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Politik

Wie Gentrifizierung einen kleinen Ort in der Uckermark verändert

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 1, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 01.06.2026 • 04:02 Uhr

Wald, Seen und ganz viel Platz: Der kleine Ort Gerswalde in der Uckermark hat Berliner angelockt. So kommen Leben, Kaufkraft und kreative Impulse in den Ort – aber auch Konflikte zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen.

Von Helge Oelert und Kerstin Breinig, rbb

Am Samstagvormittag wird es voll in Gerswalde in der Uckermark. Am Straßenrand parken dutzende Autos, ein Strom von Menschen flaniert die Dorfstraße entlang. Ihr Ziel: „Der große Garten“, eine Art Wunderland für stadtmüde Tagestouristen aus Prenzlauer Berg, Mitte oder Kreuzberg. Hier finden sie alles, was sie in Berlin auch haben, Galerien, Cafés nur mit Weitblick in die Uckermark. Mina Mahouti hat hier ihr Bistro eröffnet – zum „Soft opening“ hat es Grilled Cheese Sandwich und Tiramisu gegeben zu Berliner Preisen.

Die Alteingesessenen trifft man nicht im „Großen Garten“, sondern im Dorfladen. Berührungspunkte? Gibt es nicht. „Was sie da veranstalten, wissen wir noch nicht. Und einen eigenen Garten haben wir auch“, sagt einer und verschwindet, so wie die meisten Besucher nach dem Wochenendausflug. Auch Bistrobetreiberin Mina Mahouti pendelt. „Ich finde einfach die Abwechslung ganz gut. Stadt und Land. So komplett alles in Berlin abreißen finde ich ein bisschen zu radikal.“

Höhere Einkommen, mehr Geld für Hauskauf

Gerd Henselin lebt seit seiner Geburt in Groß Fredenwalde, einem Ortsteil von Gerswalde, auch seine Eltern und Großeltern sind hier aufgewachsen. Er hat miterlebt, wie sein Dorf immer leerer wurde, weil in der strukturschwachen Region die Arbeitsplätze wegfielen.

Vor 100 Jahren lebten in der Gemeinde noch 400 Menschen. Heute sind es, so erzählt er, noch maximal 85, die ihren Hauptwohnsitz in Groß Fredenwalde haben. „Im Wesentlichen sind alle Häuser, die hier freigezogen werden, wo Menschen verstarben oder weggezogen sind, an Berliner oder zumindest in Berlin wohnende Menschen verkauft worden“, sagt er.

Der Dorfladen von Gerswalde – hier trifft man die Alteingesessenen.

Die Einkommen in den Städten sind höher als auf dem Land. Deshalb können viele Berliner auch mehr bieten, wenn Häuser verkauft werden. Und so müssen Einheimische auf die wenigen Mietswohnungen ausweichen. In der ehemaligen Schule sind Ferienwohnungen entstanden, die Schule selbst ist schon lange geschlossen.

Ferienwohnungen im alten Gutshaus

Im alten Gutshaus ist zumindest ein bisschen Leben eingezogen. Früher gehörte es der Familie von Arnim, heute einer ehemaligen Medienmanagerin aus Berlin. Mehrere Millionen Euro hat sie in die Renovierung und Sanierung gesteckt. Wenn ihr Kind mit der Schule fertig ist, will Maria von Borcke öfter im Dorf leben. So lange bleibt es ihr Wochenendidyll – mit Tennisplatz und Pool. In einem Stallgebäude hat sie 20 Ferienwohnungen eingerichtet und finanziert darüber ihr Leben in der Stadt.

Dass auch ihre Entscheidung das Leben im Dorf verändert hat, sieht von Borcke selbst. Auch dass die alte Dorfstruktur mit jedem Haus, das an einen Zugezogenen verkauft wird, ein bisschen mehr verschwindet. „Man kann schon auch von Gentrifizierung sprechen, da muss man ein bisschen drauf gucken, dass das nicht zu schlimm wird“, sagt sie.

Ruiniert ein Solarpark den Blick ins Grüne?

Von außen wurde Gerswalde gefeiert als Modell, das Perspektiven aufzeigt für den von Abwanderung und Überalterung bedrohten ländlichen Raum. Der Zuzug der Neuen sollte ein Rettungsanker sein. Doch mancherorts sind sie es jetzt, die bremsen und nichts mehr verändern wollen – weil sie hierhergezogen sind, weil alles so ist wie es ist.

So sorgt der Plan der Gemeinde, auf den Feldern zwischen den Ortsteilen einen großen Solarpark bauen zu lassen, für eine gewisse Missstimmung bei einigen Zugezogenen. Ihre Häuser haben jetzt noch freien Blick auf die Uckermark. Johanna Michel etwa fürchtet um den Ausblick aus dem „Schwarzen Haus“. „Das Haus ist unser absoluter Lebenstraum. Eine Herzensangelegenheit, die wir uns lange gewünscht hatten“, sagt sie. Die Berliner Modeprofessorin wohnt selbst nicht hier.

Der Gemeinderat hat den Plänen für einen Solarpark aber zugestimmt, mit einer Gegenstimme – ihrer. Die Interessen der Dorfgemeinschaft sind an dieser Stelle einfach andere. „Wenn wir hier junge Leute halten wollen, wenn wir die Schule erhalten wollen und die Straßen auch halbwegs pflegen wollen, dann müssen wir leider auch solche Kompromisse eingehen“, sagt der stellvertretende Bürgermeister Frank Riebe.

Miteinander im Dorf-Chor

Doch es ist nicht nur Alte gegen Neue, nicht nur Nebeneinander. Es gibt auch ein Miteinander. So heißt der Verein, den Frank Riebe gegründet hat, „Füreinander – Miteinander“.

Bei Bier und Bratwurst kommen sich die verschiedenen Gruppen näher. Auch die alte Feuerwache im Ortsteil Groß Fredenwalde ist zu einer Art Symbol geworden für das Zusammenwirken von Alteingesessenen und Zugezogenen. Gemeinsam haben sie das Haus renoviert und zum Begegnungsort gemacht.

Der Dorf-Chor probt in der alten Feuerwache.

Auch der Dorf-Chor probt in den Räumen. Man trifft sich zum Singen, lernt sich kennen. Stadt, Dorf, Pendler – spielt dabei keine Rolle. Es ist eine Mischung, die beim Singen wunderbar funktioniere, wie Chormitglieder sagen. Und so ist es kein Wunder, dass sich auch mal ein Berliner Hit musikalisch nach Gerswalde verirren kann.

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Dr. Heinrich Krämer
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