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Unerzählte Geschichten: Frauen, die das Meer gefangen nahm

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 7, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Unerzählte GeschichtenFrauen, die das Meer gefangen nahm

07.06.2026, 12:18 Uhr Von Solveig Bach
Gertrude-Ederle-first-woman-to-swim-the-Channel-1926-1935-Miss-Gertrude-Ederle-1905-2003-the-young-American-swimmer-was-the-first-woman-to-swim-the-Channel-between-England-and-France-She-also-established-a-new-record-by-swimming-from-France-to-England-on-August-6-1926-in-14-hours-31-minutes-thus-beating-the-previous-record-by-about-two-hours-From-The-Silver-Jubilee-Book-The-Story-of-25-Eventful-Years-in-Pictures-Odhams-Press-Ltd
Gertrude Ederle bei ihrem historischen Rekord. (Foto: picture alliance / Heritage-Images)

Vergessene Heldinnen, tödliche Rache und der Kampf gegen männliche Zweifel: Kerstin Ehmer holt die vergessenen Frauen der Meere zurück ins Licht – von der Kanalbezwingerin bis zur Piratin, die selbst Könige erzittern ließ.

Wer war die erste Frau, die den Ärmelkanal durchquert hat? Was genau hat Elisabeth Mann-Borgese für das Seerecht getan? Welche Piratin versetzte König Philipp VI. mit ihrer Grausamkeit in Angst und Schrecken?

Es ist keine Schande, die Antworten nicht zu wissen, aber ein Vergnügen, sie zu suchen. Denn die Leerstellen über die klugen und unerschrockenen Frauen der Ozeane aus Wissenschaft, Kunst, Sport, Kultur und Mythologie sind so groß wie die Weltmeere. Die Autorin Kerstin Ehmer unternimmt mit ihrem Buch „Heldinnen der Meere“ einen Versuch, sie wenigstens etwas zu schließen.

Über Jahrhunderte waren Frauen an Bord großer Schiffe aus Gründen des Aberglaubens weitgehend verboten, obwohl es immer Frauen gab, die sich darüber hinwegsetzten. „Ihre Schicksale waren individuell, sie bildeten keine Bewegung, und viele von ihnen gerieten nach ihrem Tod rasch in Vergessenheit“, schreibt Ehmer im Vorwort.

Gegen viele Widerstände

In 16 Porträts, die sich an den Gegebenheiten der Meere orientieren, zeichnet sie Lebenswege und Verbindungen nach, die Frauen mit dem Strand, den küstennahen Gewässern, der hohen See und dem Meeresgrund eingegangen sind. Oft hatte sie das Meer gefangen genommen und „ihnen im Gegenzug die Freiheit geschenkt“.

Es war kein leicht gegebenes Geschenk, das wird immer wieder deutlich. So musste sich Gertrude Ederle, die als erste Frau 1926 den Ärmelkanal durchschwamm, nicht nur akribisch vorbereiten, ihren Kraul-Stil perfektionieren und ausdauernd schwimmen, sondern sich auch noch gegen Kälte, Strömungen und das mangelnde männliche Zutrauen in ihre Kraft zur Wehr setzen. Ihr erster Versuch scheiterte 1925, weil ihr Trainer den Versuch gegen ihren Willen abbrach.

Also startete sie 1926 erneut, dieses Mal zu ihren Bedingungen, mit einem neuen Team und ohne die Showelemente, die sie beim ersten Mal nur abgelenkt hatten. Ihrem Vater und der Crew hatte sie vorher ausdrücklich eingeschärft, sie nicht aus dem Wasser zu holen, solange sie das nicht selbst verlange. Nach rund 14 Stunden und 31 Minuten erreichte Ederle am 6. August 1926 vom Cap Gris-Nez bei Calais aus den Strand bei Kingsdown nahe Dover und wurde damit die erste Frau, die den Ärmelkanal durchschwamm. Sie war sogar mehr als zwei Stunden schneller als der bis dahin schnellste Mann. Ganz nebenbei erfand sie zusammen mit ihrer Schwester den Bikini und die Schwimmbrille.

Schutz und Grausamkeit

Elisabeth Mann-Borgese hätte vermutlich auch einfach als Tochter Thomas Manns durchs Leben gehen können. Doch auch Mann-Borgese entschied sich „für das Meer, und dieses schien sie von da an durchs Leben zu navigieren“. So wurde aus der Frau, die gern Konzertpianistin geworden wäre und schließlich eine Ausbildung zur Musiklehrerin machte, eine der zentralen Architektinnen des modernen internationalen Seerechts.

Ihr verdankt die Menschheit die Idee, dass die Ozeane im Völkerrecht nicht nur als Wirtschaftsraum, sondern als schutzwürdiges globales Gemeingut verstanden werden. Ihre Idee einer gerechten Nutzung der Meere basiert auf der tiefen Überzeugung, dass der Ozean das Eigentliche ist. Die Kontinente dagegen sind nur Inseln, „die auf dem Weltmeer treiben“, schrieb sie 1998 in ihrem Buch „Mit den Meeren leben“. Als Expertin für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der Meere lud der Club of Rome sie ein, das erste weibliche Mitglied zu werden.

Es gehört zu Ehmers Verdienst, dass sie Frauen wieder zum Leben erweckt, über die die Geschichte schon hinweggegangen zu sein scheint, wie Jeanne de Clisson. Die bretonische Adlige wurde nach der Hinrichtung ihres Mannes Olivier IV. de Clisson 1343 wegen angeblichen Hochverrats zur Piratin.

Über Jahre hinweg führte sie einen persönlichen und grausamen Rachefeldzug gegen den französischen König. Immer wieder griff sie mit ihrer Mannschaft vor allem französische Handels- und Kriegsschiffe im Ärmelkanal an. Die „Löwin der Bretagne“ soll von den Besatzungen der von ihr eroberten Schiffe immer nur ein bis zwei Mann am Leben gelassen haben, damit sie von den grausamen Angriffen berichten konnten.

Inspiration und Genuss

Auf mehr als 200 Seiten erzählt Ehmer die Geschichten dieser Frauen. Nicht immer gelingt es ihr, nicht in die Falle zu tappen, die Pionierinnen, Forscherinnen oder Avantgardistinnen mit den Männern zu erklären, denen sie verbunden waren. Faszinierend sind sie dennoch, die Göttinnen genauso wie die Self-Made-Wissenschaftlerinnen, die Schriftstellerinnen ebenso wie die Freibeuterinnen und Malerinnen, von der Antike bis ins heute.

Wie so oft beim Mare-Verlag ist auch das Buch selbst ein Genuss, die in blau-grau-weiß-Tönen gehaltenen Illustrationen von Astrid und Robert Nippoldt machen schon das Cover zu einem Ereignis und geben den einzelnen Kapiteln eine ganz eigene Schönheit. So bekommen die Frauen ein Gesicht und das Meer eine Tiefe, die es verlockend machen, hinabzutauchen.

Quelle: ntv.de

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