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Startseite»Politik»Umstrittene Polizeieinsätze: Tot nach Fixierung?
Politik

Umstrittene Polizeieinsätze: Tot nach Fixierung?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 28, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Exklusiv

Stand: 28.08.2026 • 14:40 Uhr

In Mülheim stirbt ein Mann nach einem Polizeieinsatz. Auswertungen von Videoaufnahmen, die MONITOR vorliegen, legen nahe, dass ungerechtfertigte Polizeigewalt und eine gefährliche Fixierungstechnik zu seinem Tod geführt haben könnte.

Von Selome Abdulaziz und Greta Stangner, WDR

Es ist der Abend des 6. Januar 2024. Ibrahima Barry, 26 Jahre alt, lebt in einer Geflüchtetenunterkunft in Mülheim, Nordrhein-Westfalen. An diesem Abend soll sich Barry in einer psychischen Ausnahmesituation befinden, in seinem Zimmer geschrien haben. Der Sicherheitsdienst der Unterkunft ruft die Polizei.

Einige Momente später endet das Leben von Barry. Was davor offenbar passiert ist, zeigt die Aufbereitung von Bodycam-Aufnahmen durch die Rechercheagentur Forensis, die MONITOR exklusiv vorliegen. Spezialisten haben die Aufnahmen stabilisiert, synchronisiert und mithilfe von 3D-Modellen rekonstruiert. So lässt sich nachvollziehen, was in den letzten Minuten von Barrys Leben passiert ist.

Barry kollabiert nach Fixierung in Bauchlage

Auf den Bildern ist zu sehen, wie die zur Beruhigung der Lage herbeigerufenen Polizeibeamten in das Zimmer von Barry stürmen und ihn zu Boden ringen. Barry reißt sich los, wird getasert, dann brechen die Aufnahmen der ersten Bodycam ab. Aufnahmen einer weiteren Bodycam zeigen Barry wenig später auf dem Bauch liegend, Hände und Füße hinter dem Rücken gefesselt. In dieser Position bleibt er nach der Analyse von Forensis mindestens zwölf Minuten, während mindestens zwei Polizisten Druck mit Knien und Füßen auf Barrys Rücken ausüben.

Wenig später kollabiert Ibrahima Barry und wird mit Herz-Kreislauf-Stillstand ins Krankenhaus gebracht. Er stirbt noch in derselben Nacht. Die Obduktion ergibt später, dass Barry Kokain konsumiert hatte. Und es wurde zudem eine Übersäuerung des Blutes festgestellt – ein Befund, der zu einem sogenannten lagebedingten Erstickungstod passen würde.

Gefahr des Erstickungstodes

Der Notarzt Peter Roos forscht seit Jahren zum Erstickungstod von Menschen durch Fixierung in Bauchlage und warnt: „Es ist ein Unterschied, wenn man die Hände nach vorne nehmen kann, den Brustkorb entlasten und durchatmen, oder ob man so flach auf dem Boden liegt.“ Durch diese Position werde in der Folge die Atmung behindert, auch der Rückstrom des Blutes zum Herzen werde abgedrückt, Muskeln produzierten viel Milchsäure, was zu einer Übersäuerung des Blutes führe, so Roos.

Eine Gefahr, die die Beamten eigentlich kennen müssten. MONITOR liegt ein Merkblatt der Polizei NRW vor, das zeigt: Schon in der Ausbildung von Polizeibeamten wird ausdrücklich vor einem Erstickungstod durch Sauerstoffmangel bei einer Fixierung in Bauchlage gewarnt wird. Die Bauchlage solle deshalb nach der Fesselung möglichst umgehend aufgehoben werden.

Auf den Bodycam Aufnahmen des Einsatzes in Mühlheim, bei dem Ibrahima Barry gestorben ist, ist davon nichts zu sehen. Nur ein einziges Mal weist einer der Beamten eine Polizistin darauf hin, mit dem Knie von Barrys Lunge zu gehen. Die Forensis-Expertin Phoebe Walton bewertet das Verhalten der Polizisten gegenüber MONITOR als „entmenschlichend“: „Sie behandeln ihn nicht wie jemanden, der Hilfe benötigt.“

Neun Polizisten wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt

Die Polizei Essen verweist auf Anfrage auf ein Verfahren vor dem Landgericht Duisburg. Neun Polizisten sind dort angeklagt – bislang wegen gefährlicher Körperverletzung. Die Angehörigen von Barry hoffen, dass mithilfe der Bodycam-Auswertungen nun auch geklärt wird, ob die Fixierung tatsächlich zu dessen Tod geführt hat.

Notarzt Roos ist überzeugt, dass es immer wieder zu ähnlichen Fällen durch die Fixierung in Bauchlage kommt, die aber nicht systematisch ausgewertet würden: „Dadurch, dass das so viele Einzelfälle sind, die nie zu einem Ganzen zusammengefügt werden, denkt man, es sind Einzelfälle. Erst wenn sie zusammengefügt werden, sieht man, da ist ein Muster dahinter.“

Ein Muster? Verlässliche bundesweite Zahlen gibt es nicht. Trotzdem kommt es immer wieder zu Fällen, in denen Menschen nach einer Fixierung in Bauchlage sterben oder schwer geschädigt werden.

Fall von Kölner Erzieher sorgt für Aufsehen

Zuletzt sorgte der Fall des Kölner Erziehers Pedro Corona bundesweit für Aufsehen. Auch er war in einer psychischen Ausnahmesituation, wurde in seiner Wohnung von der Polizei überwältigt und zu Boden gebracht. Dort wehrte sich Corona und wurde anschließend in Bauchlage fixiert. Ähnlich wie bei anderen Fällen war auch Corona wenig später im Beisein von Rettungskräften kollabiert, musste nach einem Herzstillstand reanimiert werden. Heute ist Corona schwerstbehindert.

Laut Entlassungsschreiben der Klinik sei es bei Corona zu einer „Hypoxie unter Fixierungsmaßnahme“ gekommen, also einem Sauerstoffmangel während der Fixierung gekommen. Das habe demnach zu einem Herz-Kreislauf-Stillstand geführt.

Für den Polizeiwissenschaftler Thomas Feltes ein weiteres Beispiel für unverhältnismäßiges Anwenden einer Fixierung in Bauchlage: „Ich muss gestehen, dass ich in meiner Erfahrung mit dem lagebedingten Erstickungstod – und die erstreckt sich auf über 30 Jahre – eine solche Kumulation von Fehlverhalten von Polizei, aber auch Rettungskräften, noch nie gesehen habe.“

Reul lehnt Verbot der Fixierungstechnik ab

Meldungen und Fälle, die sich ähneln. Was aber ist die Konsequenz daraus? NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagt dazu im Interview mit MONITOR: „Fragen Sie mich nicht, ich weiß es nicht. Ich kann es auch nicht beantworten, weil die Lage ist klar, die Anweisung ist auch klar, die Ausbildung ist auch klar, glasklar. Es gibt immer so ein Restrisiko von Fehlerhaftigkeit, die Menschen innehaben, und es kann sein, dass Menschen Fehler machen.“

Eine Änderung der Anweisungen hält Reul für nicht erforderlich, ein Verbot der Fixierungstechnik lehnt er ab: „Aber nur im Rahmen dieser Vorschriften unter strenger Beobachtung der Regeln, weil es manchmal notwendig sein kann, nur so jemanden zur Ruhe zu bringen.“

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