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Politik

Unfälle mit E-Scootern: „Jeder Helm ist eine Hilfe“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 18, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Interview

Stand: 18.08.2026 • 04:59 Uhr

Sie sind praktisch, schnell und unkompliziert auszuleihen: E-Scooter. Doch die Zahl der Unfälle in Deutschland steigt. Chirurg Michael Zyskowski erklärt, was die Roller gefährlich macht und welche Maßnahmen helfen könnten.

Angesichts einer steigenden Zahl von Unfällen mit E-Scootern gilt in Paris seit Kurzem eine Helmpflicht. Auch in Deutschland sind Unfälle mit E-Rollern ein wachsendes Problem: Die Polizei registrierte bundesweit im vergangenen Jahr laut Statistischem Bundesamt fast 16.500 E-Roller-Unfälle – im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von rund 38 Prozent.

Doch eine Helmpflicht gibt es hierzulande nicht. Im Interview mit tagesschau24 schildert der Unfallchirurg Michael Zyskowski, welche Folgen das haben kann und warum auch Prävention wichtig ist.

tagesschau24: Wenn jemand einen schweren Unfall hat, landet er unter anderem auch bei Ihnen auf dem Operationstisch. Mit was für Verletzungen haben Sie am meisten zu tun?

Michael Zyskowski: Es gibt zwei unterschiedliche Fraktionen der Unfälle. Wir haben auf der einen Seite die nüchternen Fahrenden untertags, die kommen mit klassischen Verletzungen wie beim Fahrradfahren. Sie brechen sich das Schlüsselbein, den Radiuskopf, das Handgelenk, weil sie noch reaktionsfähig sind und versuchen, sich abzufangen.

Die zweite Entität der Verletzungen sind die Nachtfahrenden, betrunken Fahrenden, die vielleicht ungeübt sind. Die Reaktionsgeschwindigkeit ist nicht mehr die gleiche wie im nüchternen Zustand. Und die fallen schon beim kleinsten Hindernis Kopf über nach vorne, schaffen es nicht, sich abzurollen und landen wirklich hart mit dem Kopf auf dem Asphalt. Sie brechen sich das Gesicht, holen sich schwere Hirnverletzungen, brechen sich den Kopf und bekommen Hirnblutungen.

„Der E-Scooter ist per se instabil“

tagesschau24: Warum sind E-Scooter-Fahrer so viel mehr gefährdet als zum Beispiel Motorrad- oder Radfahrer? Das sagt eine Studie in Großbritannien.

Zyskowski: Das Problem ist, dass der E-Scooter per se instabil ist. Wir haben relativ kleine Räder, eine ganz kleine Standfläche und einen sehr hohen Schwerpunkt.

Das nächste ist: Ich habe mit drei, vier Jahren Fahrrad fahren gelernt. Der E-Scooter stand 2019 plötzlich in der freien Wildbahn und wir haben keine Bewegungserfahrung damit. Aus dem Nichts haben wir ein Gerät unter uns stehen, das 20 km/h fährt, einen sehr hohen Schwerpunkt hat, kleine Räder hat, die nicht über kleine Hindernisse locker drüber rollen wie ein großes Fahrrad und dementsprechend stürze ich.

Im Vergleich zum Motorrad muss man dazu sagen, ich sehe keinen Motorradfahrenden ohne Helm. Das heißt, hier ist allein schon der Kopf anders geschützt.

Studie zu Verletzungen auf E-Scootern

E-Scooter-Fahrer ziehen sich bei Unfällen einer Studie zufolge deutlich häufiger Kopfverletzungen und Schädigungen innerer Organe zu als Motorrad- oder Fahrradfahrer. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Fachjournal „Scientific Reports“ veröffentlichte britische Studie. Sie hat die Daten des nationalen Traumaregisters (aus dem Zeitraum 2020 bis 2022) und Berichte eines Leihanbieters aus 18 Städten in England und Wales (aus dem Zeitraum 2020 bis 2024) analysiert.

Demnach ist das relative Risiko für ein Schädel-Hirn-Trauma bei E-Scooter-Unfällen 3,45-mal höher als bei Motorradfahrern und 1,74-mal höher als bei Radfahrern. Auch das Risiko für Verletzungen innerer Organe (1,46-mal höher) und Gefäßtraumata (3,24-mal höher) übersteigt das von Motorradfahrern deutlich, während das Risiko für Knochenbrüche im Vergleich geringer ausfällt.

