Im August 2018 stürzte in Genua die Morandi-Brücke ein. Die Bilder davon sorgten weltweit für Entsetzen. Wer ist verantwortlich für das Unglück, bei dem 43 Menschen starben? Heute soll in erster Instanz ein Urteil fallen.
Genua, 14. August 2018, 11:36 Uhr. Es stürmt, es gewittert, es regnet in Strömen. Ein grüner Kleinlaster fährt auf die Morandi-Brücke, Richtung Innenstadt. Ein anderes Auto überholt ihn, schert vor ihm ein, der Fahrer des Kleinlasters bremst.
Plötzlich ist das Auto weg, in die Tiefe gestürzt, zusammen mit einem Teil der Brücke. In italienischen Medien werden später Videos von Augenzeugen kursieren, die nicht glauben können, was sie da filmen.
Der Fahrer des Kleinlasters (links im Bild – am Rand des Brückenrests) konnte sich zu Fuß in Sicherheit bringen (Foto vom 14.08.2018).
„Er hat geschrien: lauft!“
Der Fahrer des Kleinlasters fährt ein paar Meter rückwärts, springt aus dem Wagen, flüchtet zu Fuß – in Sicherheit. Sein grüner Kleinlaster bleibt auf dem Brückenrest stehen, noch tagelang. Er wird zum Symbol des Einsturzes.
Dieser Fahrer ist nicht der Einzige, der sich retten kann – auch andere Menschen auf der Brücke kommen mit dem Schrecken davon und berichten darüber später Zeitungen und Fernsehsendern aus aller Welt.
„Wir haben versucht, rückwärts zu fahren, ich war schon 600 Meter weit auf der Brücke“, berichtet eine Frau. „Und dann habe ich einen Typen gesehen, der viel intelligenter und geistesgegenwärtiger war als ich: Er ist aus dem Auto ausgestiegen und hat geschrien: lauft!“ Alle hätten dann ihre Autos stehen gelassen und seien losgerannt, erzählt sie.
Ex-Fußball-Profi überlebt Sturz nahezu unverletzt
Ich bin nach Genua gefahren, und als ich über die Brücke bin, habe ich plötzlich gesehen, dass sie vor mir zusammenbricht. Und auch mein Auto und ich sind nach unten gestürzt. Ich bin dann mit dem Auto an einem Pfeiler hängen geblieben, ich weiß es nicht genau. Deshalb bin ich nicht nach ganz unten gefallen.
Davide Capello, ehemaliger Profi-Fußballer, überlebt den Sturz Dutzende Meter in die Tiefe so gut wie unverletzt. Andere haben weniger Glück: Insgesamt 43 Menschen sterben.
Brücke ins Nichts: So ragten die Überreste der Ponte Morandi nach dem Einsturz in die Landschaft (Foto vom 15.08.2018).
„Es wäre ein einziges Grab geworden“
Tagelang suchen Rettungskräfte mit schwerem Gerät nach Überlebenden in den Trümmern. Und: Unter dem einsturzgefährdeten Brückenrest stehen Häuser – Häuser, die die Bewohner dann verlassen müssen, sie können dort nicht mehr wohnen.
Giuseppe Rodinò war einer von ihnen. Er erinnerte sich einige Zeit nach dem Unglück an das Warten, die Unsicherheit. An das schlechte Gewissen, sich entwurzelt, als Opfer zu fühlen, während doch andere Menschen gestorben waren, Angehörige oder Freunde verloren hatten. Und an das Wissen, wie knapp sie am Tod vorbeigeschrammt waren:
Der einzige Brückenbogen über dem Fluss ist zusammengebrochen. Und das war ein sehr, sehr großes Glück für uns – leider nicht für die, die gestorben sind. Wenn die Schrägseile über unseren Häusern gebrochen wären – die waren nur 30 Meter entfernt von der Stelle, an der die Brücke zusammengebrochen ist – dann wäre alles auf unsere Häuser gestürzt. Es wäre ein einziges Grab geworden.
2020 wurde die neue San-Giorgio-Brücke in Genua fertiggestellt – sie wurde in nur knapp zwei Jahren entworfen und gebaut.
Neue Brücke in Rekordzeit entstanden
Der Einsturz der Morandi-Brücke hat Genua, hat Italien tief getroffen. Nicht umsonst wurde in Rekordzeit eine neue Brücke gebaut: Nur knapp zwei Jahre hat das gedauert, bei der Planung und beim Bau wurde geltendes Recht außer Kraft gesetzt. Das Brückenprojekt sollte ein Symbol werden für das Wiederauferstehen Italiens.
Eine Frage bleibt: Wer trägt die Schuld an diesem Unglück, an dem Tod der 43 Menschen? 57 Angeklagte stehen vor Gericht, die meisten der Hauptangeklagten haben für die Betreibergesellschaft der Brücke, die Autostrade per l‘Italia, gearbeitet.
Aber auch einem Angestellten des Infrastruktur-Ministeriums droht eine langjährige Haftstrafe. Rund acht Jahre nach dem Einsturz soll jetzt das Urteil in erster Instanz fallen. Doch die Aufarbeitung dürfte damit nicht zu Ende sein. Es gilt als sicher, dass sich dieser Prozess durch alle Instanzen ziehen wird.

