FAQ
Eine riesige Flutwelle hat in Nepal und China mehr als 150 Menschen getötet. Wie kam es zu der Katastrophe? Wie viele Menschen werden noch vermisst? Warum waren so viele Touristen in der Region?
Es ist Mittwochvormittag in Nepal, als das Land von einer riesigen Flutwelle getroffen wird. Mindestens 157 Menschen sterben, Hunderte werden noch vermisst, darunter auch zahlreiche Touristen. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie Häuser, Fahrzeuge und Menschen von den Wassermassen mitgerissen werden. Die Katastrophe ereignete sich im Grenzgebiet zwischen Nepal und der zu China gehörenden Autonomen Region Tibet.
„Es war eine gewaltige Schlammlawine, die direkt auf uns zukam“, berichtet Keshav Prasad Baral der Nachrichtenagentur AP. Der 68-Jährige hat die Flutwelle überlebt. „Als ich sah, wie sie in unser Haus eindrang, versuchte ich, die Hand meiner Frau zu ergreifen und sie auf die Terrasse zu bringen. Doch sie wurde von den Schlammmassen mitgerissen“, berichtet er. „Vier oder fünf Stunden später kam ein Hubschrauber, um mich zu retten. Meine Frau liegt noch immer irgendwo unter dem Schlamm. Sie ist tot.“
Was hat die Flutwelle ausgelöst?
Was die Flutwelle auslöste, wird noch untersucht. Die nepalesische Katastrophenschutzbehörde vermutet nach ersten Analysen von Satellitenbildern, eine Gletscherlawine könnte in einen Fluss gestürzt sein. Dadurch habe sich ein vorübergehender See gebildet, der anschließend über die Ufer getreten sei. Eine Flutwelle aus Wasser, Eis und Geröll habe dann flussabwärts die Schäden verursacht.
Auch Klimaexperten des in Kathmandu ansässigen International Centre for Integrated Mountain Development (Icimod) vermuten einen Gletscherabbruch in den Fluss Lhende Khola als Ursache. So sei eine plötzliche Flutwelle entstanden, sagte Icimod-Experte Saswata Sanyal. Der Lhende Khola mündet in den Fluss Bhotekoshi, der am Morgen über die Ufer trat.
Der kanadische Geomorphologe Dan Shugar von University of Calgary in Kanada stützt im Spiegel die These des Gletscherabbruchs. Aktuelle Satellitenbilder der Region zeigen aus seiner Sicht, dass ein Gletscher an einem Flusstal östlich des Grenzübergangs Gyirong kollabiert ist. Der Gletscher liege in 5.200 Meter Höhe, wo er sich über eine Felskante schiebe. Dort sei er offenbar abgebrochen und mehr als einen Kilometer weit zum Talboden gestürzt. Womöglich habe das zuletzt warme Wetter in der Gegend eine Rolle gespielt.
In ersten Äußerungen hatte Nepals Außenminister Shisir Khanal noch von einem Erdbeben als mögliche Ursache gesprochen. Dazu passt: Die US-Erdbebenwarte USGS hatte ein Beben der Stärke 4,4 an der Grenze zwischen Nepal und China gemeldet. USGS stellte inzwischen aber klar, dass es sich bei der Erschütterung nicht um ein Erdbeben handelte. Offenbar war der Erdrutsch so stark, dass er eine seismische Wirkung erzeugte.
Die Himalaya-Region, zu der Nepal gehört, erwärmt sich Wissenschaftlern zufolge schneller als der Rest der Welt. Dadurch nehmen Regenfälle in der Gegend zu und die Gletscher schmelzen immer schneller ab.
Was ist über die Opfer bekannt?
Vertreter des nepalesischen Tourismusministeriums teilten mit, dass mehr als 400 Touristen vermisst werden – bei etwa 340 von ihnen soll es es sich um Ausländer handeln.
Das Auswärtige Amt erklärte auf Anfrage, dass die deutsche Botschaft in Kathmandu mit den lokalen Behörden in engem Kontakt stehe. „Zum jetzigen Zeitpunkt hat das Auswärtige Amt keine Kenntnis von deutschen Staatsangehörigen unter den Betroffenen“, hieß es aus Berlin weiter.
In der Region befanden sich auch viele Pilger aus Indien, die nach Kailash in Tibet unterwegs waren – einem heiligen Ort für Hindus. Südkoreanische Regierungsvertreter erklärten, unter den Vermissten seien auch Landsleute, die in Nepal an einem Wasserkraftwerk gearbeitet hätten.
Die Such- und Rettungsarbeiten laufen auf Hochtouren. Die nepalesische Armee setzte Hubschrauber und Rettungstrupps in der Katastrophenregion ein. „Ganze Dörfer und Märkte sind von der Karte ausradiert“, sagte David Fisher von der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC). Die Organisation lieferte eigenen Angaben zufolge Hilfsgüter, darunter Decken, Erste-Hilfe-Sets, Tragen und Leichensäcke.
Welche Schäden gibt es?
Die Wassermassen haben zahlreiche Wohnhäuser und auch Wasserkraftwerke und Solaranlagen zerstört. Laut der Zeitung The Kathmandu Post sollen 19 befahrbare Brücken und 40 Kilometer Autobahn durch die Flut weggespült worden sein.
Mehrere Fernstraßen sind blockiert. Deshalb können Helfer teilweise die betroffenen Regionen nicht erreichen.
Wie sind die Reaktionen?
UN-Generalsekretär António Guterres zeigte sich betroffen und drückte den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. Die Vereinten Nationen würden die von der Regierung geleiteten Rettungsmaßnahmen unterstützen und dafür Hilfsgüter und Helfer bereitstellen.
Chinas Staatschef Xi Jinping ordnete an, alle verfügbaren Kräfte und Mittel für die Rettungsarbeiten einzusetzen. Die „dringlichste Aufgabe“ sei es, „alles Erdenkliche zu tun, um die Vermissten zu suchen und zu retten, die Verletzten schnell zu behandeln und die Opferzahl so gering wie möglich zu halten“.
Aus den USA kommt eine Hilfszusage in Höhe von 500.000 US-Dollar. US-Außenminister Marco Rubio schrieb im Onlinedienst X: „Wir bekunden unsere Solidarität und sind vereint im Gebet für das nepalesische Volk nach den verheerenden Überschwemmungen.“
Der indische Premierminister Narendra Modi bot Nepal „jede mögliche Form humanitärer Unterstützung“ an. „Unsere Teams koordinieren die Rettungs- und Hilfsmaßnahmen eng miteinander“, erklärte Modi nach einem Gespräch mit seinem nepalesischen Kollegen Shah in sozialen Medien.
In einer gemeinsamen Erklärung bekundeten Australien, Großbritannien, die Europäische Union, Finnland, Frankreich, Norwegen und die Schweiz ihre Solidarität mit der Bevölkerung Nepals.
