Tourismus ist für Jordanien eine der wichtigsten Einnahmequellen. Doch mit dem Krieg ist vieles weggebrochen. Zuletzt wurde das Land immer öfter zum Angriffsziel – und in der Bevölkerung steigt der Frust über den Partner USA.
Der beste Moment, sagt Yazan Mahadin, das ist, wenn am Morgen nach Regen die ersten Sonnenstrahlen auf das Schatzhaus fallen. Wenn das Licht sich im Dunst bricht und die rosarote Maserung des Steins hervorhebt. „Das ist eine Schönheit, die unbeschreiblich ist“, sagt er.
Das Khazne al-Firaun, das Schatzhaus des Pharao, ist im jordanischen Petra wohl das bekannteste Grabmal, das vor rund 2.000 Jahren vom Volk der Nabatäer in massiven Fels gehauen wurde.
Eigentlich würden sich Touristen zur Hauptreisezeit um das Postkartenmotiv drängeln. Doch statt Menschenmassen besuchten das Weltkulturerbe in diesem Frühjahr nur wenige. „300 bis 500 am Tag. Normal wäre das Zehnfache gewesen“, sagt Mahadin von der lokalen Tourismusbehörde.
Jordanien stand immer für Stabilität
Der Tourismus ist in Jordanien zu Beginn des Kriegs zwischen den USA und Iran eingebrochen. Regierungen erließen Reisewarnungen. Airlines sagten Flüge ab. Anfangs, direkt nach dem 28. Februar, hätten die Stornierungen bei 100 Prozent gelegen, sagt Mahadin. Für das Land, in dem der Reiseverkehr rund 15 Prozent der Wirtschaftskraft ausmacht, eine Katastrophe.
In einer turbulenten Region gilt Jordanien eigentlich als Anker für Stabilität und Sicherheit. Doch das Königreich geriet schon in der Vergangenheit aufgrund seiner Lage in den Konflikten der Nachbarn immer wieder zwischen die Fronten. Wenn Krieg in Gaza wütete, Raketen zwischen Israel und Iran oder der Hisbollah-Miliz im Libanon flogen, dann war auch Jordaniens Wirtschaft betroffen.
Konflikt von neuer Qualität
Nun im Iran-Krieg steht das Land plötzlich selbst unter Beschuss. „Es ist eine neue Qualität jetzt bei diesem Konflikt, dass auch Jordanien selbst zum Ziel von iranischen Angriffen und pro-iranischen Milizen wurde“, sagt Veronika Ertl, Leiterin des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Amman.
Seit US-Präsident Donald Trump seine Angriffe auf Iran zuletzt ausweitete, trafen auch Jordanien verstärkt Vergeltungsschläge. Ins Visier gerieten Einrichtungen des US-Militärs. Drei US-Soldaten starben dabei. Gebäude, Hubschrauber und Kampfjets nahmen Schaden. Jordanien selbst meldete nur abgewehrte Drohnen. Berichte zu Schäden oder verletzten Zivilisten gab es nicht.
Iran setzt auch auf Propaganda
Zunehmend setzt Iran im Krieg auch auf Propaganda, um Jordanien gefährlich zu werden. Nach den Angriffen verbreiteten sich Gerüchte, dass auch Jordanier Iran mit Informationen versorgt haben könnten. Vor ein paar Tagen rief die Revolutionsgarde die jordanische Bevölkerung sogar öffentlich zum Kampf gegen die US-Truppen im Land auf. Von einer „religiösen Pflicht“ gegen die „Mörder unterdrückter Muslime“ war die Rede.
In einer Gesellschaft, in der mehr als die Hälfte der Menschen palästinensische Wurzeln hat, werden die USA und sein Partner Israel ohnehin oft abgelehnt. Iran versucht nun offenbar gezielt, diese Ressentiments zu verstärken.
Das Ziel: Jordanien zu destabilisieren
Der Nahost- und Sicherheitsexperte Amer Sabaileh aus Amman erkennt darin eine umfassende Strategie. „Besonders die Versuche, Teile der Öffentlichkeit zu mobilisieren, zielen darauf, Jordanien von innen heraus zu destabilisieren“, sagt er.
An sich habe Jordaniens Bevölkerung keine große Nähe zu Irans Regime oder zur Revolutionsgarde. In der aktuellen Konstellation werde Iran aber von vielen als die angegriffene Kriegspartei gesehen, die sich verteidige, sagt Politikanalystin Ertl. Dafür scheint es in Teilen der Bevölkerung zumindest Verständnis zu geben. „Der Ärger und die Frustration über die erneuten US-Angriffe sind in weiten Teilen der jordanischen Bevölkerung extrem groß, weil man diese als Destabilisierung der Region sieht“, sagt Ertl.
