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Wie Bots die Kommentarspalten auf Social Media manipulieren

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 9, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Exklusiv

Stand: 09.07.2026 • 06:00 Uhr

In einer umfangreichen Analyse hat eine internationale Recherchekooperation die Kommentare zu Postings von Medien ausgewertet. Besonders beim Thema Iran versuchen Bots und koordinierte Kampagnen, die Debatte zu beeinflussen.

Carla Reveland

Pascal Siggelkow, SWR

„Hoffentlich wird jeder Demonstrant im Iran hart bestraft. Der Iran bleibt Islamisch und ihr werdet nichts dagegen tun können“ und „Befreit den Iran vom Zionismus“: Wenn man sich die Kommentare zu einem Posting des tagesschau-Kanals auf Instagram am 24. Januar anschaut, dann fallen einem diese beiden Sätze ins Auge. Mehrere Hundert Kommentare mit exakt diesen Worten, verbreitet von vielen verschiedenen Nutzern.

Und das zu einem Posting, das ein tagesthemen-Interview mit Reza Pahlavi, dem Sohn des 1979 gestürzten letzten Schahs von Persien aufgreift. Hintergrund waren die Proteste gegen die Regierung im Iran Anfang Januar, die vom Regime brutal niedergeschlagen worden sind – laut verschiedenen Menschenrechtsorganisationen mit Tausenden Toten. Angesichts dessen sind die vielen Kommentare, die das Vorgehen des iranischen Regimes unterstützen, zumindest irritierend.

Sie haben nicht nur denselben Wortlaut, gleich 361 davon sind innerhalb eines Zeitraums von nur 14 Minuten gepostet worden, mehr als 190 sogar innerhalb einer Minute. Sind sie überhaupt authentisch?

Auswertung von mehr als 17,5 Millionen Kommentaren

Dieser Frage ist die internationale Recherchekooperation „Eurovision News Spotlight“, zu der auch der ARD-faktenfinder gehört, nachgegangen. Die gemeinsame Untersuchung mehrerer europäischer öffentlich-rechtlicher Sender hat eine systematische Manipulation der Kommentarbereiche von Nachrichten auf Instagram und Facebook aufgedeckt – darunter botgesteuerte Hassreden, politische Kampagnen und kommerzieller Spam.

Unter den mehr als 17,5 Millionen Kommentaren, die in den zwölf Monaten zwischen April 2025 und März 2026 auf den Konten von BR24, France 24, LRT, ORF, RTVE, Swissinfo, RFI, tagesschau und ZDFheute hinterlassen wurden, löste ein Thema mehr koordinierte, unechte Aktivitäten aus als jedes andere: Iran. Das zeigt sich auch in der Auswertung der 4,2 Millionen Kommentare auf dem Instagram-Account der tagesschau.

Ein koordiniertes Netzwerk

Durch die Untersuchung lässt sich feststellen, dass mutmaßlich ein Bot-Netzwerk Kommentare unter tagesschau-Beiträgen auf Instagram verfasst hat, die das iranische Regime stärken. Dabei zeigt sich ein Cluster mit nahezu perfekter interner Vernetzung, in dem praktisch jedes Konto mit jedem anderen verbunden war.

„Technisch ist das eindeutig: Hunderte wortgleiche Kommentare unter einem einzigen Beitrag, im Minutentakt, fast Hundert Prozent Duplikate – kein Mensch tippt so. Das ist ein koordiniertes, mutmaßlich automatisiertes Netzwerk“, sagt Kim Stoller vom Internationalen Institut für Bildung, Sozial- und Antisemitismusforschung in Berlin (IIBSA).

Gewaltaufrufe gegen „Zionisten“ und den „Westen“

Darüber hinaus fanden sich auf den Instagram-Seiten von tagesschau und ZDFheute identische Kommentare, in denen Muslime weltweit zu gewaltsamer Rache gegen den Westen und gegen Zionisten aufgerufen wurden, wobei der Konflikt in Iran als Teil eines globalen Krieges gegen den Islam dargestellt wurde.

Der Westen führt keinen Krieg gegen den Iran sondern gegen Muslime auf der ganzen Welt. Der Hass gegen Muslime ist ihr Antrieb unsere Frauen zu vergewaltigen und unsere Kinder zu töten. Muslime wehrt euch mit allen Mitteln egal wo auf der Welt ihr seid. Rächt unsere Geschwister in den Muslimischen Ländern! Habt kein Mitleid so wie die Zionisten kein Mitleid mit uns Muslimen haben.

Mehr als 80 Accounts veröffentlichten am selben Tag, dem 2. März, die identische Nachricht in den Kommentarbereichen beider Sender. Alle Accounts, die diesen Text bei der tagesschau kommentierten, posteten ihn um 16:19 Uhr.

Auffälligkeiten bei den Profilen

Schaut man sich die Profile der Kommentatoren an, gibt es einige Gemeinsamkeiten: Viele von ihnen wurden erst im Jahr 2025 erstellt, ihr Instagram-Handle enthält längere Zahlenkombinationen und sie haben teils sehr wenige Follower und Beiträge. Besonders auffällig: Viele der Accounts sind in Indien gemeldet.

