FAQ
Deutschland ächzt unter einer Hitzewelle – doch beim Schutz der Bevölkerung bleiben viele Maßnahmen Stückwerk. Wo Bund, Länder und Kommunen stehen und wo es weiterhin hakt.
Was kann die Politik für den Hitzeschutz überhaupt tun?
Im föderalen System sind vor allem Länder und Kommunen zuständig für Hitzeschutz und Hitzeaktionspläne. Hierbei geht es um den Schutz besonders gefährdeter Menschen, um Städtebauförderung wie die Entsiegelung von Flächen sowie eine Begrünung, die in stark bebauten Gebieten mehr Schatten bringt.
Das Thema Hitze hat in den vergangenen Jahren auch in der Bundespolitik an Bedeutung gewonnen, oft sind das aber eher unverbindliche Strategiepläne oder einzelne Fördermaßnahmen. Es gibt etwa einen Hitzeschutzplan für die Gesundheit, eine Strategie zum Hitzeschutz in der Stadtentwicklung oder Förderprojekte, die den Umbau von Kindertagesstätten oder Krankenhäusern unterstützen sollen. Der Bund agiert hier bisher eher in der Rolle des Impulsgebers.
Was wurde bisher unternommen?
Es existiert auf Bundesebene bereits ein Klimaanpassungsgesetz – dort gibt der Bund vor, dass die Kommunen Klimaanpassungsmanager haben müssen, die das vor Ort regeln. Dies scheiterte jedoch bisher oft an der Finanzierung, der Bund kann nur einzelne Modellprojekte fördern oder nur über einen bestimmten Förderzeitraum laut Gesetz helfen. Damit der Bund dauerhaft einsteigen könnte, müsste das Grundgesetz geändert werden: Es bräuchte eine Ausnahmeregelung, die die Klimaanpassung als Gemeinschaftsaufgabe definiert.
Im gemeinsamen Koalitionsvertrag von Union und SPD steht dies als Prüfauftrag beim Kapitel der Anpassung an den Klimawandel: „Dazu richten wir einen Sonderrahmenplan Naturschutz und Klimaanpassung ein und prüfen die Einführung einer diesbezüglichen Gemeinschaftsaufgabe.“
Vor rund drei Jahren hat der damalige SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach einen „Hitzeschutzplan für die Gesundheit“ vorgelegt. Das sei eine Art „Impuls“, erklärte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio. Die Initiative diene dazu, „Akteurinnen und Akteure in den föderalen Strukturen zu sensibilisieren, schnell zu reagieren und eigene, jeweils passgenaue Hitzeschutzmaßnahmen zu ergreifen und mit den bundesweiten Aktivitäten zu vernetzen“.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) fördert die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden. Das Bauministerium hat unter der Ampel-Koalition im Juli 2024 eine Strategie zum Hitzeschutz in der Stadtentwicklung und im Bauwesen veröffentlicht, es fördert demnach Maßnahmen zur Anpassung der Stadtquartiere an Hitze und andere Klimafolgen.
Die Bundesregierung prüft laut Gesundheitsministerium außerdem „übergreifende medizinische und gesundheitsbezogene Lösungen und Reaktionsmöglichkeiten“ für den Fall einer intensiven, außergewöhnlichen Hitzewelle. „Hitzewellen und Dürre“ würden in diesem Jahr als Krisenszenarien für die Länder- und Ressortübergreifende Krisenmanagementübung (LÜKEX) Anwendung finden: „Ziel ist die nachhaltige Verbesserung des übergreifenden und strategischen Krisenmanagements auf Bundes- und Landesebene.“
Was fordert die Opposition?
Die Grünen fordern ein Fünf-Milliarden-Euro-Programm für einen besseren Hitzeschutz in Deutschland, das aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität finanziert werden soll.
