Mehr als 1,3 Millionen sudanesische Geflüchtete leben in Kairo. Trotz milliardenschwerer EU-Hilfen für Ägypten fliehen viele weiter Richtung Europa – aus Angst und wegen gekürzter Hilfsangebote.
Mariam zeigt ihr neues Zuhause. Seit ein paar Monaten lebt die junge Sudanesin in der ägyptischen Hauptstadt Kairo – geflohen vor dem Krieg in ihrer Heimat. „Es war so schlimm im Sudan, so hart“, sagt die 25-Jährige. Deshalb sei sie geflohen, habe gehofft, dass sie in Ägypten weiterstudieren und arbeiten kann. Sie habe sich auf den Weg gemacht, obwohl es gefährlich gewesen sei.
Doch ihre neue Welt erfüllt die Hoffnungen nicht: Eine staubige Seitenstraße mitten in einem der ärmsten Viertel von Kairos Häusermeer, unverputzte Gebäude, die Straßenschlucht so schmal, dass kaum der Himmel zu sehen ist. Über eine wacklige Treppe, nur von einer Glühbirne beleuchtet, geht es ein paar Stockwerke hinauf in die kleine angemietete Wohnung. Drei karg eingerichtete Zimmer, ein paar Betten und Stühle, ein altes Sofa – hier wohnt Mariam mit ihren Eltern und jüngeren Geschwistern, acht Menschen auf engstem Raum.
Flucht als einzige Möglichkeit
Aber immer noch besser als der Krieg im Sudan, erzählt Vater Ahmed. „An einem einzigen Tag wurden 18, 20 Bomben in unserer Nachbarschaft in Khartum abgeworfen. Die Frau von meinem Cousin starb mit ihren Kindern.“ Eine Bombe habe vier Männer getroffen, mit denen er kurz zuvor zusammengesessen hatte, sagt Ahmed. Das sei nur zehn Minuten vorher gewesen. Seine Frau habe er auf dem Boden gefunden – im Staub, wie er sagt. Sie habe gezittert und habe tagelang nicht stehen können.
Als der Krieg in der Hauptstadt Khartum nicht mehr auszuhalten ist, flieht Vater Ahmed mit seiner Familie – erst innerhalb des Sudan, später dann nach Ägypten. Die Flucht über die Grenze: abenteuerlich. Drei Tage lang seien sie unterwegs gewesen, erzählt Mutter Fatma. Bei Nacht hätten sie die Grenze passiert, um von der Polizei nicht gesehen zu werden. „Die Schmuggler haben uns erpresst und noch mehr Geld verlangt“, sagt sie. Sie habe große Angst gehabt.
Kaum Bildungsmöglichkeit für geflüchtete Kinder
Irgendwie schaffen sie es nach Kairo – sie haben die Schmuggler reichlich bezahlt. Einen ägyptischen Stempel im Pass haben sie nicht, gelten als Illegale in Ägypten. Beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in Kairo haben sie sich als Geflüchtete registriert, doch Hilfe bekommen sie nicht, wie sie erzählen. Die UN-Hilfswerke mussten ihre Leistungen drastisch kürzen.
Die Familie von Mariam bekommt kein Geld, keine medizinische Hilfe und, das Schlimmste, finden sie, keine Schulbildung für die Kinder. „Meine Schwestern können nicht zur Schule gehen“, sagt Mariam. Den ganzen Tag würden sie nur zu Hause sitzen und fernsehen. Auf eine ägyptische Schule dürfen die Kinder nicht gehen, weil sie keinen offiziellen Status haben, und eine Schule für Geflüchtete gibt es bei ihnen nicht. Die Kinder lernen seit Jahren nicht.
Vater Ahmed bricht in Tränen aus. Er wolle, dass sie etwas lernen, denn Bildung sei er Schlüssel zur Welt. „Bildung hebt den Menschen, Ignoranz zerstört ihn“, fügt er hinzu. Ahmed findet, wenn ein Mensch gebildet ist, sei er selbst eine Welt. „Ich würde mir so wünschen, dass meine Kinder alle gebildet werden, aber der Krieg hat das verhindert.“
Willkürliche Verhaftungen und Abschiebungen nehmen zu
Er hat versucht, in Kairo ein neues Leben aufzubauen, irgendwie Geld zu verdienen, verkauft Lebensmittel. Doch sie fühlen sich in Ägypten nicht mehr sicher. Die Behörden hätten angefangen, Leute von der Straße weg einzufangen und abzuschieben. Sie hätten Angst, niemand wolle mehr rausgehen, sagt Ahmed. „Sie schnappen dich, stecken dich ins Gefängnis und schieben dich sofort ab, ohne dass du deine Kinder nochmal sehen kannst.“ Sogar Menschen mit UN-Flüchtlingsstatus würden abgeschoben. „Ich kenne einen Fall: der Mann wurde gefangen, Frau und Kinder sind noch hier“, sagt Ahmed.
Mehr als 1,3 Millionen sudanesische Geflüchtete leben allein in Kairo. Die Regierung bringt sie nicht in Lagern unter, sondern sie mieten sich wie Ahmed Wohnungen in der Hauptstadt und schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch. Bei manchen Frauen ist die Not so groß, dass sie sich prostituieren.
Und mittlerweile – so sagen Menschenrechtsorganisationen – seien die Geflüchteten immer mehr im Visier des ägyptischen Staates: man verzeichne eine Zunahme von willkürlichen Verhaftungen und Abschiebungen. Und das obwohl die EU Ägypten mit mehreren Milliarden Euro unterstützt, um dem Staat beim Umgang mit Geflüchteten zu helfen. Auch um zu verhindern, dass sich die Sudanesen auf den Weg nach Europa machen. Doch genau das passiere mittlerweile, sagen Beobachter: Viele Sudanesen fliehen weiter, weil sie sich in Ägypten nicht sicher fühlen.
Es gibt keine Perspektive in Ägypten
Die ägyptische Regierung hält dagegen, man sorge bestmöglich für die Versorgung der „sudanesischen Brüder“. Ägypten öffne weiterhin seine Türen für die, die Sicherheit und Stabilität suchen. Doch Mariam traut dem nicht: „Du kannst nicht frei herumlaufen“, sagt die junge Frau. „Wenn du nur in ein Geschäft gehst, kann dich die Polizei schon schnappen.“ Sie habe Angst und bleibe nur in der Wohnung, sagt sie. Sogar auf dem Markt habe sie Angst.
Die 25-Jährige ist verzweifelt. Ihr Englisch-Studium wurde durch den Krieg unterbrochen, sie versucht es online irgendwie zu beenden, aber es gibt keine Perspektive in Ägypten. Dabei will sie einfach nur eine Arbeit finden. Sie habe ihre Kraft verloren, ihre Leidenschaft, sagt sie. Sie würden in einer Flasche stecken, aus der es keine Weg hinaus gebe. „Alle Türen wirken verschlossen.“ Sie wolle nur die Chance bekommen zu arbeiten – „zum Beispiel bei der UN oder in einer Hilfsorganisation, ich würde mein Bestes geben“.
Auch sie träumt von einem Leben in einem anderen Land, am liebsten in Europa. Aber eigentlich wünscht Mariam sich nur eines: Ein Ende des Krieges im Sudan, um zurück in die Heimat zu können.
„Mein Traum ist Frieden im Sudan. Freiheit! Demokratie! Ich möchte meinem Volk helfen.“