„Das ist die Signatur gekaufter Reichweite über Klickfarmen oder Bot-Netzwerke“, sagt Stoller. Solche Netzwerke seien oft Dienstleister und ließen sich für beliebige Inhalte mieten.

Verdächtige Kommentare für Pahlavi

Auch bei Kommentaren, die den Schah-Sohn Pahlavi unterstützen, sind bestimmte Muster zu erkennen. Im internationalen Datensatz stellen die pro-Pahlavi Kommentatoren sogar die größte einzelne koordinierte Community dar.

Accounts in diesem Netzwerk posteten gemeinsame Hashtags wie etwa #KingRezaPahlavi, #FreeIran, #IranRevolution2026 oder #DigitalBlackoutIran und verwendeten in vielen Fällen nahezu identische Textvorlagen, die wahrscheinlich über Messaging-Apps verbreitet wurden.

Auf dem tagesschau-Instagram-Kanal lassen sich im Januar zwei Posts finden, bei denen auffällig oft „King Reza Pahlavi“ kommentiert wurde. Auch hier wurden die Kommentare jeweils innerhalb von wenigen Minuten abgesetzt. Die meisten der Kommentare beziehen sich dabei auf dasselbe Posting wie die Kommentare, die mutmaßlich von Bots im Sinne des Regimes gepostet wurden.

Insgesamt verteilen sich die Kommentare jedoch auf weniger Accounts, da es mehrere gibt, die gleich zehn Mal oder öfter denselben Wortlaut kommentiert haben. Bei den Nutzern, die im Sinne des Regimes kommentierten, waren es in der Regel ein bis zwei Kommentare pro Nutzer. Viele Accounts haben weder Follower noch eigene Beiträge oder ein Profilbild. Das technische Muster ist hier jedoch ein anderes: „Das ist gezielte Verstärkung durch wenige Hände, kein breites Botnetz“, sagt Stoller.

Gleiche Kommentare gegen das Regime

Weitere Sätze, die auffällig oft unter gleich mehreren Postings des tagesschau-Kanals in den Kommentarspalten auftauchen, sind beispielsweise: „Erneut hat die Islamische Republik das Internet und die Telefonverbindungen abgeschaltet und die Menschen im Iran vom Rest der Welt abgeschnitten. Iranerinnen und Iraner im Ausland sind zutiefst besorgt um die Sicherheit unserer Mitbürger. Das Schweigen eines Volkes ist keine Sicherheit – es ist Geiselnahme. Seien Sie die Stimme Irans.“ Dieser Text tauchte Hunderte Male unter anderem bei tagesschau, ORF, France 24, RFI, RTVE und ZDF auf.

Die Nutzer, die diese Kommentare verbreiten, wirken dabei jedoch auf den ersten Blick authentischer mit Blick auf deren Profile. So haben sie nicht nur deutlich mehr eigene Beiträge und Follower, auch gibt es meist ein Anzeigebild und eine Beschreibung in der Bio.

Die Kommentare der User verteilen sich zudem auf größere Zeiträume. So wurden beispielsweise bei der tagesschau 57 Kommentare mit dem Wortlaut am 9. Januar zwischen 12:21 und 12:58 Uhr verbreitet, 33 zwischen 13:03 und 13:57 Uhr und in den Stunden danach jeweils noch einige mehr. Zudem verteilen sich diese Kommentare auf mehrere Postings, die teilweise gar keinen Bezug zum Iran hatten, sondern beispielsweise von einem Schneesturm in Norddeutschland handelten. Dies unterscheidet sich von den mutmaßlichen Bot-Netzwerken.

Abgesprochene Aktionen von Aktivisten?

Stoller hält es angesichts dieser Muster für möglich, dass sich es sich hierbei um abgesprochene Aktionen handelt. „Technisch ist das die saubere Gegenprobe zum Botnetz: authentischere Profile mit Bild, Bio und echten Beiträgen; Kommentare über Stunden und über viele Postings verteilt statt in einem Minutenfenster; derselbe Baustein auf Deutsch und Englisch. Das ist vermutlich das Muster einer abgesprochenen Menschen-Kampagne.“

Täglich bis zu 150.000 Kommentare

Die Recherche zeigt, dass die Kommentarspalten reichweitenstarker Nachrichtenkanäle in den Sozialen Netzwerken gezielt genutzt werden, um Diskurse zu beeinflussen. „Von unserer Reichweite und der Glaubwürdigkeit der Marke wollen auch andere profitieren, das ist uns bewusst“, sagt Juliane Leopold, Chefredakteurin Digitales von ARD-aktuell.

Doch Leopold betont: „Wir lassen uns nicht manipulieren und tragen durch unsere verlässliche Berichterstattung zur Meinungsbildung bei, was wiederum das Risiko minimiert, dass andere durch solche Versuche manipuliert werden.“ Das Community-Team moderiert täglich bis zu 150.000 Kommentare. „Spam im Sinne von ständigen Wiederholungen desselben Textes löschen wir, genauso Kommentare, die nichts mit dem eigentlichen Thema des Posts zu tun haben“, sagt Timo Spieß, Head of Social Media.

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Dr. Heinrich Krämer
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