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Politik

Warum das Worst-Case-Szenario vom Weltklimarat angepasst wurde

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 26, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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faktenfinder

Stand: 26.05.2026 • 09:58 Uhr

Im neuen Sachstandsbericht des Weltklimarats wird das Katastrophenszenario angepasst, da eine Erderwärmung von 4,8 Grad mittlerweile als unrealistisch gilt. Das wird von einigen genutzt, um den Klimawandel zu verharmlosen.

Von Carla Reveland, ARD-faktenfinder, Jennifer Sieglar, hr, und Pascal Siggelkow, ARD-faktenfinder

„Endlich sind sie weg! Nachdem die Dummokraten 15 Jahre lang versprochen haben, dass der ‚Klimawandel‘ den Planeten zerstören würde, hat der oberste Klimarat der Vereinten Nationen gerade zugegeben, dass seine eigenen Prognosen (RCP8.5) FALSCH waren! FALSCH! FALSCH!“ – Mit diesen Worten zitiert der offizielle Kanal des Weißen Hauses den US-Präsidenten Donald Trump zu einer wissenschaftlichen Veröffentlichung von Klimaforschern, in dem neue Klimaszenarien vorgestellt werden. Dadurch wird das Worst-Case-Szenario RCP8.5 beziehungsweise SSP5-8.5 durch ein anderes Szenario ersetzt.

Auch einzelne Medienberichte greifen dies auf und berichten ähnlich. So titelt die BILD-Zeitung etwa: „Prognosen völlig falsch! Klimaforscher streichen ihr schlimmstes Angst-Szenario“ oder „Klimawandel ist also doch kein Weltuntergang“ und die „Welt“ schreibt: „Die Apokalypse fällt aus“.

Auf Antrag der AfD Bundestagsfraktion wurde das Thema auch im Bundestag besprochen. Die AfD sprach dort vom „Ende des größten Betrugs der Menschheit“. Dabei sind die Hintergründe jedoch anders, als mitunter behauptet wird.

Anpassung ist „normaler wissenschaftlicher Vorgang“

Bei den Klimaszenarien des IPCC handelt es sich um verschiedene Szenarien, die helfen sollen, einzuschätzen, wie sich die Erderwärmung unter verschiedenen Voraussetzungen entwickeln könnte. Für die siebte Phase des „Coupled Model Intercomparison Project“ (CMIP7) werden aktualisierte Szenarien vorgeschlagen.

Professor Elmar Kriegler vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung ist einer der Mitautoren der wissenschaftlichen Arbeit, in der die aktualisierten Szenarien vorgeschlagen wurden. Er betont im Gespräch mit der ARD-Klimaredaktion, dass Klimaszenarien keine Vorhersagen seien. Stattdessen gehe es darum, plausible Entwicklungen durchzuspielen zwischen einem Worst-Case, einem schlimmsten Fall, in dem die CO2-Emissionen stark steigen und einem Best-Case, einem besten Fall also, bei dem beispielsweise durch konsequenten Klimaschutz die Emissionen gleichbleiben oder sogar sinken. Außerdem gibt es noch mittlere Szenarien. Insgesamt sind es vier.

Dass diese Szenarien regelmäßig angepasst werden, ist ein normaler wissenschaftlicher Vorgang, der den fortschreitenden Kenntnisstand und aktuelle Entwicklungen widerspiegelt. Die Überarbeitung von solchen Klimaszenarien geschieht etwa alle sieben bis zehn Jahre und bezieht in diesem Fall beispielsweise ein, dass Erneuerbare Energien seit rund 10 Jahren massiv billiger geworden sind und dass das Pariser Abkommen global Klimaschutzpolitik angeregt hat.

Das RCP8.5-Szenario wurde erstmals vor mehr als 15 Jahren vor Verabschiedung des Pariser Klimaschutz-Abkommens entwickelt. Damals war eine Renaissance der Kohle nicht auszuschließen. Es wurde nicht entwickelt, weil man es für die wahrscheinlichste Zukunft hielt, sondern um einen damals plausiblen, extremen Risikopfad („Worst-Case“) analysieren zu können. Solche Szenarien helfen abzuschätzen, welche Folgen sehr hohe Emissionen für das Klima hätten.

