Das Wetterphänomen El Niño könnte in diesem Jahr besonders extreme Folgen haben. In Uruguay bereiten sich die Menschen auf starke Regenfälle vor. Dafür verändern sie die Hauptstadt und forschen an wasserdurchlässigem Straßenbelag.
Kalt ist es in Uruguay: Pablo Bras trägt Handschuhe und eine blaue Daunenweste über dem dicken grauen Kapuzenpulli. Mit Sorge blickt der Kioskbesitzer auf den Fernseher. Das Wetterphänomen El Niño soll Uruguay und ganz Südamerika dieses Jahr besonders stark treffen. Die Frage sei weniger, ob, sondern vielmehr wann. „Es heißt, es kommt der ‚Super-El-Niño‘ und ich kann dir sagen, wir haben alle Angst. Wenn man sieht, was in Uruguay los ist, die Orte, die vor zwei Wochen überschwemmt wurden – es macht Angst.“
Die ersten Überschwemmungen gab es dieses Jahr bereits: Pablo holt das Smartphone raus und zeigt Videos. Vor vier Jahren hat sich seine Straße in einen reißenden Fluss verwandelt, der Autos und Container mitgerissen hat, der Keller überflutete und auch seinen Kiosk beschädigte. Die Erinnerungen der Vergangenheit machen ihm Angst. „Jedes Mal, wenn es regnet, sind wir Nachbarn in Alarmbereitschaft. Dann heißt es gleich: Achtung, es wird regnen, bring dein Auto in Sicherheit. Wenn es richtig heftig regnet, dann ist das schrecklich. Wir zittern alle vor Angst“, berichtet er.
„Äußerst schwierige Situation“
Uruguays Hauptstadt Montevideo liegt am Rio de la Plata. Schon seit Jahren steigt der Wasserpegel durch den Klimawandel. Durch Starkregen steigt die Überschwemmungsgefahr zusätzlich. Und in diesem Jahr könnte es besonders heftig werden – wie Modelle zeigen. Von einem „Super-El-Niño“ ist vielfach die Rede.
Die Regierung hat bereits 750.000 US-Dollar Kredit für Katastrophenhilfe aufgenommen, berichtet Alejandro Sanchez, Staatssekretär im Präsidialamt. „Wir gehen derzeit davon aus, dass insgesamt rund 25.000 Menschen ihre Wohnung verlassen müssen. Wir befinden uns in einer äußerst schwierigen Situation, die sich natürlich auf den Wohnraum, die Arbeitsplätze, den Tourismus und das gesellschaftliche Leben der Menschen in Uruguay auswirken wird.“
Straßenbelag soll Wasser durchlassen
Doch tatenlos ist man in Uruguay nicht: An der Universidad de la República forscht Bauingenieur Ignacio Marero an wasserdurchlässigem Straßenbelag. Denn ein Problem vieler Städte sei, dass es zu viel Beton gebe und sie quasi wasserdicht seien. „Mein Interesse kam durch all die Unwetter“, berichtet der Wissenschaftler.
Auf die Mischung kommt es an. Das Gemisch soll Wasser durchlassen, aber auch Gewicht aushalten. Ein Parkplatz hat andere Erfordernisse als eine Straße. Die Wissenschaftler begleiten und beraten Unternehmen. Denn wer heute in Uruguay baut, ist verpflichtet, sich darum zu kümmern, was mit dem Regenwasser passiert. Zement und grober Kies werden zusammengerührt. Was entsteht, sieht erstmal aus wie ein grauer Puffreis. Wenn Wasser auf die Oberfläche trifft, fließt ein guter Teil direkt unten wieder raus. Der wasserdurchlässige Beton bremst den Überflutungsprozess.
„Wir konnten zeigen, dass das Wasser nicht mit derselben Geschwindigkeit abfließt, wie es hinein fließt“, sagt Marero. „Ein Teil des Wassers versickert in den Boden, ein anderer fließt beispielsweise in die unterirdischen Rückhaltebecken.“
Unterirdische Rückhaltebecken und Regengärten
Die Taschenlampen von Pablo Guido und seinem Team lassen die Dimensionen erahnen. Dieses Becken fasst 3.000 Kubikmeter, andere 20.000. Sieben hat die Stadt in den vergangenen Jahren nach und nach ausgebaut, weitere seien in Planung. „Es funktioniert wie ein Dach, das Regenwasser läuft hier rein und füllt allmählich den Raum. Was hier reinfließt, ist nicht draußen auf der Straße“, sagt Guido.
Die Männer, zuständig für die städtische Abwasserwirtschaft, steigen die Treppe rauf zum Bürgersteig. Hier zeigen sie die vielen kleinen Regengärten, die entstehen, ein paar Quadratmeter dicht bepflanzt. Die Wurzeln und die Erde fangen den ersten Regen ab.
Uruguay versucht sich an die Wetterextreme anzupassen und längst ist nicht klar, ob es dieses Jahr wirklich zu dem befürchteten sogenannten „Super-El-Niño“ kommt. Die Ungewissheit aber belastet Kioskbesitzer Pablo Bras und seine Nachbarn.