„Unser Land ist noch immer nicht ausreichend auf ständig neue und länger andauernde Hitzerekorde vorbereitet“, sagte Grünen-Fraktionsvize Julia Verlinden der Nachrichtenagentur AFP: Man könne „viele grüne Oasen deutschlandweit entstehen lassen und wirksame Abkühlung für Menschen und Tiere ermöglichen“. Dies entspreche 60 Euro pro Bürgerin und Bürger. Insgesamt drei Anträge zum Hitzeschutz, unter anderem auch in der Pflege, brachte die Partei am Donnerstag im Bundestag ein.
Notwendig sei ein Kurswechsel: Der Erhalt und Schutz bereits vorhandener Grünflächen müsse ein verbindliches Ziel für die Kommunen werden. Die Grünen dringen auf eine Entsiegelungsstrategie, „damit der Boden wieder Wasser speichern und somit die Umgebung kühlen kann, statt sich immer weiter aufzuheizen“.
Die Fraktion der Linkspartei fordert in einem Antrag von der Bundesregierung unter anderem einen Gesetzentwurf zum besseren Sonnen- und Hitzeschutz von Arbeitnehmern, die im Freien arbeiten, mit Regelungen zu Berufskrankheiten und Klima-Kurzarbeitergeld. Auch Beschäftigte, die in Innenräumen arbeiten, sollen besser geschützt werden durch eine Überarbeitung der Arbeitsstättenverordnung. Bei zu großer Hitze soll die Arbeitszeit verkürzt werden können.
Wo gibt es Mängel?
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat gerade eine Studie zum Hitzeschutz in deutschen Städten ab 50.000 Einwohnern veröffentlicht. Demnach nahm die Flächenversiegelung dort in den vergangenen sieben Jahren durchweg zu. Gleichzeitig verschwanden zwischen 2018 und 2025 mehr als 900.000 Bäume aus den untersuchten Städten.
„Tatsächlich sind die deutschen Städte überhaupt nicht gut vorbereitet auf den Klimawandel“, sagt DUH-Bundesgeschäftsführerin Barbara Metz. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts gab es im Sommer 2025 rund 2500 Hitzetote.
Diese Zahl ließe sich um bis zu 40 Prozent senken, wenn 30 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsflächen durch Bäume oder hohe Pflanzen beschattet würden, sagt Metz. Nur sieben der untersuchten Städte erreichten diesen sogenannten Beschirmungsgrad.
Was sagen Kritiker?
Deutsche Städte sind nach der Ansicht von Experten auf Hitzephasen kaum vorbereitet, obwohl das Problembewusstsein durchaus gewachsen sei. Fehlende rechtliche Vorgaben, knappe Kassen und ein ausgeprägtes Zuständigkeitsdenken in den Verwaltungen bremsten die Anpassung.
Angesichts anderer akuter Herausforderungen wie der Digitalisierung oder steigender Sozialausgaben rücke Nachhaltigkeit derzeit oft in den Hintergrund, sagt etwa Henning Werner vom dänischen Beratungsunternehmen Ramboll, das unter anderem Städte beim Hitzeschutz unterstützt. „Viele denken, es gibt aktuell dringendere Probleme“, konstatiert er.
Sozial- und Wohlfahrtsverbände wie die Caritas fordern mehr staatliche Unterstützung beim Hitzeschutz – auch für die Pflegeeinrichtungen. Es soll bundesweit rund 100.000 Gebäude wie Kitas und Pflegeheime geben, die nicht ausreichend auf Hitzewellen vorbereitet sind, sagt die Caritas und fordert die Bundesregierung auf, ihnen bei der Klimaanpassung zu helfen.
Verschiedene Ministerien betonen, das mache der Bund bereits. Das Umweltministerium verweist zum Beispiel auf das Förderprogramm „Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen“. Dort stünden 85 Millionen Euro zur Verfügung – verteilt auf drei Jahre.
Mit Informationen von Birthe Sönnichsen, ARD-Hauptstadtstudio