Auch Best-Case nicht mehr plausibel

Die Forscher, zu denen auch Kriegler gehört, haben aber nicht nur das Worst-Case-Szenario angepasst, sondern auch das Best-Case-Szenario, bei dem eine Erderwärmung von unter 1,5 Grad skizziert wurde. Dieses sei nämlich auch nicht mehr plausibel, da eine so geringe Erderwärmung nicht mehr erreicht werden könne. Das neue, mittlere Szenario, bei dem eine Entwicklung skizziert wird, in der so weitergemacht wird wie bisher, geht von einer Erderwärmung von 2,8 Grad bis zum Jahr 2100 aus.

Das ist noch immer viel zu viel, sagen Klimaforscher wie Niklas Höhne, Mitbegründer des New Climate Institutes. Dass der Klimawandel wegen der Anpassung der Szenarien also, wie von anderen Medien geschrieben „kein Weltuntergang mehr“ sei, sehe die weltweite Klimaforschung anders: „Aus meiner Sicht ist es unverantwortlich und auch durchschaubar, dass hier Klimaleugner, die extrem rechten Medien oder eben auch die Trump-Administration diesen Vorgang für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Das finde ich extrem schwierig und macht mich geradezu wütend. Die Anpassung der Klimaszenarien ist ein normaler wissenschaftlicher Vorgang.“

Dass das Worst-Case-Szenario nach unten angepasst wurde, zeige laut Höhne: Klimaschutz hat gewirkt. Die Erneuerbaren Energien seien jetzt so stark, dass ein unendliches Wachstum der fossilen Energien ausgeschlossen werden könne. „Früher war das tatsächlich wahrscheinlich, weil es keine Alternativen zu den fossilen Energien gab. Die Wissenschaft lag also nicht falsch oder hätte gar Hysterie verbreitet. Die Wissenschaft hat mögliche zukünftige Entwicklungen an die geänderte Realität angepasst“, so Höhne.

Keine Entwarnung

Dass weiterhin konsequent weltweit Klimaschutz betrieben werden muss, sagt auch Douglas Maraun, Leiter der Forschungsgruppe Regionales Klima, Professor am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Karl-Franzens-Universität Graz in Österreich. „Jetzt in manchen Zeitungsartikeln zu behaupten, dass der Klimawandel also nicht so schlimm sein wird und deshalb keine Klimaschutzmaßnahmen nötig seien, ist aber ein trauriges Beispiel für das Präventionsparadox“, sagt Maraun.

„Das Worst-Case-Szenario gilt nicht als unplausibel, weil die Klimaforschung das Klimasystem nicht richtig verstanden hat, sondern weil es nur bei anhaltender großer politischer Dummheit eintreten würde“, erklärt er. „Anders gesagt: Die Menschheit hat durch Klimaschutz reagiert und das Worst-Case-Szenario dadurch mehr und mehr unplausibel gemacht.“

Jetzt deshalb Klimaschutzmaßnahmen zurückzufahren, würde den Klimawandel aber wieder beschleunigen. Von einer Entwarnung könne also keine Rede sein, sagt Maraun: „Das neue Worst-Case-Szenario geht noch von 3,5 Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts aus – anstelle von 4,8 Grad im alten. Bezogen ist die Erwärmung im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung. Jetzt Klimaschutzmaßnahmen zurückzunehmen würde uns genau zu diesem Worst-Case führen, mit all den damit verbundenen Folgen.“

Das sagt der Weltklimarat

In einem Post bei X wurde sogar behauptet, 46 Klimawissenschaftler hätten den Weltklimarat IPCC verlassen, weil sie ihn als unseriös ansehen würden.

Das deutsche Koordinationsbüro des IPCC sagt zu diesen Vorwürfen auf Nachfrage: „Uns ist kein Rücktritt von IPCC-Autorinnen oder -Autoren in diesem Zusammenhang bekannt.“ Falls sich die Zahl 46 auf einen Beitrag auf der Online-Seite „The Dragon Breath“ beziehe, teilt das Büro mit, seien die dort genannten Personen nicht Autorinnen oder Autoren des aktuellen Zyklus. Einige hätten „vor langer Zeit“ etwa als Gutachter beigetragen.

In der Vergangenheit habe es wenige Fälle gegeben, bei denen Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler aus Protest den IPCC verlassen hätten. „Diese waren ausgelöst durch Unstimmigkeiten innerhalb des wissenschaftlichen Autorenteams“, so das Büro weiter. Eine Liste der aktuellen Autorinnen und Autoren ist online abrufbar.

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