströme. Genau deshalb blickt Washington so aufmerksam auf diese Wahl. Der Jaguar hat den Adler provoziert. Der Tiger sucht seine Nähe. Die Taube setzt auf die bewährte Allianz. Und Cepeda wartet auf seine Chance.

Den Umfragen zufolge gewinnt Cepeda den ersten Wahlgang. Offen ist, ob er in der Stichwahl auf Paloma Valencia oder Abelardo de la Espriella trifft. In der zweiten Runde dürfte es für Cepeda eng werden. Beide Oppositionskandidaten wollen dann den jeweils anderen unterstützen. Doch egal, wer am 7. August 2026 in die Casa de Nariño einzieht: An Washington führt in Kolumbien bis heute kein Weg vorbei.

Die Autorin: Dr. Kristin Wesemann leitet das Auslandsbüro Kolumbien der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bogotá. Zuvor war sie für die CDU-nahe Stiftung unter anderem in Buenos Aires und Montevideo tätig.

Quelle: ntv.de

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