Der Konflikt wird zum Drahtseilakt
Die Regierung versucht, mit Subventionen zu beruhigen. Aktuelle Zahlen der Wirtschafts- und Sozialkommission für Westasien (UNESCWA) zeigen, welchen Kraftakt das Jordanien kostet: Im Verhältnis zu seiner Wirtschaftskraft benötigt demnach kein anderes arabisches Land so große Mehraufwendungen, um die Kriegsfolgen sozial abzufedern. So hält der Staat etwa Mehl und Weizen günstig. Familien sollen sich wenigstens ihr Brot weiter leisten können. Den Staatshaushalt belastet das enorm.
Der Konflikt wird für Jordanien zum Drahtseilakt. Einerseits brodelt es in der Bevölkerung. Andererseits ist das Land von seinen Partnern schwer abhängig. Anders als die Golfstaaten verfügt Jordanien kaum über eigene Ressourcen. Allein aus den USA erhält es in diesem Jahr mehr als 1,4 Milliarden Dollar Militär- und Budgethilfen – laut dem Washington Institute sind das fast acht Prozent des Gesamtstaatsbudgets. Aus Israel wiederum bezieht Jordanien einen Großteil seines Wassers und Erdgases, das es wieder auch zur Verstromung braucht.
Angriffe sollen Bündnisse untergraben
Im Gegenzug gewährt Jordanien den USA unter anderem Zugang zu zwölf Militärstützpunkten. Dort aufgebaute Abwehrsysteme, darunter auch „Patriots“, schützen neben Jordanien im Ernstfall auch Israel. Im Konflikt mit Iran hat der Standort zuletzt strategisch noch an Bedeutung gewonnen.
Das ist offenbar auch ein Grund, weshalb es nun verstärkt unter Beschuss gerät: Der Preis für seine Partnerschaft soll in die Höhe getrieben werden. „Die Angriffe gegen Jordanien zielen in vielerlei Hinsicht darauf, seine Bündnisse zu untergraben“, sagt der Sicherheitsexperte Sabaileh. Das Land würde so geschwächt, Vertrauen der Öffentlichkeit erschüttert und Instabilität im Inneren geschaffen.
Pragmatismus war immer Jordaniens Stärke
„Für Jordanien war seine pragmatische Außenpolitik seit jeher eine seiner größten Stärken“. Es komme für die Regierung aber darauf an, den eigenen Leuten die Risiken und Gründe für die Politik auch transparent und glaubwürdig zu vermitteln, sagt Sabaileh. „Dem sollte sie in der aktuellen Lage mehr Bedeutung beimessen“, sagt er.
Jordanien sei weiter ein stabiler und verlässlicher Partner, sagt Analystin Ertl in Amman. Der Preis dafür, dass das Land diese Rolle weiter spielen und seine Stabilität wahren kann, sei aber nach oben gegangen. „Dieser Balanceakt, den Jordanien schon immer innenpolitisch und in der Region hatte, der wird immer schwieriger.“
Jordaniens Hauptstadt Amman: Einige Fluggesellschaften aus Europa wollen wieder Verbindungen aufnehmen
Etwas Hoffnung für den Tourismus
Immerhin haben einige Airlines aus Europa angekündigt, Amman ab dem Herbst wieder anzufliegen. Etwas Hoffnung für den Tourismus – sofern sich die Lage beruhigt.
Yazan Mahadin, der Verantwortliche aus der Felsenstadt Petra, möchte eigentlich Zuversicht zeigen. Er erlebte in den vergangenen Monaten aber auch, dass Familien, die seit Generationen vom Tourismus leben, für ihre Kinder inzwischen nach Alternativen schauten: Arbeit in der Schokoladenfabrik etwa, im Industriepark, auf Gemüsefarmen. Der Tourismus biete für so viele einfach keine sichere Lebensgrundlage, sagen sie.
Vergangene Konflikte zeigten, dass es selbst nach Entspannung viele Monate dauern kann, bis Reisende sich wieder in die Region trauen. Statt auf Ausländer setzten die Behörden deshalb zuletzt auf einheimische Besucher. Mahadin erzählt, dass viele Schulklassen nach Petra kamen. „Sie sollen ihre eigene Geschichte kennenlernen.“ Und darauf, sagt er, sei er auch ein bisschen stolz.