Ein Hauptgrund für die schweren Kopfverletzungen ist der Studie zufolge die mangelnde Schutzausrüstung. Während 75,7 Prozent der Motorradfahrer und 45 Prozent der Radfahrer einen Helm trugen, lag dieser Anteil bei E-Scooter-Fahrern im Traumaregister bei lediglich 5,9 Prozent. In den Daten des Leihanbieters trugen sogar nur 0,77 Prozent der Nutzer einen Helm.

„Ein Helm mildert die Unfallfolgen“

tagesschau24: Motorradfahrer sind durch ihren Helm im Gesicht so gut wie komplett geschützt. Was für einen Helm braucht es für E-Scooter-Fahrer?

Zyskowski: Wir wissen, dass der Helm per se den Unfall nicht verhindert. Aber er mildert die Unfallfolgen. Das heißt, die Biomechanik des Helms verhindert die schwere Hirnverletzung, die schwere Schädelfraktur. Das ist schon mal ein riesiger Pluspunkt des Helms. Natürlich ist der normale Fahrradhelm nicht geschaffen, um auch das Gesicht zu schützen. Hier ist die Problematik, nicht jeder hat einen Vollvisierhelm.

Nichtsdestotrotz ist allein schon der Knochen gut heilbar. Den kann man auch bei einer Mittelgesichtsfraktur operativ versorgen. Und wir wissen, der wird so und so heilen. Die Hirnverletzung per se, das schwere Schädelhirntrauma, die Hirnblutung können wir aber wirklich nur schwer einschätzen, wie die Langzeitfolgen sind. Darum ist jeder Helm in dem Fall eine Hilfe.

„Bei E-Scootern ist die Prävention das Um und Auf“

tagesschau24: Was könnte man noch präventiv machen? Beim Motorradfahren gibt es ja zum Beispiel Sicherheitskurse.

Zyskowski: Wir sollten den Fahrenden, vor allem den Jugendlichen klar machen, ihr müsst das vorher üben, ihr müsst das Gerät beherrschen. Ihr solltet euch an Grundregeln halten, wie mit beiden Händen fahren, nicht einhändig fahren. Nachdem das Ding instabil ist, kann ich mit einer Hand kein Zeichen geben. Darum ist zum Beispiel die Lösung mit einem verpflichteten Blinker eine irrsinnig gute, weil ich beide Hände am Lenker haben werde.

„Das ist ein ernstzunehmendes Verkehrsmittel“

tagesschau24: Welche Rolle können die Leihanbieter spielen?

Wir können jeden, der sich ein Leihgerät mietet, enorm gut beobachten. Das heißt, wir können schauen, wie viele Kilometer hat der schon zurückgelegt am Scooter. Wenn er eine gewisse Kilometeranzahl hat, erst dann fährt das Ding 20 km/h und davor lassen wir nur 15 km/ fahren. Das wäre eine Lösung, den Impact und die Geschwindigkeit auf den Kopf, die beim Unfall passieren könnte, deutlich zu reduzieren.

Ein Andenken, wie es der Deutsche Verkehrsrat sich überlegt, einen Führerschein einzuführen, ist relativ sympathisch. Da muss man schauen, wie das mit dem Gesetzgeber korreliert und umsetzbar ist.

Und als nächstes eine ganz dezidierte Verleihoption: Wenn man leiht, muss man sich zum Beispiel eine halbe Stunde einen Belehrungskurs anschauen. Was sind die Verkehrsregeln? An was muss ich mich halten? Die wenigsten wissen, dass sie nur am Radweg fahren dürfen oder auf der Straße. Die wenigsten kennen die Verkehrsregeln. Wenn ich was mit 18 miete und keinen Führerschein gemacht habe, muss ich mich ja trotzdem an die Regeln halten. Das ist ein ernstzunehmendes Verkehrsmittel, wie ein Lkw, wie ein Auto.

Hier müssen wir wirklich dezidiert in die Ausbildung und Weiterbildung der Leute gehen, damit die klipp und klar wissen, wie verhalte ich mich und was ist zu tun. Und auch ein Training ist richtig und gut zu machen.

Das Gespräch führte Bernd Rasem. Für die schriftliche Fassung wurde das Interview angepasst.

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Dr. Heinrich Krämer
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