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Politik

Wie Diebe nachts Lastwagen aufschlitzen und Ware klauen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 2, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 02.08.2026 • 15:12 Uhr

Im Dunkeln kundschaften Kriminelle an Autobahnen Lkw aus – und wenn die Fahrer schlafen, schlagen sie zu. Der Schaden ist immens: Waren im Wert von 1,3 Milliarden Euro werden jährlich so gestohlen, schätzen Experten.

Mirja Fiedler

Es ist kurz vor Mitternacht und stockdunkel an der Autobahnraststätte Kersdorfer See nahe dem brandenburgischen Briesen. Hier an der Autobahn 12 parkt ein Lastwagen neben dem anderen. Viele Fahrer schlafen in den Kabinen. Genau dann ist ihre Ladung aber in Gefahr.

Denn Diebe nutzen die Nacht, um die Planen der Wagen aufzuschlitzen. „Ein typischer Sichelschnitt.“ Polizeihauptmeister Frank Huth deutet auf einen halbkreisförmigen Schlitz in einer Lkw-Plane. „Da gucken die Täter oder der Täter rein. Die können das besser abklappen, als wenn er einen geraden Schnitt hat.“ Erst nach dem Blick hinter die Planen entscheiden viele Kriminelle, ob sich die Beute lohnt.

Polizisten suchen nach Planenschlitzern

Zusammen mit Polizeihauptkommissar Silvio Grabow leuchtet Huth die Lastwagen mit einer Taschenlampe ab. Seit mehr als 20 Jahren fahren die beiden Beamten der Autobahnpolizei Fürstenwalde auf Streife. An diesem Tag steuern sie sechs Raststätten an der Autobahn 12 an.

„Es wird alles gestohlen“, erläutert Grabow. „Von 40 Tonnen Haribo-Ladung bis hin zu Sportschuhen, Fahrrädern, TV-Geräten.“ Die Täter erbeuteten auch Sprit, ergänzt der Polizist. „1.000 Liter Diesel, mal 500 Liter Diesel aus den Tanks. Es ist alles dabei.“

Jährlich entstehen Milliardenschäden

Wirtschaftsverbände schätzen, dass bundesweit jedes Jahr rund 26.000 Lkw-Ladungen gestohlen werden. Statistisch bedeute das alle 20 Minuten ein neuer Fall, erklärt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Die Schäden für Waren lägen jährlich bei rund 1,3 Milliarden Euro. Dazu kämen 900 Millionen Euro auf Grund von Folgeschäden wie Konventionalstrafen, Umsatzeinbußen und Produktionsausfällen.

„Jeder dritte Frachtdiebstahl passiert während des Parkens“, sagt GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. „Die gut organisierten Verbrecher stehlen dabei Millionenwerte und wenden teilweise rücksichtslos Gewalt gegen die Fahrer an.“

Lkw-Fahrern ist Risiko bewusst

Lastwagenfahrer wissen, wie skrupellos die oft internationalen Banden vorgehen. An der Raststätte Briesenluch in Brandenburg hat in dieser Nacht ein Fahrer aus Polen gestoppt. „Es ist dunkel hier. Es gibt keine Beleuchtung“, sagt Robert, der Waren aus dem polnischen Posen nach Dortmund transportiert. „Meine Kollegen haben so eine Situation schon gehabt. Denen wurde schon einmal der Treibstoff abgezapft.“

Die Autobahnpolizisten raten den Fahrern, ihre Kabinen nachts zu verschließen, um nicht noch selbst bestohlen zu werden. Die Täter versuchen nämlich, mit Tricks an Geld zu gelangen. Im vergangenen Juni hatte laut Polizei auf dem Parkplatz gegen 2.15 Uhr ein Mann an die Fahrzeugtür eines Autofahrers aus der Ukraine geklopft. Der Unbekannte habe den 36-Jährigen auf einen angeblichen Schaden an seinem Fahrzeug aufmerksam machen wollen.

Als der Ukrainer ausgestiegen sei und mit dem Fremden seinen Wagen begutachtet habe, habe offenbar ein zweiter Täter unbemerkt eine Handtasche mit Bargeld und Dokumenten aus dem Auto geklaut. „Das spionieren die vorher aus, ob irgendwo eine Tasche, ein Portemonnaie liegt“, erläutert Polizeihauptmeister Huth. „Das wird gegriffen – ratzfatz, weg sind sie. Meistens mit einem anderen Fahrzeug.“

Phänomen der „Phantomfrachtführer“ weitet sich aus

Die Kriminellen zu fassen, ist für die Polizisten sehr schwer. In Brandenburg registrierten die Beamten nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr 55 Fälle von so genannten Planenschlitzern. Ein Drittel von ihnen hätten sie aufklären können.

„Jeder Fall ist einer zu viel“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) Berlin-Brandenburg, Eberhard Tief. „Das Problem ist eigentlich tatsächlich der Ladungsdiebstahl, der sich jetzt ausweitet in eine Form von organisierter Kriminalität.“

Mittlerweile verlagere sich der Diebstahl von der analogen in die digitale Welt – in der Branche bekannt als Phantomfrachtführer, schildert Tief eine Masche. „Wir haben also eine echte Fracht, einen echten Frachtauftrag, aber wir haben einen Frachtführer, der sich die Identität gestohlen hat und dann die Ware nicht vom Verlader zum Empfänger bringt.“ Stattdessen verkauften die Täter die gestohlene Ware so schnell wie möglich, weil sie meist keine Lager hätten, ergänzt der Verbandschef.

Mehr Licht an Raststätten gefordert

Tief fordert wie die beiden Autobahnpolizisten, dass Raststätten besser ausgeleuchtet werden. Denn die beiden Beamten Grabow und Huth haben auch in dieser Schicht trotz Kontrollen nur Planenschlitze entdeckt, aber keine Diebe.

„Die sehen die Taschenlampen von uns, klettern unter den Lkw oder rennen im Schatten des Lkw weg“, erläutern sie. „Hier fehlt Beleuchtung. Wir können von hier gucken bis zur Toilette. Aber das war es – Feierabend.“ Die beiden Polizisten befürworten auch große Plakate, die bald an den Raststätten aufgehängt werden sollen, um Fahrer vor dreisten Dieben zu warnen.

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